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Bavaria 50 : Der VW Golf unter den Segelyachten

  • -Aktualisiert am

Bavaria war totgesagt, ist aber weiterhin putzmunter Bild: Claus Reissig

Nicht nur das gewagte Styling, sondern vor allem die Qualität von Bavarias Segelyachten beeindruckt. Wer den Aufstieg des VW Golf verfolgt hat, darf auch daran glauben, dass Bavaria ebendiesen Platz im Yachtbau einnimmt. Die neue 50 ist da keine Ausnahme.

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          Wer hätte einmal vor einigen Jahren geglaubt, dass Bavaria zum Trendsetter in Sachen Qualität werden könnte. Dafür waren die Yachten aus dem fränkischen Giebelstadt nicht unbedingt bekannt. Sie waren große, praktische Eigner- und Charterboote mit mäßigen Segeleigenschaften und vor allem günstig gebaut.

          Der Wiederverkaufswert gebrauchter Yachten war dementsprechend: Häufig hätte man für den Wunschpreis schon wieder ein Schiff der nächsten Generation neu bekommen. Der Preiskampf zwischen Bavaria, Hanse und Bénéteau war unerbittlich. Als dann auch noch ein Kiel verlorenging und die Werft kurz vor der Finanzkrise an eine Investorengesellschaft verkauft wurde, hätte es das durchaus sein können mit den Yachten aus Franken.

          Aber sie sind noch da. Die Alleinherrschaft des ehemaligen Werftbesitzers, der vom Segeln an sich wenig verstand, wurde von den neuen Eigentümern durch Manager und Spezialisten aus dem Automobilbau ersetzt. Und auch wenn viele glaubten, es würde vor allem Geld verbrannt, ist nun klar: In Giebelstadt werden heute Yachten konstruiert und gebaut, die in ihrer Preisklasse ihresgleichen suchen.

          16-Meter-Yacht: Die neue Bavaria 50

          Hundertseitiges Pamphlet auf einem Memorystick

          Die neue 50 mit ihren rund 16 Metern Länge ist beispielsweise für einen Einstandspreis von knapp 250.000 Euro zu haben. Absolut gesehen viel Geld, aber im Vergleich zu den Mitbewerbern günstig, und man bekommt einiges geboten: Rümpfe zum Beispiel in Sandwich-Bauweise oberhalb der Wasserlinie (das vermeiden viele Hersteller in Hinblick auf die Kosten), ein komplett einlaminiertes Wrangen-/Stringersystem, das alle Kräfte von Kiel und Mast aufnimmt, Doppelruderanlage oder einen von Bruce Farr konstruierten schnellen Rumpf. Vor allem die Krafteinleitung und die Bauqualität sind erwähnenswert. Das ist Bootsbau, wie man ihn sich wünscht, wenn er aus Deutschland kommt. Durchdacht, rationell und effektiv - so macht man das.

          Bauqualität an einem emotionalen Produkt wie einer Yacht ist nur schwer zu vermitteln. Da bekommt die Presse zur Probefahrt ein hundertseitiges Pamphlet auf einem Memorystick ausgehändigt, dass das verdeutlichen soll. Denn die Angst sitzt tief, dass man bei Bavaria Gutes tut und keiner es merkt.

          Seglerisch auf der Höhe der Zeit

          Zur Beruhigung: man merkt beim ersten Kontakt mit der neuen 50, dass ein neuer Wind durch die alten Produktionshallen weht, dafür braucht man die gewaltige Bedienungsanleitung zum Glück nicht.

          Seglerisch ist die neue 50 ebenfalls auf der Höhe der Zeit, vor allem wenn die Yacht wie zum Test mit den wohlprofilierten und reckarmen Epex-Segeln von Elvström ausgestattet ist. Reichlich 20.000 Euro werden dafür fällig, dass sich Hightech-Segel sowohl im Mast als auch am Vorstag rollen lassen. Nicht unbedingt das, was man erwartet bei einer Bavaria, aber schon beeindruckend, dass das Kreuzen mit diesen Schiffen plötzlich Spaß macht.

          Alles Chichi überlässt sie den Mitbewerbern

          Wohldimensionierte Winschen machen das Dichtholen der Schoten leicht, das Wasser läuft unter Farrs Heck ab wie unter einer Rennyacht. Hier gurgelt nichts mehr. Fast ein wenig unpersönlich ist die Rückmeldung der Doppelruder, Luv-Gierigkeit bei Lage ist ein Fremdwort. Gewöhnungsbedürftig ist die effektive doppelte Großschot statt einem Traveller und das Durchschlüpfen unter dem Unterwant auf dem Weg aufs Vorschiff - ein Tribut an die weit außen stehenden Püttinge.

          Unter Deck ist die Bavaria großzügig, aber undramatisch. Auf Design-Spielereien wurde verzichtet, stattdessen gibt es einen soliden, funktionalen Ausbau. Bequem und praktisch ist die Devise, ein Blender ist sie nicht, die neue 50 aus Giebelstadt. Alles Chichi überlässt sie den Mitbewerbern. Wer den Aufstieg des VW Golf zu einem undramatischen, zuverlässigen Begleiter verfolgt hat, darf auch daran glauben, dass Bavaria ebendiesen Platz im Yachtbau einnimmt. Die 50 ist da keine Ausnahme.

          Daten und Preise

          Länge 15,57, Rumpflänge 14,99 Meter

          Breite 4,67 Meter

          Tiefgang 2,25 Meter (Flachkiel optional 1,85)

          Leergewicht 14,1 Tonnen, Ballast 4,6 Tonnen

          Segelfläche 131 Quadratmeter

          Masthöhe über Wasserlinie 22,35 Meter

          Kraftstofftank 380, Wassertanks 560 Liter

          MotorVolvo PentaD2/75(55 kW/75 PS) mit Saildrive und dreiflügligem Overdrive-Propeller (Option)

          Konstruktion: Rumpf glasfaserverstärkter Kunststoff, unter Wasser Massivlaminat; einlaminiertes Wrangen- und Stringergerüst; Deck Sandwich; Rumpf-Deck-Verbindung geklebt und geschraubt; Ruderschaft Aluminium, selbst ausrichtende Ruderlager; CE Kategorie A (Hochsee)

          Grundpreis: 247.401 Euro

          Serienausstattung u.a. drei Kabinen; Aluminiummast und -baum (Seldén); Edelstahlruderräder (mit Leder); Segel (Großsegel und Rollgenua 107%, Elvström); Genuawinschen (2 x Lewmar 54); Manöverwinschen (2 x Lewmar 50); Hebelklemmen Spinlock XTS; Teak im Cockpit (Bänke); elektrisch absenkbare Badeplattform

          Konstruktion: Farr Yacht Design; Werft: Bavaria Yachtbau GmbH, Bavariastraße 1; 97232 Giebelstadt; CE-Kategorie A (Hochsee)

          www.bavaria-yachtbau.com

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