https://www.faz.net/-gy9-133tq

Automanufaktur Wiesmann : Die großen Geckos auf Rädern

  • -Aktualisiert am

„Es ist eine besondere Art, die Freizeit zu gestalten.” Bild: Hersteller

Wer kennt schon Dülmen? Wolfsburg, Turin und Stuttgart fallen jedem beim Stichwort Automobilindustrie ein, aber Dülmen? Hier steht indes die Manufaktur von Wiesmann: ein futuristisches Gebäude aus Stahl, Glas und Holz.

          2 Min.

          Strenggenommen dürfte man die Automanufaktur von Wiesmann gar nicht zur Automobilindustrie zählen, denn riesige Produktionsstätten, in denen Arbeiter, unterstützt von Robotern, Hunderttausende Fahrzeuge herstellen, sucht man vergeblich. In dem futuristischen Gebäude aus Stahl, Glas und Holz laufen nicht Autos täglich vom Fließband, sondern wenige PS-starke Boliden. Bei Wiesmann werden Sportwagen in Kleinserie und von Hand gefertigt.

          1988 gründeten Martin und Friedhelm Wiesmann das Unternehmen. Angefangen hatten die Brüder im elterlichen Autohaus. Danach Managementerfahrung in einer Fabrik für Kinderbekleidung. Bis ihnen die verrückte Idee kam, einen eigenen Sportwagen im Sechziger-Jahre-Retro-Design zu entwickeln. Das war 1985, erzählt Martin Wiesmann: „Es gab viele Kleinserienautos, die schlecht verarbeitet und mit antiquierter Technik ausgestattet waren. Ich dachte mir: Das kannst du besser!“ Heute sind ihre eigenen Autos Liebhaberstücke, bei denen Aggregate von BMW unter der Haube stecken und über deren langgestrecktes Heck ein kleiner Gecko krabbelt, das Firmenlogo.

          Schwarze Jeans und feine Designerbrille

          Souverän, im karierten Hemd, schwarzen Jeans und feiner Designerbrille spricht der 56 Jahre alte Martin Wiesmann über die Unternehmensgeschichte. Zum Beispiel, wie es ihm gelungen ist, BMW-Motoren verwenden zu dürfen, obwohl die Rechtsabteilung von BMW zunächst eine Abmahnung geschickt hatte: „Wir sind nach München gefahren und haben dem damaligen BMW-Vorstand Wolfgang Reitzle persönlich unser Auto und Konzept präsentiert.“

          „Es gab viele Kleinserienautos, die schlecht verarbeitet und mit antiquierter Technik ausgestattet waren. Ich dachte mir: Das kannst du besser!”
          „Es gab viele Kleinserienautos, die schlecht verarbeitet und mit antiquierter Technik ausgestattet waren. Ich dachte mir: Das kannst du besser!” : Bild: Hersteller

          Die Wiesmann-Modellpalette ist bis heute überschaubar geblieben. Zu den Edel-Raketen gehören der Roadster MF3 (Sechszylinder, 343 PS), der GT4 (Achtzylinder, 367 PS) und der GT5 (Zehnzylinder, 507 PS, Spitze 310 km/h), der sich von 0 auf 100 km/h in 3,9 Sekunden katapultiert.

          Lichte Produktionshalle und vollverglaste Büros

          Gut 100 Mitarbeiter werkeln in der lichten Produktionshalle und den zugehörigen vollverglasten Büros. Dreher, Schweißer, Elektroniker und Sattler benötigen durchschnittlich 350 Stunden, bis ein Wiesmann fertiggestellt ist. Rahmen, Tanks, Auspuffanlagen und Karosserie - alles wird in Dülmen hergestellt, be- und weiterverarbeitet. Die Wiesmannen erfüllen fast jeden Gestaltungswunsch ihrer Kundschaft. Jeder lieferbare Lack wird aufgetragen, jedes beliebige Leder genäht. Eine Selbstverständlichkeit angesichts eines Basispreises von rund 100.000 Euro für den Roadster und 180.000 Euro für den GT5.

