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Amerikanische Autohersteller : Die neuen Big 3

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Keine Luftnummer: Der Air von Lucid fährt mit 1100 PS vor und hat eine Reichweite von 830 Kilometern. Bild: Hersteller

General Motors, Ford und Chrysler: Einst bestimmten die großen Drei den Takt der amerikanischen Autowelt. Nun geben Tesla, Lucid und Rivian den Ton an.

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          Coole Cafés, lässige Frühstückskneipen, hippe Mo­de­geschäfte, Biosupermärkte und Designermöbel – wer die neuesten Trends in Los Angeles sucht, findet sie rund um den Abbot-Kinney-Boulevard in Venice. Um so irritierter bleibt der Flaneur vor der Fabrikzeile stehen, in der sich ein auf Hochglanz polierter Pick-up sonnt. Im Rest der USA mögen Pritschenwagen das Straßenbild bestimmen, doch hier an der kalifornischen Küste darf es doch lieber ein Mercedes sein, ein Porsche oder natürlich ein Tesla.

          Indes ist das Schaustück kein gewöhn­licher Pick-up. Das, was im sogenannten Community Space ausgestellt und schon frühmorgens von Dutzenden Besserverdienern bestaunt wird, ist ein Rivian R1T, der sich drei Jahre nach dem Debüt der ersten Studie zu so etwas wie dem iPhone unter den Pritschenwagen gemausert hat: Er sieht cool aus, fährt mit seinem Elek­troantrieb clean – und ist ab­solut angesagt. Anders als der noch spektakulärere Cybertruck von Tesla ist der R1T sogar lieferbar. Während Elon Musk seinem Zeitplan hinterherhinkt, hat Rivian die ersten Hundert Exemplare des bis zu 800 PS starken und auf Reichweiten von über 600 Kilometer ausgelegten Hightech-Lasters schon auf den Straßen. Und es werden täglich mehr. Die Fabrik hat eine Kapazität von 150.000 Autos pro Jahr, und in den Orderbüchern stehen angeblich 50.000 Interessenten, die für die erste Serie, die stolze 75.000 und später immer noch mindestens 67.500 Dollar bezahlen müssen.

          Begeistert sind aber nicht nur die Be­steller, sondern mehr noch die Bör­sianer. Denn kaum wurde das mit Unter­stützung von Amazon aufgepäp­pelte Start-up erstmals an der Wall Street ge­listet, schoss Rivians Wert in die Höhe. Mit zeitweise über 130 Milliarden Dollar wurde der Neueinsteiger bisweilen höher gehandelt als BMW, VW und Daimler.

          Damit folgt die Firma aus Plymouth in Michigan dem Vorbild Teslas. Denn im Jahr 15 nach der Premiere des Roadsters, damals noch ein in Handarbeit umgebauter Lotus Elise – wird Firmenchef Elon Musk als Messias der Mobilitätswende gefeiert, seine Firma ist der wertvollste Autohersteller der Welt. Dass die Firma noch keinen Zeitplan eingehalten hat, scheint die Analysten so wenig zu stören wie die minimalen Gewinne.

          Lu­cid hat vor wenigen Tagen mit der Auslieferung der ersten Lucid Air begonnen. Bilderstrecke
          Hier sind sie : Die neuen Big 3

          Ist Tesla deshalb überbewertet? Nicht, wenn man anschaut, was Elon Musk mittlerweile geschafft hat. Tesla betreibt oder baut Gigafactories auf allen drei Kontinenten mit einem nennenswerten Automobilmarkt. Sie werden in diesem Jahr wohl trotz Corona und Chipkrise eine knappe Million Fahrzeuge aus­stoßen. Niemand hat ein dichteres Ladenetz, und der Marktanteil steigt. Gefühlt ist das Tesla Model 3 auf den Straßen von Los Angeles mittlerweile präsenter als jeder Toyota, in Deutschland ist das Mo­del 3 dem VW Golf im September ge­fährlich nahegekommen.

          Der ausstehende Pick-up ist da noch gar nicht berücksichtigt. Doch während zwischen Tesla und Rivian wohl bald der Kampf um die Gunst der Siedler der Neuzeit entbrennen wird, macht sich be­reits ein dritter Newcomer stark: Lu­cid. Das vom einstigen Tesla-Manager Peter Rawlinson geführte Unternehmen aus Newark in Kalifornien hat vor wenigen Tagen mit der Auslieferung der ersten Lucid Air begonnen, die sich in der PS-Pyramide ganz oben einsortieren: Fast 1100 PS leistet der mindestens 169.000 Dollar teure Erstling und lässt mit bis zu 830 Kilometer Reichweite alle anderen Elektroautos alt aussehen. In schneller Taktung sollen weitere und vor allem billigere Modelle folgen, mit denen Lucid erst Masse und dann Kasse machen will. An der Börse wurden sie zwischenzeitlich mit einem Wert von 60 Milliarden Dollar gehandelt.

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