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Marlis Otto und ihr Golf : Vom Autofahren mit 92

Keinen Sinn für Automatik

Im Wiederaufbau der Nachkriegszeit nahm Marlis Otto eine Bürostelle an, was ihr als Leistungsturnerin mit Bewegungsdrang eigentlich nicht zusagte, aber ermöglichte, auf eine Vespa hin zu sparen. Dann heiratete sie nach Frankfurt und verwendete das Ersparte für eine Nähmaschine. Viel später wurde sie Grundschullehrerin. Das Studium begann sie mit 40, Manfred und Andreas, die beiden Söhne, waren da schon zehn und elf. Beide wurden Architekten, und als neulich das Navi-Gerät nach einem Software-Update verlangte, erledigte Manfred das für seine Mutter.

„Wie eine Nähmaschine“ lief das erste Auto der Familie, ein DAF von 1970, je ein Vorwärts- und ein Rückwärtsgang. Der DAF, ein komisches Fahrzeug, war damals recht verbreitet, und jeder, der einen besaß, schien sich dafür zu genieren. Es folgte ein VW Golf Automatik, „ein schreckliches Auto, das nie ansprang“. Trotzdem war jedes weitere Auto ein Golf, nicht zuletzt wegen der nahegelegenen Werkstatt („Da bin ich bekannt“), mit der Marlis Otto stets zufrieden war. Bloß ein Automatik-Wagen sollte nie wieder ins Haus kommen. „Das Schalten erledigt man selbst automatisch!“

Südlich von Karlsruhe wird eine Rast eingelegt. Marlis Otto öffnet den Kofferraum, wo drei Gepäckstücke akkurat nebeneinander plaziert sind, die Walkingstöcke obenauf. An die hochschwingende Klappe kommt sie so gerade eben heran, zierlich, wie sie ist. Getränke, etwas Obst, ein paar Brote hat sie für längere Entfernungen immer dabei, zudem ein Kissen und eine Decke. „Wenn ich merke, dass die Augen müde werden, halte ich an und schlafe eine Viertelstunde.“ Beim Verlassen des Parkplatzes touchiert sie mit dem rechten Vorderrad den Bordstein. Aber nur, weil sie für ein Foto zweimal hin und her fahren soll. Kurz darauf folgt eine kilometerlange Baustellendurchfahrt, die sie beim Fahren nicht aus der Ruhe und beim Erzählen nicht aus dem Takt bringt.

Den Krebs besiegt, das Bundesverdienstkreuz erhalten

Autofahren, antwortet Marlis Otto auf die Frage, warum sie nicht aufhöre damit, bedeute ihr Freiheit und Unabhängigkeit. Es sei ein großes Geschenk, dass sie es immer noch könne. „Sich immer nur im kleinen, unmittelbaren Umkreis bewegen – das wäre mir zu langweilig. Ich bin ein ziemlich aktiver Mensch, der immer alles gleich und spontan machen will.“ Marlis Otto sprüht vor Begeisterungsfähigkeit und Lebenslust und sagt: „Es gibt so viele Menschen, die im Alter allein sind, keinen Anschluss finden.“

Nach dem Ende des Schuldienstes, dem Tod ihres Mannes, dem Überstehen einer Krebserkrankung suchte sie eine sinnvolle Beschäftigung – und gründete in Neu-Isenburg einen Verein zur Vermittlung und Fortbildung von Tagesmüttern und Babysittern. „Das war abenteuerlich. Ich hatte von nix eine Ahnung und kein Geld. Aber ich fand eine Aufgabe, mit der ich vielen Menschen helfen konnte.“ Bis zum Alter von 85 blieb sie Vorsitzende des Vereins, dessen Ehrenvorsitzende sie heute ist. Auf das Bundesverdienstkreuz und den Ehrenbrief des Landes Hessen ist sie stolz.

Marlis Otto lenkt den Golf ins Zentrum Freiburgs hinein, das sie nicht kennt, was man merkt, was wiederum dazu führt, dass der Beifahrer doch wieder gelegentlich mitbremst. Er steigt aus, um die Rückreise mit dem Zug anzutreten, winkt hinterher, als seine Fahrerin davon düst, die einen solchen Elan hat, dass man sich in ihrer Gegenwart ganz alt fühlen kann, auch wenn man viel jünger ist.

Vielleicht gibt es ja bald ein Wiedersehen. Auf das Angebot ihres Passagiers, sie könne gern mal dessen Vespa fahren, hatte sie ganz begeistert reagiert: „Au ja, das machen wir!“ Egal, wie viele PS.

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