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Die Autos vor 50 Jahren : 1970 Träume aus 1001 km/h

Die Flowerpower-Zeit war noch nicht ganz vorbei. Alfa Romeo Montreal. Bild: Archiv Dieter Günther

Technik und Motor blickt traditionell im Januar auf die Autos vor 50 Jahren zurück. Was kam damals auf den Markt, und was hat die Welt bewegt? Die wichtigsten europäischen Neuheiten.

          5 Min.

          Damals gab es noch richtige Winter: Am Neujahrstag gelingt einer achtköpfigen Familie über die zugefrorene Elbe die Flucht nach Westdeutschland. Zum Jahreswechsel werden Arbeiter endlich den Angestellten gleichgestellt, sie erhalten jetzt Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Wichtig für die automobile Welt ist der 16. Januar. Im neuen Ford-Werk in Saarlouis läuft der erste Ford Escort vom Band, der aber schon seit 1968 auf dem Markt ist.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Seit mehr als 50 Jahren ist der Genfer Autosalon Anfang März der gefühlte Beginn des Autojahres, auch 1970. Zuvor hatten im Februar zwei Attentate auf israelische Mitbürger erschüttert. In München sterben sieben Menschen bei einem Brandanschlag auf die jüdische Kultusgemeinde, in der Schweiz stürzt eine Suisse-Air-Maschine auf dem Weg von Zürich nach Tel Aviv kurz nach dem Start ab. Im Frachtraum war eine Bombe explodiert. 47 Tote sind zu beklagen. Beide Verbrechen konnten nie aufgeklärt werden. In Genf wurde über das Attentat (21.Februar) gewiss noch gesprochen, erstmals hatte eine Terroristen-Bombe ein Flugzeug vom Himmel geholt.

          Der Hingucker der Messe ist der neue Mercedes-Benz C 111. Der Wankelmotor-Sportwagen, den man schon von der Frankfurter IAA aus dem September kennt, ist innen wie außen gründlich überarbeitet worden, 350PS machen eine Höchstgeschwindigkeit von fast 300km/h möglich. Der damalige Entwicklungs-Chef von Mercedes, Hans Scherenberg, preist die „Baukastenfähigkeit“ als eine der großen Vorteile des Wankelprinzips. Außerdem glaubte man, mit dem Wankelmotor die schärferen europäischen und amerikanischen Abgasvorschriften der nächsten Jahre erfüllen zu können. Der schöne C 111 mit seinen Flügeltüren kam aber nie über das Prototypen-Stadium hinaus. Ein anderer Prototyp, der Alfa Romeo Montreal (Debüt auf der Expo 1967 in Montreal), ist 1970 serienreif, wird in Genf vorgestellt und dann bis 1977 knapp 4000 mal verkauft. Das Coupé mit V8-Motor – aber nur 2,6 Liter Hubraum – ist heute ein gesuchter Klassiker. Das gilt auch für den Citroen SM, der ebenfalls in Genf debütierte und dann bis 1975 knapp 13 000 mal gebaut werden sollte. Das ungewöhnliche, viersitzige Coupé mit der für Citroen typischen hydropneumatischen Federung hatte einen Sechszylindermotor von Maserati mit 2,7, später 3,0 Liter Hubraum. Citroen besaß damals 60 Prozent der Anteile am italienischen Sportwagenhersteller. Später im Jahr erscheint dann noch der neue Citroen GS, ein Modell der unteren Mittelklasse.

          Ende März senden ARD und ZDF ihre Hauptnachrichtensendungen erstmals in Farbe, am 10.April trennen sich die Beatles, noch bevor am 8.Mai ihre letzte LP mit dem bezeichnenden Titel „Let it be“ erscheint. Im April rücken die Mondmissionen der Nasa wieder schlagartig ins Rampenlicht, weil Apollo 13, gestartet am 13.April um 13.13 Uhr MEZ, 19.13 Uhr in Florida, auf dem Weg zum Mond nach der Explosion eines Tanks in große Schwierigkeiten kam. Die dritte Mondlandung wurde abgeblasen, der Mond dennoch umflogen, und dass am 17.April die drei Astronauten Lovell, Swigert und Haise wieder heil zur Erde zurück kamen, grenzt an ein Wunder.

          Der Mercedes-Benz C111 von 1970 im Vordergrund, daneben der Wagen von 1969 und ein weiterer Prototyp Bilderstrecke

          Am 3.Mai wird Borussia Mönchengladbach mit Berti Vogts und Günther Netzer Deutscher Fußball-Meister, ein Triumph, den sie im Jahr darauf wiederholen werden. Wegen der Fußball-WM in Mexiko war die Saison so früh beendet worden. Das Turnier ist bis heute unvergessen, Brasilien wird am 21.Juni Weltmeister (4:1 gegen Italien), Deutschland schafft es auf Platz 3, revanchiert sich im Viertelfinale gegen England (3:2 n.V) für die 66er-Endspielniederlage und liefert das „Jahrhundert-Spiel“ im Halbfinale gegen Italien (3:4 n.V.). Torschützenkönig des Turniers wird Gerd Müller. „Uns Uwe“ Seeler beendet danach seine Karriere in der Nationalmannschaft.

          Noch während der WM im Juni wird in Cornwall ganz im Westen England ein neuer Geländewagen vorgestellt, der heute längst eine Ikone des Automobilbaus ist. Der erste Range Rover von 1970 sollte 26 Jahre lang gebaut werden. Heute fährt seit 2013 die fünfte Generation, und „Range Rover“ ist fast zu einer eigenen Marke geworden mit den weiteren Modellen Evoque, Sport und Velar. Aus heutiger Sicht sind 3,5 Liter Hubraum und 135 PS nichts besonderes, vor 50 Jahren aber waren 160km/h Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn noch ein beachtlicher Wert, ganz abgesehen von den Fähigkeiten im Gelände mit permanentem Allradantrieb und Untersetzung. Der Katalog „auto modelle“ von 1970/71 schreibt von einem interessanten Fahrwerk und einer geschickt gestalteten Karosserie. Sein Fazit: „Interessanter Drittwagen für reiche Leute.“

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