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Autofriedhof : Ganz ohne Schrottprämie

  • -Aktualisiert am

Der wilde Charme der schlafenden Schönheiten... Bild: Pfannmüller

Kulturgut oder Umweltverschmutzung? Einer Gemeinde in der Schweiz ist der Autofriedhof Gürbetal ein Dorn im Auge. Obwohl man das Grundstück von außen nicht sehen kann und es sich am Rande des Dorfes befindet. Die Sache wurde zum Politikum.

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          Franz Messerli hat eine scharfe Nase, und seine Lippen sind dieser Tage noch etwas schmaler als ohnehin schon. Wer ihm begegnet, wird auch das Schlitzohr erkennen. „Ä Luus-Cheib“, sagt man in der Schweiz, wo Messerli lebt. Südlich von Bern, um genau zu sein, in Kaufdorf im Gürbetal. Hier kann man bei schönem Wetter das Alpenpanorama sehen, es gibt gepflegte Fachwerkhäuser, glückliche Kühe, und eigentlich wäre die Welt in Ordnung. Wenn nicht - ja wenn.

          Messerli ist der örtliche Autoverwerter und übernahm den Betrieb 1975 von seinem Vater Walter, der das Geschäft 1933 gegründet hat. Und nicht nur mit Autoteilen handelte, sondern viele altersschwache Fahrzeuge kurzerhand auf seinem Grundstück abstellte. Dort stehen sie noch heute, knapp 800 teils seltene Exemplare.

          Der Gemeinde ist der Autofriedhof ein Dorn im Auge

          Genau hier liegt auch das Problem, denn der Gemeinde ist der Autofriedhof ein Dorn im Auge. Dem Besitzer war das lange egal. Man kann sein Grundstück von außen nicht sehen; es befindet sich am Rande des Dorfes und ist größtenteils eingewachsen. Füchse und Dachse haben es sich in den Blechhöhlen gemütlich gemacht; laut Messerli gedeihen dort 33 verschiedene Himbeersorten. In manch vermoostem Wrack steht mittlerweile ein Baum, Laub liegt auf spröden Ledersitzen, in zerborstenen Seitenfenstern schimmern Spinnweben. Solche Details machen den wild-morbiden Charme des Geländes aus. Derartige Plätze sind überall sehr selten geworden, und deshalb pilgern Autofans von nah und fern nach Kaufdorf: Manche kommen, um die überwucherten „Sleeping Beauties“ zu fotografieren, andere wollen vielleicht ein rares Ersatzteil erwerben. Und sie erleben, wie die Natur die Technik besiegt: Längst hat der harte Zahn der Zeit an den einst stolzen Fahrzeugen genagt. Hier steht Edel-Schrott dicht an dicht auf engstem Raum, man kann die Lackfarben nur noch erahnen, manche Autos sind teilweise im Boden versunken. Andere scheinen beharrlich den Witterungen zu trotzen und sehen für jahrzehntelanges Freiluftparken noch ganz gut aus.

          ... Exponate aus der Sammlung von Messerli

          Von Alfa Romeo über Borgward, Cadillac, DKW, Jaguar, Mercedes, Riley, Simca, Tempo bis hin zu Valiant oder Volkswagen - der Fundus deckt fast das gesamte Marken-Alphabet ab (die komplette Liste findet sich unter www.autofriedhof.ch). Verwerten wollte Messerli nur in Ausnahmefällen, und das, sollte man glauben, ist sein gutes Recht: Schließlich kann doch jeder mit seinem Besitz und Land machen, was er will, solange niemand belästigt wird. Doch es gibt noch eine andere Sichtweise, die Marco Marinello aus Zürich in einem Leserbrief an die Schweizer „Automobil Revue“ vertritt: „Das Ganze ist ein Schlag ins Gesicht aller Oldtimer-Freunde, die sich mit großem Aufwand und Mühe um die Restauration und Erhaltung alter Fahrzeuge kümmern. Es ist auch eine Beleidigung aller gutorganisierten Autoverwerter, wo man noch mehr oder weniger geordnete Teile kaufen kann. Das Motto von Messerli Senior war dagegen, dass jeden Morgen ein noch größerer Depp aufsteht, der ihm 100 Franken mehr zahlen würde als der letzte Interessent. Wie wir sehen, sind die ganz großen Deppen nicht gekommen und viele Autos nicht verkauft: Von wegen Lebenswerk und Kulturgut - reine Geldgier!“

          Mackie Messer der Abwrackzunft

          Offenbar haben die Messerlis nicht jeden bedient. Sondern nur Leute, die ihnen sympathisch waren - und solvent genug. Mit dieser Geschäftspraxis wurde auch der Junior bei manchem Enttäuschten zum Mackie Messer der Abwrackzunft. Andere erzählen mit Neid in der Stimme, dass „Messie Messerli“ ein paar wertvolle Stücke aussortiert und liebevoll erhalten hat.

          Dem Kaufdorfer Gemeindepräsidenten Markus Borer sind solche Details egal: „Ich habe nichts gegen Herrn Messerli oder seinen Autofriedhof. Aber es gibt nun mal geltende Umweltgesetze, und gegen die verstößt er.“

          Messerli blickt müde. Er weiß, dass ihm eine Zeit davonläuft, die er doch so lange gehütet hat - aus welchen Motiven auch immer. Um dem wachsenden Widerstand etwas entgegenzusetzen, haben seine Sympathisanten 2007 sowohl den Club „Pro Autofriedhof“ als auch den Förderverein „Historischer Autofriedhof Gürbetal“ gegründet: 2008 fand eine „Nationale Kunstausstellung“ statt; es gab Installationen und ein Buch dazu. Messerli bot gar an, Bodenproben nehmen zu lassen. Mit dem Ergebnis, dass die Fronten umso härter aufeinanderprallten - hier die romantisch verklärten Nostalgiker und dort ein Gemeinderat, der sich von den in Scharen angereisten Schaulustigen und Medien zunehmend in die Enge gedrängt fühlen musste.

          Mitte April flattert Messerli eine „Ersatzvornahme“ ins Haus

          Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen: Mitte April flattert Messerli eine „Ersatzvornahme“ ins Haus - die fristlose Räumungsklage. Bis zum 2. Juni hat er noch Zeit, dann wird der verwunschene Garten auf Kosten des Besitzers ausgemistet. Die Fangemeinde heult kollektiv auf. Um aus seinem von der Schrottpresse bedrohten Altmetall doch noch Profit zu schlagen, stellte er die komplette Sammlung kürzlich bei ricardo.ch ins Internet - für 1,1 Millionen Franken. Ein Bieter blieb bisher aus, und deshalb stehen die Autoreste jetzt auch paketweise zur Disposition. Mit knapp 25 000 Besuchen und vielen Kommentaren hat sich Auktions-Nummer 568948238 zu einem eigenen Blog entwickelt. Weil das Angebot aber fälschlicherweise immer wieder mal für beendet erklärt wurde und viele potentielle Käufer um den Räumungstermin wussten, erfolgte bis zur „Schließung des Angebots“ am 23. Mai kein Zuschlag.

          Messerlis letzter Hoffnungsschimmer kommt nun aus dem Nachbarort Toffen. Hier residiert die Oldtimer-Galerie von Reinhard Schmidlin. Schmidlin wäre bereit, die Ruinen vor Ort zu versteigern, und lässt schelmisch verlauten: „So könnte man den Friedhof beerdigen.“

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