https://www.faz.net/-gy9-7rkpx

Autonomes Auto : Schutzengel oder Spaßbremse?

  • -Aktualisiert am

Neu gegen neu: Ein Ford Fiesta prallt mit 45 km/h auf einen Mazda 6 Bild: Dekra

Je moderner das Fahrzeug, desto seltener werden die Unfälle. Bei den diesjährigen Crashtest-Tagen zeigen Dekra und Axa die Fortschritte bei der Unfallsicherheit - und blicken in die Zukunft.

          3 Min.

          Passive und aktive Sicherheitssysteme haben den größten Anteil daran, dass die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland im Vorjahr mit 3.339 Getöteten ein Allzeittief erreicht hat. Das hehre Ziel einer Zukunft ohne Verkehrstote - Stichwort Vision Zero - scheint folglich fast schon in Sichtweite zu sein. Vollständig erreicht wird dieses Ziel freilich nie werden, auch deshalb, weil passive Sicherheitssysteme an ihre Grenzen stoßen.

          Potential sehen Unfallforscher dagegen noch in der Optimierung aktiver Fahrerassistenzsysteme, wie bei den diesjährigen Crashtest-Tagen der Sachverständigen-Organisation Dekra und der Versicherungsgesellschaft Axa Winterthur im Schweizer Ort Wildhaus deutlich wurde. Einen eindrucksvollen Beweis für die Effizienz moderner Sicherheitssysteme lieferte ein Parallel-Crash mit vier beteiligten Fahrzeugen: Ein älterer Ford Fiesta prallte mit 45 km/h rechtwinklig in die Fahrerseite eines gleich alten Mazda 626 (beide knapp 30).

          Auf der Bahn nebenan simultan das gleiche Szenario mit einem Ford Fiesta und einem Mazda 6 aus aktueller Produktion. Beim Szenario Alt gegen Alt drang der Fiesta tief in den Innenraum des Mazda ein und verschob dessen Fahrersitz nach rechts. Schwere Verletzungen des Fahrers wären im Ernstfall die Folge gewesen. In der Konstellation Neu gegen Neu wurde der mittschiffs gerammte Mazda 6 zwar weiter weg geschleudert, weil der neue Fiesta rund 250 Kilo mehr wiegt als sein altes Pendant, jedoch war die Intrusion aufgrund der steiferen Karosseriestruktur deutlich geringer.

          In neuen Fahrzeugen besser geschützt

          Zusätzlich wurde der Mazda-Fahrer durch die auslösenden Seiten- und Fenster-Airbags wirksam vor schweren Verletzungen geschützt. Etwas schlechtere Karten hätte der Fahrer im neuen Fiesta gehabt, weil die Belastungen im Innenraum aufgrund des geringeren Verformungswegs höher als im alten Modell waren. Optimierte Sicherheitsgurte und Airbags kompensieren freilich dieses Defizit. Das Fazit: Fahrer und Insassen sind in neuen Fahrzeugen deutlich besser geschützt.

          „Defizite in der Sicherheit bestehen nach wie vor für ungeschützte Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger oder Motorradfahrer“. sagt Jörg Ahlgrimm, Leiter der Unfallanalyse bei Dekra. Aber da der Fußgängerschutz inzwischen auch für die Bewertung im Euro-NCAP-Crashtest eine Rolle spielt, kommen immer mehr Neufahrzeuge mit aktiver Motorhaube auf die Straße. Wird ein Fußgänger frontal erfasst und mit Oberkörper und Kopf auf die Motorhaube geschleudert, hebt sich diese, von Sensoren angesteuert, blitzschnell im hinteren Bereich um einige Zentimeter an.

          Alt gegen alt: Ein knapp 30 Jahre alter Ford Fiesta fährt auf einen gleich alten Mazda 626

          Dadurch wird die Knautschzone vergrößert und das Verletzungsrisiko des Fußgängers reduziert. Weil die Tücken der Elektronik gern spontan auftreten, reagierte die Motorhaube des Versuchsfahrzeugs in Wildhaus leider nicht. Im Ernstfall wäre das fatal. Über Sinn und Nutzen von Motorrad-Airbags diskutieren Fachleute seit Jahren kontrovers.

          Einen ersten Prototyp hatten Dekra und Axa schon 1987 vorgestellt. Hauptproblem ist bis heute die unüberschaubare Vielfalt von Kollisionsmustern. Ob ein solcher Airbag beim dritten Crashtest in Wildhaus von Nutzen gewesen wäre, bleibt offen. Es kollidierte ein rund 70 km/h schnelles Motorrad rechtwinklig mit einem langsam anfahrenden Kombi. Im realen Leben hätte der Biker keine Chance gehabt. Solche Konfliktsituationen ließen sich vielleicht schon morgen durch konsequente Vernetzung bereits verfügbarer aktiver Sicherheitssysteme zuverlässig verhindern.

          Viele Fahrer lehnen das autonome Auto ab

          Der geballte Einsatz von Mono- und Stereokameras, Radar-, Lidar- und Ultraschallsensoren ebnet den Weg zum autonomen Fahrzeug, das die Utopie vom unfallfreien Straßenverkehr Realität werden lassen könnte. Die heutige Inkompatibilität unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer wie Autos, Motorräder, Radfahrer und Fußgänger wäre kein Thema mehr, und auf passive Sicherheitseinrichtungen könnte komplett verzichtet werden. Was wegen der beträchtlichen Gewichtseinsparung wiederum die Fahrzeugkonstrukteure erfreuen dürfte.

          Die schöne neue Verkehrswelt von morgen hat allerdings einen Haken: 35 Prozent der Autofahrer würden ein selbstlenkendes und -bremsendes Auto nicht kaufen, ergab eine Umfrage von Dekra und Axa. Bemerkenswert ist der Hauptgrund für die Ablehnung: Ein gutes Drittel (38 Prozent) der Neinsager äußerten nämlich Sicherheitsbedenken, während „nur“ 33 Prozent den Verlust von Fahrspaß befürchten.

          Weitere Themen

          Gib Gummi

          Skier von K2 im Test : Gib Gummi

          K2 hat kein Rennteam, will vom Rennsport weiterhin nichts wissen, aber in Zukunft trotzdem bei den ganz Schnellen mitmischen. Disruption heißt die Modellreihe, mit der das gelingen soll.

          Topmeldungen

          Die IAA in Frankfurt ist vorerst Geschichte.

          Automobilausstellung : Die IAA verlässt Frankfurt

          Bis zum Ende hatte Frankfurt gehofft, doch nun ist es beschlossene Sache: Die Automesse IAA nimmt nach dem Misserfolg der letzten Ausgabe Abschied vom langjährigen Standort in Hessen. Drei Städte dürfen sich Hoffnung machen.
          Ein Gartenzwerg steht mit einer Deutschland-Flagge an einer Hauswand.

          Diskriminierung : Zu türkisch für die Nachbarn

          Eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt: Jeder dritte Wohnungssuchende mit Migrationshintergrund hat schon einmal Diskriminierung erlebt. Das Recht macht dieser Form der Aversion ein Stück weit Platz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.