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Bahn mit Brennstoffzelle : Zug um Zug mit Wasserstoff

  • -Aktualisiert am

Der erste Brennstoffzellen-Nahverkehrszug der Welt. Bild: Michael Kretzer

Zwischen Wiesbaden und Frankfurt wird die erste Bahn mit Brennstoffzelle erprobt. Von außen betrachtet, schnurrt sie flüsterleise vor sich hin. Doch im Innenraum gibt es ein Problem.

          Die Reichweite, das leidige Thema bei alternativen Antrieben, sollte für den Coradia iLint kein Problem sein. Denn der erste Brennstoffzellen-Nahverkehrszug der Welt schafft 1000 Kilometer mit einer Tankfüllung Wasserstoff. Das Thema der lokal emissionsfreien Mobilität auf der Schiene für nicht elektrifizierte Regionalnetze scheint somit zumindest hinsichtlich der Schadstoffe greifbar. Denn der iLint stößt lediglich Wasserdampf und Wasser aus.

          Beim Thema Schallemission allerdings muss Hersteller Alstom für die Serienfahrzeuge zumindest im Innenraum noch nachlegen. Das hat jetzt die Premierenfahrt mit Passagieren zwischen Wiesbaden Hauptbahnhof und Frankfurt-Höchst in einem der beiden Prototypen gezeigt. Von außen betrachtet, schnurrt die Technik am Bahnsteig wie versprochen flüsterleise vor sich hin. Alles einsteigen! Entspannt nimmt der Fahrgast Platz auf dem Sitz. Das Polster ist mit blauem Stoff in einem Muster aus Wasser- und Wasserstoffmolekülen bezogen: Da weiß man, womit man fährt.

          Nach dem Start ändert sich die Geräuschkulisse. Von unten murmelt gemütlich das Rumpeln der Überfahrt durch die Weichen des Bahnhofsvorfeldes in das Fahrzeuginnere. So weit alles ganz normal in einem Fahrzeug, dessen Basis ein seit zwei Jahrzehnten gebauter Dieseltriebzug ist. Die Entwürfe des in Salzgitter gebauten Lint 54 stammen noch aus der Zeit von Linke-Hofmann-Busch (LHB).

          Das Problem sei bekannt

          Aber auf dem Dach, wo die jeweils 200 kW starken Brennstoffzellen-Stacks des kanadischen Herstellers Hydrogenics sitzen, starten jetzt die Lüfter und tauschen mit Wucht die Luft im ganzen System aus. Auf Höhe des Wagenübergangs ist dieses Orgelkonzert nicht zu überhören: Aus dem Schnurren wird ein Surren, dann ein hochfrequentes Sirren, bei der Beschleunigung auf der freien Strecke heult die Technik schließlich wie eine überdimensionierte Küchenmaschine. Das Jaulen pegelt sich zu einer Art Feuerwehrsirene ein und nimmt erst nach einigen Minuten Fahrt ab. Das Problem sei bekannt, heißt es später von Hersteller Alstom, die Schalldämmung der Serienfahrzeuge werde besser sein als bei den Prototypen.

          Vom akustischen Ärgernis abgesehen, legt der blau lackierte Coradia iLint seine Weltpremiere mit Bravour zurück. Unter anderem begeistern die elektrischen Traktionsmotoren, die statt der sonst üblichen Dieselaggregate verbaut worden sind, durch zügige und ruckfreie Beschleunigung. Tarek Al-Wazir, Wirtschaftsminister des Bundeslandes Hessen, spricht denn auch später von einem „außerordentlichen Technikprojekt mit außerordentlicher Strahlkraft“. Stolz ist der Politiker auch darauf, dass Komponenten wie die Traktionsbatterie (in ihr wird unter anderem der beim Bremsen zurückgewonnene Strom gespeichert) und die Wasserstofftanks (darin wird der Wasserstoff mit 350 Bar Druck gespeichert) aus Hessen stammen.

          RMV will bis zu 26 Brennstoffzellenzüge anschaffen

          Ihre Premiere im Regelverkehr erleben die Brennstoffzellenzüge von Alstom aber nicht in Hessen. Denn vom zweiten Halbjahr 2018 an werden Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser (EVB) die beiden Prototypen des iLint auf der Strecke von Buxtehude über Bremervörde und Bremerhaven nach Cuxhaven einsetzen. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) folgt erst 2022. Er will bis zu 26 Brennstoffzellenzüge anschaffen, die vor allem auf noch nicht elektrifizierten Strecken im Taunus verkehren sollen.

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