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Marlis Otto und ihr Golf : Vom Autofahren mit 92

Geprüfte Fahrtauglichkeit

„Zwei Stunden vierzig“, prognostiziert das Garmin für die Fahrt nach Freiburg. Marlis Otto checkt noch mal kurz ihr Smartphone, startet wie verabredet um 9 Uhr den Motor, tritt die Kupplung, legt den Gang ein, blickt um sich, setzt den Blinker, lässt die Kupplung kommen, gibt dosiert Gas. Unspektakulär beginnt die Reise. Hinter der Stadtgrenze Neu-Isenburgs ist rasch die Schnellstraße erreicht, die auf die A5 in Richtung Süden führt. Kein Problem so weit. Das Problem befindet sich auf dem Beifahrersitz.

Dort muss der Passagier sich zusammenreißen, nicht „Achtung“ oder „Vorsicht“ zu sagen. Mit ihrer schicken Kurzhaarfrisur, der sportlichen Kleidung – blauer Pulli, rote Hose, weiße Sneaker – mag die hellwache Dame am Lenker wesentlich jünger wirken. Aber sie ist nun mal 92, wie ihr Passagier weiß. So unterläuft ihm auf dem Beifahrersitz hin und wieder die Unschicklichkeit des Mitbremsens.

Irgendwann war Marlis Otto die immergleichen erstaunten Nachfragen leid: Was, du in deinem Alter fährst noch Auto? Sogar allein in den Urlaub? So meldete sie sich schließlich vorigen August zum „Fahr-Fitness-Check“ des ADAC an. „Ich habe gespürt, dass ich das noch kann, und wollte mir das von einer anderen Person bestätigen lassen.“ Anderthalb Stunden lang ließ sich ein Fahrlehrer von Marlis Otto durchs Rhein-Main-Gebiet chauffieren. Auf der Teilnehmerurkunde – Gebühr 37 Euro – wurden Punkte wie Beweglichkeit, Reaktionsvermögen, Beobachtung des Verkehrs, Geschwindigkeit, Verkehrsregeln und Bedienungselemente abgehakt. Marlis Otto bekam ausschließlich Smileys.

Sonntags sind die unterwegs, die sonst nicht fahren

Ein Blumenkübel fügte ihrem Golf die einzige Schramme zu, ganz am Anfang, als er noch fast neu war. In einem Regenguss wollte Marlis Otto ihre Mitfahrerinnen so aussteigen lassen, dass sie nicht nass werden sollten, manövrierte den Wagen deswegen zu dicht an den Straßenrand heran. Ihr letztes Bußgeld stammt noch aus D-Mark-Zeiten, 39 km/h in der Tempo-30-Zone, auf dem Weg zu ihrem Garten, an einem Sonntag. Sonntags fährt sie ohnehin ungern. „Da merkt man, dass Leute unterwegs sind, die sonst nicht fahren.“

Als sie ihren Führerschein erwarb, 1951, war das Autofahren noch eine „Männerdomäne“. Marlis Otto fährt zügig, überwiegend um die 130, meistens mit beiden Händen am Steuer, ordnet sich nach dem Überholen stets wieder nach rechts ein. Mittelspurschleicher sind ihr ein Graus. Bei jedem Spurwechsel setzt sie den Blinker, hält genügend, aber nicht zu viel Abstand, führt den Golf-Plus unverkrampft, nimmt Kurven rund und nicht eckig, genießt das Fahren angeregt plaudernd, erzählend, fragend, zuhörend, und bald ist vergessen, dass auch hier gerade so eine Art Fahr-Fitness-Check stattfindet. Bis vor zwei Jahren fuhr sie noch Ski – Abfahrt, nicht Langlauf – und würde es auch gern wieder tun, wenn sie Begleitung fände. Allein auf der Piste wäre okay, aber abends allein im Hotel, das wäre nichts für sie. Als sie auf der linken Spur an einem tiefergelegten Audi vorbeizieht, schauen die beiden jungen Kerle darin herüber. „Ui“, sagt Marlis Otto beim Kontrollblick auf den Tacho, „wir fahren gerade 160.“

Albert, ihr Mann, starb 1988. Erst kurz zuvor hatte Marlis Otto sich im Alter von 60 frühzeitig pensionieren lassen, um noch ein paar schöne Jahre mit ihm verbringen zu können. Als Kriegsfotograf war Albert, etliche Jahre älter und von Beruf Graphiker, mit der Leica an allen Fronten eingesetzt gewesen. Marlis, damals mit Nachnamen Wilhelm, musste zum BDM, zum Arbeitsdienst, dann zur Fernsprechvermittlung nach Holland, schließlich als Funkerin ins Siegerland, wo sie lernte, Einmannlöcher zu graben und Tieffliegerbeschuss zu fürchten. Von wegen Siegerland.

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