https://www.faz.net/-gy9-852mg

Geländewagen Bentayga : Bentley hat den Range Rover satt

Im Frühjahr 2016 wird der Bentayga auf den Markt kommen Bild: Hersteller

Jeder dritte Bentley-Kunde hat auch einen Geländewagen in der Garage. Der ist oft ein Range Rover. So darf das nicht weitergehen. Also rauscht 2016 der Bentayga heran.

          3 Min.

          In der Welt des Automobils fallen die letzten Tabus. Daran sind die Kunden schuld, die, für manche noch immer unfassbar, ungebremst dem Geländewagen zusprechen. Selbst die Inbegriffe des Luxus können nicht mehr widerstehen. Bentley, Rolls-Royce und Lamborghini entwickeln ihre Modelle, und von diesem Trio ist Bentley am weitesten. Im Frühjahr 2016 wird der Bentayga getaufte Wagen auf den Markt kommen, wir konnten ihn schon mal in der Abgeschiedenheit mit zarter Tarnung ausprobieren.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Von der einst auf der Messe in Genf gezeigten Studie, die wir schaudernd als Schlossgespenst bezeichneten, hat sich Bentley etwas entfernt und das Design massenkompatibler gemacht. Freilich ist der Bentayga noch immer ein stattliches Auto ohne übertriebene Rücksichtnahme, was für Aussehen wie für Antrieb gilt und dem Verkauf wohl auch abträglich wäre. Wer 200 000 Euro für ein Auto ausgibt, will sich nicht verstecken. Die neue Kundschaft wird dort vermutet, wo die alte haust. Nordamerika und China machen mehr als die Hälfte des Absatzes von derzeit 11 000 Luxuslimousinen aus. In Deutschland greifen jährlich nur etwa 400 Kunden zum Bentley, das ist nach Ansicht des Managements zu wenig.

          Der Bentayga soll frischen Schub bringen und in jene Garagen rollen, in denen bislang Range Rover, Porsche Cayenne Turbo S oder Mercedes AMG GLE die Platzhirsche sind - wobei der Hauptkonkurrent eindeutig Range Rover heißt, nicht umsonst orientieren sich viele Parameter an dem noblen Briten.

          Bentley fährt jede Menge technische Finesse, feine Ausstattung und vor allem Motorleistung auf. Unter der 5 Meter langen Karosserie findet ein Zwölfzylinder mit 6 Liter Hubraum Platz, der mindestens 600 PS und 900 Nm Drehmoment entwickeln soll. Zur Kraftübertragung dient die bekanntermaßen gute Achtgangautomatik von ZF, ein elektrisch gesteuerter Torsen-Allradantrieb mit hecklastiger Verteilung im Verhältnis 60 zu 40 und Reifen von Pirelli im Walzenformat 285 45 R 21. Das Ensemble macht aus dem rund 2,3 Tonnen schweren Gelände- einen Sportwagen, der für jedwedes Festival of Speed diesseits von Goodwood genügen sollte. Leichtfüßiger, als er aussieht, lässt sich der Bentayga am kleinen Sportlenkrad dirigieren. Im Lastenheft stehen: in weniger als 5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und schneller als die 286 km/h des Porsche Cayenne Turbo S. Wenn sich 300 km/h ausgehen, wäre es auch recht.

          Auf jeden Fall muss der Bentayga das schnellste SUV der Welt werden. Aber nicht das lauteste. Selbst in der Stellung Sport und trotz Ventils im Auspuff schickt die Maschine dezenten Krawall nach außen, womöglich erwartet mancher mehr von einem Bentley dieser Art. Auch Launch-Control für eigentlich unverzichtbare Raketenstarts fehlt. Es stehen acht Fahr- und Geländeprogramme zur Wahl, und Letztere zeigen erstaunliche Fähigkeiten abseits des Weges. Über Steine, durch Wasserlachen oder, in Großbritannien nicht zu unterschätzen, feuchtes Gras krabbelt er jedenfalls mutiger, als man dem teuren Lack zumuten möchte. Auf Asphalt schluckt das luftgefederte Fahrwerk Schläge bemerkenswert komfortabel, dankenswerterweise verzichten die Briten auf Härte. Der reaktionsschnelle Wankausgleich wirkt Schwankungen in Kurven effektiv entgegen, und dank langem Radstand ist die Richtungsstabilität geradeaus bestens, der Wendekreis indes recht ausladend. Für später wird eine Allradlenkung überlegt.

          Nachgereicht wird zudem mit etwa einem Jahr Abstand ein Achtzylinder-Diesel. Wiederum etwas später ist ein Plug-In-Hybrid mit Achtzylinder-Benziner oder V6 geplant, der 50 Kilometer elektrische Reichweite haben soll. Auch eine Version mit verlängertem Radstand wird überlegt, weil die in China und - wie könnte es anders sein - bei Range Rover so erfolgreich ist, aber zunächst muss sich die Klientel mit dem „kurzen“ Bentayga begnügen. Schon in dem ist hinten trotz des schrägen, in Verbindung mit den massiven Säulen die Sicht zurück ruinierenden Dachs ordentlich Platz für Kopf und Knie. Je nach Wunsch werden hinten zwei Einzelplätze mit Ruheposition oder eine Dreierbank angeboten. Fußstütze, Fernseher, Massage und solche Dinge verstehen sich von selbst. Eine Konfiguration mit sieben Sitzen ist zunächst nicht im Programm. Auf eine durchgehende Mittelkonsole hinten verzichtet Bentley bewusst, weil der Chinese ungern auf der Straßenseite aussteigt.

          Gefertigt wird die Aluminium-Karosserie im Volkswagen-Werk Bratislava und dann nach Crewe geschickt für Lackierung, Motoreinbau und Endmontage. 4000 bis 5000 Kunden möchte Bentley jedes Jahr gewinnen in einem Segment, das weltweit auf 30 000 bis 40 000 Stück geschätzt wird. Ob die Menschheit einen Bentayga braucht? Ihm mangelt es am Majestätischen des Range Rover. Aber er ist die vermutlich unglaublichste Verbindung aus Rennsemmel und Wühlmaus, seit es Schlösser auf Rädern gibt.

          Weitere Themen

          VW Passat Variant Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Fahrbericht : VW Passat Variant

          Der Passat ist ein VW-Klassiker wie der Golf. Die achte Generation fährt ausgereift und fast schon alleine. Im Spitzenmodell ist uns aber der Verbrauch zu hoch.

          Topmeldungen

          Zurück nach Europa : Greta findet Mitsegel-Gelegenheit

          Um es noch rechtzeitig zur Weltklimakonferenz nach Madrid zu schaffen, muss Greta Thunberg bald in See stechen. Ein australisches Youtuber-Paar bringt sie über den Atlantik. Außerdem sieht sie etwas Gutes an Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.