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Bald eine Klinik : Deutschlands erste Raststätte

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Die 1937/38 gebaute Raststätte am Chiemsee Bild: Postkarte aus dem Archiv Eckhard Gruber

Rasthäuser und Tankstellen sind ein selbstverständlicher Teil des Transportsystems Autobahn. Hier kann man den fließenden Verkehr für eine Pause verlassen. Nun wird der erste Autobahn-Rasthof überhaupt zu einer Klinik umgewandelt.

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          Der erste deutsche Autobahn-Rasthof entstand 1938 in Felden bei Bernau (Oberbayern) am Ufer des Chiemsees. Er wurde Prototyp einer neuen Spezies von speziellen Orten mit eigener Infrastruktur. Bis zum Frühjahr baut nun die Medical Park AG der Freiberger Holding (Amerang) das denkmalgeschützte Rasthaus nach eigenen Angaben zu der orthopädischen Rehabilitationsklinik „Chiemseeblick“ um.

          Der heutige Rasthaus-Pavillon „Chiemsee“ auf der Nordseite der Autobahn München-Salzburg stammt aus der Nachkriegszeit. Die historische Anlage liegt etwa einen Kilometer weiter westlich und war viele Jahrzehnte öffentlich nicht zugänglich. Im Zweiten Weltkrieg diente sie als Lazarett. Später nutzte das amerikanischen Militär sie als Erholungszentrum für Armeeangehörige. 2005 verließen die Amerikaner das von der Autobahn geteilte Grundstück und gaben es dem deutschen Staat zurück. Käufer und Konzepte wechselten, bevor die Freiberger Holding zugriff. Sie will auf der Seeseite der Immobilie eine Klinik mit 150 Betten schaffen. Den Hafen und einen Streifen am See übernahm die Gemeinde, die dort eine Uferpromenade anlegen möchte. Das den Bergen zugewandte Grundstück südlich der Autobahn soll noch entwickelt werden.

          Der alte Rasthof war so beliebt, dass er im Sommer 1939 wegen Überfüllung zeitweise geschlossen werden musste. Dabei hatte der 16 Hektar große Komplex enorme Ausmaße: Die Gaststube war für 350 Personen ausgelegt, die Terrasse des Cafés für 1300 Gäste und das Freibad für 1450 Menschen. Der Rasthof war vor allem als Ausflugsziel konzipiert worden, denn die Autobahn von München zur Landesgrenze bei Salzburg galt als wirtschaftlich unbedeutend. Vielfach werden deshalb strategische Gründe für den Bau vermutet.

          Hauptbau mit Gastronomie, Hotel und Badeanstalt

          Andere behaupten, Hitler sei über diese Autobahn bequemer zu seinem Landsitz auf den Obersalzberg bei Berchtesgaden gekommen. „Glauben Sie denn, dass da kein Verkehr ist, wenn wir erst die Autobahn fertig haben?“, soll er trotzig gefragt haben. Jedenfalls hat Hitler wohl selbst den Verlauf der Strecke am Chiemsee entlang bestimmt und auch an der Detailplanung für den Rasthof mitgewirkt. So wurde die Autobahn spektakulär, der steile Aufstieg am Irschenberg aber auch zu einem Verkehrshindernis, wie Benjamin Steininger in seinem Buch „Raum-Maschine Reichsautobahn“ beschreibt.

          800 Arbeiter in einem Jahr

          In nur einem Jahr errichteten bis zu 800 Arbeiter den Rasthof am Seeufer. Bis dahin hatte man den schwierigen Baugrund dort gemieden. Allein für den Hauptbau wurden 1436 bis zu 14 Meter lange Eisenbetonpfähle in das Schwemmland gesetzt. Dieser 250 Meter lange Bau steht zudem in wasserdichten Betonwannen, damit er nicht im Frühjahrshochwasser absäuft. In seinen drei Flügeln waren vor allem Gastronomie, Badeanstalt und ein Hoteltrakt mit 53 Zimmern untergebracht. Die Haustechnik war modern, wurde aber von altbackenem Interieur verborgen. So saßen die Radiolautsprecher hinter den Wandleuchten, die Abluftschlitze in den Decken und die Heizkörper in den Fensternischen waren ornamental verkleidet. Für Yachten und Ausflugsdampfer gab es eine Hafenanlage. Südlich der Autobahn, mit dem Rasthaus durch eine Unterführung verbunden, befanden sich unter anderem Tankstelle, Werkstätten, Wohnungen für 160 Angestellte, Wäscherei, Metzgerei und Heizzentrale.

          Der Münchener Architekt Fritz Norkauer hatte sich mit seinem Entwurf an den großen Chiemgauer Höfen mit ihren flach geneigten Satteldächern orientiert. Schlichte Putzfassaden mit Werksteindetails in Muschelkalk sorgten für ein rustikales Erscheinungsbild, verbunden mit einer gewissen Monumentalität. Der Giebel des Mitteltrakts wird zudem mit einem Erker direkt am See akzentuiert, dahinter versteckt sich ein runder Saal, genannt das Führerzimmer.

          Im Detail dominierte eine alpenländische Gemütlichkeitsästhetik mit Seenixen im Wetterhahn und einem Bauerngarten vor dem Haus. Bis hin zum Geschirr, der Dienstkleidung und der Musik wurde der Rasthof durchgestaltet. Ein eigenes Wappen mit bajuwarischem Neptun markierte unter anderem Salzstreuer und Servietten.

          Die Nationalsozialisten inszenierten mit der Raststätte Chiemsee auch ihre Ideologie: Die Bauten an der Autobahn sollten Teil der Landschaft werden, die Rastplätze die Errungenschaften der NS-Bewegung deutlich machen und den Besuchern aus aller Welt einen Begriff vom Können der Deutschen vermitteln. An den Raststätten begegneten sich nach diesen Vorstellungen scheinbar unberührte Natur mit gepflegter Tradition und dem fortschrittlichen Verkehrssystem Autobahn.

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