          1993 ging der erste serienreife Wiesmann-Roadster auf die Straße. Ein puristischer Sportwagen mit kleinem Kofferraum, langer Motorhaube, runder, abgeflachter Form und leistungsstarkem Motor. Dezember 2008 wurde der tausendste Sportwagen hergestellt. „2003 haben wir noch 50 Autos pro Jahr gebaut“, das sei zu wenig gewesen, sagt Wiesmann. Ein neues Gebäude musste her, und der Firmengründer verweist auf die vor knapp einem Jahr eröffnete Manufaktur.

          „Wir bauen ein emotionales Auto“

          Hier soll die Jahresproduktion auf bis zu 250 Sportwagen hochgefahren werden. Die Hälfte ist für den Export bestimmt. Aus Wiesmann ist ein international operierendes Unternehmen geworden. In 19 Ländern ist man mit Vertriebs- und Servicestützpunkten vertreten. Das Geschäft läuft trotz Automobilkrise und Ozonloch. „Wir bauen ein emotionales Auto“, so Wiesmann, „keines, das zuallererst dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit Rechnung trägt.“

          Die Klientel der Wiesmänner entspricht ganz dem Klischee: männlich, über 50 Jahre alt, mehrere Sportwagen, gefülltes Bankkonto. Ob ein Wiesmann mehr einen Spielzeugcharakter für die Käufer habe? „Das ist etwas übertrieben“, meint Wiesmann, „aber es ist eine besondere Art, die Freizeit zu gestalten.“ Der Wirtschaftskrise sieht Martin Wiesmann gelassen entgegen: „Als Kleinserienhersteller im Luxussegment sind wir als Nischenanbieter nur bedingt konjunkturabhängig.“ Mit dem Geschäftsergebnis im laufenden Jahr sei man sehr zufrieden.

          Weitere Themen

          Lass mal stecken

          FAZ Plus Artikel: Aufladen eines Elektroautos : Lass mal stecken

          Sein Elektroauto aufzuladen, ist manchmal ein wahres Hexenwerk. In Sachen Ladekabel oder Adapter kann ein Elektromobilist helfen. Wenn der Strom aber trotzdem nicht recht fließt, könnte das auch am Auto liegen.

          Feuchtfröhliches Fliegen

          Airbus mit Wasserstoff : Feuchtfröhliches Fliegen

          Airbus stellt für das Jahr 2035 den Einsatz von Wasserstoff in Aussicht. Drei Konzepte werden erdacht – unter anderem ein Passagierjet mit bis zu 200 Plätzen und einer Reichweite von etwa 3700 Kilometern.

          Topmeldungen

          Spuren der Verwüstung: Ein Mann steht in einem zerstörten Mehrfamilienhaus in Tartar, Aserbaidschan.

          Rohstoffförderer Aserbaidschan : Der Krieg einer Öl-Macht

          Aserbaidschan liefert wichtige Rohstoffe nach Europa. Ein militärischer Konflikt mit Armenien könnte die Handelsbeziehungen nun gefährden. Die Türkei will das verhindern – aus eigenem Interesse.
          Französische Sicherheitskräfte nach dem Messerangriff vor dem früheren Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris

          Regierung in Paris alarmiert : Von Islamisten unterwandert

          Der Islamismus breitet sich in der französischen Gesellschaft immer weiter aus und dominiert mittlerweile ganze Stadtviertel. Die Regierung in Paris will ihn mit schärferen Gesetzen zurückdrängen.
          Ein Schlauchboot, mit dem Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien übergesetzt sind.

          London will abschrecken : Fähren für Asylbewerber?

          Immer mehr Migranten erreichen Großbritannien über den Ärmelkanal. Die Regierung will die Migration jetzt eindämmen. Auch die Einrichtung von Asylzentren auf Papua Neuguinea soll dafür im Gespräch gewesen sein.
          Ein Demonstrant der rechten „Proud Boys“ diskutiert am 26. September in Portland mit einem Gegendemonstranten.

          Nach TV-Duell : Selbst Republikaner kritisieren Trump

          Nach der ersten Fernsehdebatte präsentiert sich Präsident Donald Trump als Sieger des Duells mit Joe Biden. Doch sogar ranghohe Republikaner gehen auf Distanz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.