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Autodesigner Giorgio Giugiaro : Perfektionist zwischen Visionen und Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Die Hybridtechnik des Lexus RX400h kleidete Giugiaro im Jahr 2008 in die Prototyp-Formen eines Sportwagens Bild: Hersteller

Giorgio Giugiaro ist einer der bekanntesten und produktivsten Designer der Gegenwart - und mehr als ein Autodesigner. Mit seinem Spagat zwischen futuristischer Studie und emotionsgeladenem Alltagsauto bestimmt er unsere mobile Welt.

          Visionäre Studien als Botschafter innovativer Technologien der Zukunft sind die große Passion der Designer, die Gestaltung der aktuellen Produkte bildet die spannende Herausforderung der Gegenwart. Giorgio Giugiaro, wohl einer der bekanntesten und produktivsten Designer der Gegenwart, perfektioniert seit Jahrzehnten den extremen Spagat zwischen futuristischer Studie und emotionsgeladenem Alltagsauto wie kaum ein anderer. Denn nicht nur die Welt der absoluten gestalterischen Freiheit beherrscht der Meister der klaren Linien perfekt, auch die von ihm engagiert in Form gebrachten Serienmodelle haben immer wieder formale Akzente gesetzt.

          Viele Autofahrer-Generationen in Deutschland begleiteten den historischen Wandel vom VW Käfer zum modernen Golf. Diesen großen, unternehmenswichtigen Schritt für Volkswagen verantwortete als Designer jener junge Mann zu Beginn der siebziger Jahre, der 1967 seine Firma Ital Design gegründet hatte und damit den Grundstein einer neuen Ära im Selbstverständnis des klassischen Karosserieschneiders legte. Während die etablierten Kollegen aus dem Dunstkreis der italienischen Autometropole Turin sich noch überwiegend auf die emotionale Formensprache konzentrierten und ihre Entwürfe auch in kleinen Serien für die Hersteller fertigen, erweitert Giugiaro, der seine Kreativität bei Nuccio Bertone erstmals zeigen durfte, schon sehr früh sein Portfolio.

          Neben den futuristischen Studien kreieren die Kreativen in den Ital Design-Ateliers praktische Dinge des Alltags in neuer Form und Anmutung. Der VW Golf I überzeugt bei seinem Debüt 1974 auf Anhieb mit seiner technologischen Kompetenz sowie formalen Dezenz. Der neue Volkswagen entwickelt sich, auch dank seiner reduzierten Formensprache, zum globalen Bestseller und Namensgeber für jenes Marktsegment, in dem man die populären Kompaktwagen einordnet.

          Alfetta GTV

          Ein potentieller Nachfolger der Sportwagen-Ikone

          Zwei Jahre zuvor begeistert der BMW M1 mit seiner extrem keilförmigen Silhouette und schärft als High-End-Sportwagen die emotionale Botschaft der Marke. Damit hat sich Giorgio Giugiaro endgültig als Perfektionist zwischen Vision und Realität etabliert. Einen potentiellen Nachfolger der Sportwagen-Ikone realisiert Giugiaro 1992 in Form des Nazca BMW M 12, in dessen Zentrum jener famose Zwölfzylinder-Motor aus dem BMW 850i mit 300 PS (221 PS) höchst kultiviert das kräftige Lied der hohen Leistung intoniert. Doch der auf einem Kohlefaser-Chassis aufbauende Zweisitzer bleibt ein Unikat. Mit dem von Giugiaro streng geometrisch konzipierten Lancia Delta, Auto des Jahres 1980, gelingt der traditionsreichen Fiat-Tochter eine zumindest formal überzeugende Interpretation einer luxuriösen Kompaktlimousine, die später, mit Turbolader und Allradantrieb zum Sportgerät par Excellence komprimiert, die globalen Rallyepisten dominiert. Und Giorgio Giugiaro sowie sein Ital Design-Team liefern mit ihrem minimalistischen Fiat Panda 1980 eine epochale Meisterleistung eines einfachen, in zahlreichen Details nahezu genialen Konzepts eines Kleinwagens in der Philosophie des legendären Citroën 2 CV. Der in Deutschland von den Werbern als "tolle Kiste" apostrophierte Kleinwagen begeistert über alle Einkommensgrenzen hinweg mit seinem spezifischen Charme, den sein Designer als "Haushaltsgerät auf Rädern" bezeichnet. Und der in Italien die Erfolgsgeschichte des legendären Fiat Cinquecento nahtlos fortschreibt.

          In der Tradition der Sachlichkeit folgen die Fiat-Modelle Uno (1983), Punto (1993), Croma (2005) oder Bravo (2007), um nur die wichtigsten zu nennen, und auch die Lancia-Limousinen Thema (1984) und Prisma (1982) überzeugen mit ihrer dezenten Eleganz. Mit den betörenden Bugatti-Studien EB 118 und EB 218 setzt Giugiaro auf der unendlichen Skala der Emotionen traditionsbehaftete Akzente, während er mit dem ausgewogenen Alfa Romeo 156 dem darbenden Unternehmen zu neuer Blüte verhilft. In dieser Linie verdichten aktuell der 159 und das Coupe Brera die klassischen Alfa-Gene zu einer ambitionierten Symbiose.

          Bauraum spart Giugiaro durch einen doppelten Fahrzeugboden

          Während seiner Lehrjahre bei Nuccio Bertone verantwortet er dort bereits die Form des Alfa Romeo 2600 Sprint (1962), als junger Chef von Ital Design zeichnet Giugiaro die sanfte Keilform der Alfetta GT/GTV (1974). In der 2008 präsentierten Studie Quaranta spitzt Giugiaro die Hybridtechnik des Lexus RX 400h zu einem in die Zukunft beschleunigenden Sportwagen zu. Auf dem diesjährigen Automobilsalon in Genf verknüpfte Ital Design mit einer im Auftrag von Proton gestalteten Stadtwagen-Studie das Thema Hybrid mit italienischer Grandezza. Der Kleinwagen (3,55 Meter lang) soll im Inneren so viel Raum wie ein Luxusauto bieten. Bauraum spart Giugiaro durch einen doppelten Fahrzeugboden, der den E-Motor sowie einen Verbrennungsmotor als Range Extender aufnehmen kann.

          Ital Design, mittlerweile von Fabrizio Giugiaro unternehmerisch verantwortet, gestaltet nicht nur Automobile - Interieur und Formen der italienischen Schnellzüge Fiat Ferroviaria sowie die Minuetto-Regionaltriebzüge stammen ebenso aus den Ateliers in Moncalieri wie einige Nikon-Kameragehäuse (F3 bis F6) oder Profile der niederländischen Reifenmarke Vredestein. Giorgio Giugiaro und sein Sohn Fabrizio pflegen, mit scharfem Blick in die Zukunft, engagiert die Tradition der Visionen für den Alltag.

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