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Marlis Otto und ihr Golf : Vom Autofahren mit 92

Die hohen Sitze erleichtern Marlis und ihren Begleiterinnen den Einstieg in den VW Golf Plus. Bild: Wille

Sie fühlt sich nicht zu alt zum Autofahren. Lange Strecken schrecken sie keineswegs. Begleiten wir Marlis Otto auf einem ihrer Ausflüge mit ihrem VW Golf Plus.

          6 Min.

          Wie viele PS ihr VW Golf Plus hat, weiß sie nicht. Unwichtig. Doch die hohen Sitze des Wagens weiß sie zu schätzen, die vereinfachen das Ein- und Aussteigen enorm. Dabei denkt Marlis Otto gar nicht an sich selbst. „Ich komme noch in jedes Auto hinein.“ Aber die anderen in ihrem Bekanntenkreis sind weniger beweglich, zumindest die ungefähr Gleichaltrigen. Die nimmt sie mit in die Ausstellung, ins Theater, ins Café, ins Museum. Sie ist die Fahrerin, immer. Die Einzige, die noch fährt. Mit 92.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Marlis Otto fährt nicht wenig. In zehn Jahren hat ihr Golf Plus, graumetallic und tipptopp gepflegt, 75.000 Kilometer gesammelt. Kilometer von der echten Sorte überwiegend, weniger solche, die Autos älterer Besitzer häufig absolvieren: Einkauf, Arztbesuch, Grabpflege, stets auf vertrauten Wegen, bloß nicht im Dunkeln, weil Augen, Gehör und Reaktionen nachlassen. Für Menschen, die noch Auto fahren, obwohl sie es eigentlich nicht mehr können, hat Marlis Otto kein Verständnis.

          Ihr Golf geht weite Wege. Einmal im Jahr rollt er Richtung Klappholttal auf Sylt, von der Wohnung in Neu-Isenburg bei Frankfurt aus knapp 800 Kilometer entfernt. 400 Kilometer, ein Klacks dagegen, sind es zur Halbinsel Mettnau am Bodensee. Dort gönnt sich Marlis Otto jedes Jahr eine mehrwöchige Aktivkur mit Entspannung und Fitnessprogramm. Freunde und Verwandte besucht sie mit ihrem Golf überall in Deutschland, auch das Elternhaus in Wuppertal. Dort lebt ihr „kleiner Bruder“. Der ist jetzt 82.

          Auch auf zwei Rädern noch sicher unterwegs

          Daheim in Neu-Isenburg nutzt sie das Auto nur dann, wenn es nicht zu vermeiden ist. Alles, was sich mit dem Fahrrad erledigen lässt, erledigt sie mit dem Fahrrad, auch das Einkaufen. Der Tag vor unserem Treffen war ein stürmischer Tag. „Der Wind hätte mich fast vom Rad geweht“, erzählt Marlis Otto, wahrscheinlich ohne Übertreibung, zierlich, wie sie ist. Sie fährt viel Fahrrad. Mit 92.

          Sie hat noch einen „grauen Lappen“, 1980 ausgestellt. Bilderstrecke

          An diesem Montag im Mai soll es nach Freiburg gehen. Dort möchte Marlis Otto eine Klassenkameradin besuchen, die mittlerweile im Altersheim wohnt. Ohne zu zögern hatte sie zugestimmt, als wir gefragt hatten, ob wir sie auf dem Beifahrersitz begleiten dürfen, um einen Artikel zu schreiben. Autofahren mit 92, Zeitung, Artikel – das hatte sie keineswegs misstrauisch gemacht. Marlis Otto ist entwaffnend freundlich und liebenswürdig, hat gern Menschen um sich, freut sich über Gesellschaft. Gern nimmt sie Anhalter mit. „Es ist allerdings zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal welche gefunden habe.“

          Die hohen Sitze des Golf Plus machen einem das Einsteigen wirklich leicht. Marlis Otto hat ihr Ziel in Freiburg schon im Navi programmiert. Das Garmin-Gerät liegt auf der Mittelkonsole hinterm Handbremshebel, verkabelt mit der Strombuchse, und ist auf volle Lautstärke gestellt, trotz der Hörgeräte. Niemals blickt sie unterwegs auf den Bildschirm („Ich schaue immer auf die Straße“), lässt sich allein von den Sprachhinweisen führen. Bisher hat das immer funktioniert, wie sie erzählt, mit einer Ausnahme. Auf dem Weg zu Bekannten in Braunschweig, als die Route wegen Verkehrsbehinderungen ständig neu berechnet und die Sache zunehmend konfus wurde, stand sie in freier Landschaft vor einer Feldscheune, als das Gerät plötzlich meldete: „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Heute lacht Marlis Otto darüber.

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