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Automobilsalon : Stromausfall in Genf

Bild: FAZ.NET

Auf dem Autosalon in Genf sind potente Sportler, freche Geländegänger und pfiffige Kleinwagen angesagt. Um das Elektroauto ist es still geworden.

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          Falls in nächster Zeit mal Orden für automobile Weitsicht vergeben werden sollten, gibt es zwei herausragende Anwärter: Toyota und Louis Schweitzer. Der eine ist ein japanischer Konzern, der seit ewigen Zeiten auf Hybridantrieb setzt und dafür lange belächelt wurde (zusätzlicher Platzbedarf, hohes Gewicht, man kennt die Diskussion). Inzwischen bauen nahezu alle Hersteller auf die Kombination aus Verbrennungsmotor und Elektromaschine. Selbst Renault, die selbsternannten Vorreiter des Elektroautos („Hybrid ist eine Zwischenlösung, die wir überspringen“) tritt den geordneten Rückzug an und greift fortan auf Komponenten des Schwesterunternehmens Nissan zu.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Der andere Ordensanwärter war Vorstandsvorsitzender von Renault und hat seinerzeit Dacia gekauft. Um die rumänische Bruchbude mit streunenden Hunden in der Montagehalle machten alle einen Bogen, doch Schweitzer erkannte das Potential einer Billigmarke, die unter seinem Nachfolger Carlos Ghosn fortentwickelt wurde. Heute blickt die Konkurrenz mitleidig auf den bedauernswerten Zustand der Kernmarke, aber neidvoll auf deren rumänischen Ableger. Auf dem noch bis zum 17. März andauernden Autosalon in Genf 2013 manifestiert sich dies in einem adretten Kombi namens Logan MCV, der samt Servolenkung und ESP von 7990 Euro an zu haben ist.

          Sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden

          Wer angesichts solcher Angebote für ein kleineres Elektroauto 30 000 oder 40 000 Euro ausgeben soll, ist eine Frage, die, wie in Genf gut zu besichtigen, eine rhetorische geworden ist. Es herrscht weitgehend Stromausfall. Der eigens für die nachhaltigste Mobilität geschaffene „Grüne Pavillon“ ist sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden. Ja, es gibt E-Autos in Vorbereitung (Renault Zoé, VW Golf, Ford Focus) und Fingerübungen (Land Rover als anschleichender Jagdwagen für Namibia), aber die Begeisterung ist Ernüchterung gewichen. Man könnte auch sagen, der Realität aus Reichweite, Ladedauer und Kosten. Mercedes-Benz hat einen spektakulär agilen elektrischen Sportwagen dabei, was Entwicklungsvorstand Thomas Weber zu dem Seitenhieb Richtung Audi verleitet, so sehe Vorsprung durch Technik aus. Kleiner Haken: Der SLS erfordert 416 500 Euro. Freilich hat Audi in der Tat seine rein elektrische Entwicklung „auf Eis gelegt“ und setzt auf Hybrid. Der Audi A 3 e-tron will mit 204 PS (150 kW) Systemleistung und einem Normverbrauch von 1,5 Liter Benzin punkten, die vor allem dadurch zustande kommen, dass der kompakte Audi 50 Kilometer weit elektrisch fahren kann.

          Eine solche Reichweite gilt gemeinhin als Minimum, wenn Pendler im Berufsverkehr Metropolen entern wollen. Als Indikation dürften 38 000 Euro Anschaffungspreis gelten. Welchen Spagat ein Hersteller von Welt schaffen muss (oder will), zeigt sich direkt nebenan; dort drängt der Audi RS 7 auf die Überholspur. 560 PS (412 kW), quattro-Schriftzug in der Front, Ofenrohre zur Ableitung der Heißluft am Heck, irgendwelche Einwände? Aus Zuffenhausen, vielleicht. Porsche freut sich auf die Rennstrecke und lässt seinen GT 3 los, der „nur“ 475 PS (349 kW) aufbietet, damit aber ein echter Leistungssportler sein soll. Wir hegen keine Zweifel. Auch BMW hat auf dem Stand seine elektrischen i-Modelle in die zweite Reihe gestellt und fährt den schrägen 3er GT ins Licht, der besser aussieht als befürchtet, man kann hinten unzerknittert sitzen. Ob er das Zeug zum Volumenmodell hat? Das soll er vermutlich gar nicht.

          Definitiv wohl in der Nische fühlen sich die schnellen Italiener: Ferrari zaubert „LaFerrari“ aus dem rennroten Hut, einen Hybridsportwagen mit auf den Erwerber maßgeschneiderter Sitzanlage und Daten, die zu Schnappatmung führen: 6,3 Liter-V 12 plus Elektromaschine ergeben 963 PS (708 kW), maximum 9250 U/min, eine Beschleunigung von 0 auf 200 km/h in 7 Sekunden, spezielle Pirelli P-Zero Reifen halten ihn bei 350 km/h auf Kurs. Zum Stückpreis von einer Million Euro plus Mehrwertsteuer werden 499 Stück an um die Zuteilung bettelnde Stammkunden verteilt.

          Von Warteschlangen vor den Toren Wolfsburgs ist noch nichts bekannt, dabei entsteht dort ebenso ein Meisterwerk. Der VW XL1 ist ein mit allen Mitteln der technischen Kunst auf Sparsamkeit getrimmter Zweisitzer, der einen Normverbrauch von 0,83 Liter aufweist, ohne Beschränkungen in der Reichweite in Kauf nehmen zu müssen. 795 Kilogramm Gewicht, Zweizylinder-Diesel mit 48 PS (35 kW) und Elektromaschine mit 20 kW sorgen dafür. 160 km/h Höchstgeschwindigkeit sind möglich. Nach einer ersten Runde scheinen Verbrauchswerte zwischen 1,3 und 2,2 Liter möglich, beeindruckend. Aber der kleine, flache Volkswagen ist nur bedingt alltagstauglich, und er wird seinen Preis haben. VW hütet das Geheimnis, einen echten Tarif gibt es wohl nicht, die Balance aus Kosten und Image sollte sich zwischen 45 000 und 100 000 Euro finden lassen. Reiner Selbstzweck soll der XL 1 indes nicht sein. VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg sieht in ihm „diverse Technik, die uns auf dem Millionen Euro verschlingenden Weg zu immer strengeren Abgasgrenzwerten voranbringt“. Falls das ohne wirtschaftliche Bauchlandung hinhaut, wäre dafür eines Tages auch ein Orden fällig. Wider die deutsche Dominanz: Seite 3

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