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Autodesign : Wo Ideen rollen

Inspiration fürs Magazin: Laurens van den Acker denkt viel in Kurven, wie seine Zeichnung für die F.A.Z. verrät. Bild: Laurens van den Acker

Wenn der Designchef von Renault ein neues Auto entwirft, bestellt er sich erst einmal einen maßgefertigten Turnschuh. Zu Besuch bei Laurens van den Acker, hinter den Safe-Türen seines Studios in Paris.

          5 Min.

          Laurens - der Mann ist Holländer, hat in der ganzen Welt gearbeitet und ist insgesamt locker drauf, also duzen wir uns - Laurens kommt leicht gehetzt zur Tür herein. Immer smart, immer freundlich, immer ein Lächeln. Aber heute dauert es ein wenig, bis er zu sich findet. Erst mal kurz durchatmen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Designchef eines Automobilkonzerns: Das bedeutet, zum Frühstück ein paar Striche auf ein Blatt Papier ziehen, sich den Tag über inspirieren lassen und wochenlang über den Knick im vorderen rechten Kotflügel nachdenken? Von wegen. Kreativität ohne Unterlass ist viel Arbeit mit einem schier unglaublichen Terminplan. „Ich habe 50 bis 60 Konferenzen in der Woche“, sagt Laurens, fast ein wenig entschuldigend.

          Hier ein Gespräch mit dem Vorstand, dort eines mit der Vorausentwicklung, hier eines mit den Technikern, dort eines mit den Kostenrechnern, hier eines über die ersten Striche am Computer, dort eines am Eins-zu-eins-Modell über den letzten Feinschliff vor der Serienfertigung. 500 Frauen und Männer arbeiten am Design künftiger Autos aus dem Hause Renault, zu dem auch die rumänische Günstigmarke Dacia gehört und demnächst der zur Wiederbelebung freigegebene Sportwagenableger Alpine, 40 bis 50 Projekte, also Autos.

          Gleichzeitig bearbeiten Laurens van den Acker und sein Team in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung ganz neue Fahrzeuge, Auffrischungen mitten im Lebenszyklus (“Facelift“), Showcars für Messen.

          Kein Schuh ist ihm zu bunt: Laurens van den Acker.

          Ein Glas Wasser. Er steht auf und kramt hinter dem Schreibtisch eine Tüte hervor. Sein berufliches Leben teile er ein in ein Drittel Arbeit mit dem Team, ein Drittel mit dem Management, ein Drittel Reisen, sagt er noch, möchte aber viel lieber über den Inhalt der Tüte sprechen. Schuhe. Genauer: Turnschuhe von Adidas. Alles Unikate. Wer mit Laurens durch die Stadt geht, hört ihn schon mal plötzlich sagen: „Das gibt’s doch nicht. Schau mal, der Kerl da drüben hat schickere Turnschuhe als ich!“

          Van den Acker trägt stets ausgesucht feine Anzüge, dazu knallbunte Turnschuhe. Sie sind für ihn ein Spleen geworden. Vielleicht ist das gar nicht so geheimnisvoll, wie viele denken. Einfach ein Gag und ein weitgehend nebenwirkungsfreies Mittel gegen Midlife-Crisis: „Die Schuhe halten mich ein bisschen jung“, meint er, die 50 an Lebensjahren vor Augen. Außerdem sind sie praktisch, denn der große Mann läuft schnell und viel, allein die ganzen Meetings!

          Es sind natürlich nicht irgendwelche Turnschuhe. Laurens van den Acker hat sich für die künftige Modellpalette einen Lebenskreis ausgedacht, geschmückt mit Blumen und Farben, schließlich soll Renault das Image der grauen Maus ablegen. So hat jedes neue Modell eine Aussage und seine eigene Farbe, in der es auf der Messe zum ersten Mal dem Publikum gezeigt wird. Dieselbe Farbe haben seine Turnschuhe, die er sich im Adidas-Online-Shop individuell zusammenstellt.

          Vorn an den Schnürsenkeln wird eine kleine Flagge des Landes fixiert, in dem die Präsentation stattgefunden hat. Das jeweils nächste Automodell trägt van den Acker als Schuhmodell. Twingo, Showcar Kwid, Captur, Clio sind schon auf dem Markt. Als nächstes ist der Van Espace dran. Welche Farbe er wohl haben wird? Welche Details ihn zieren werden? Man achte auf die Füße. Jedes der teuren Paare hat Laurens übrigens nur ein Mal. „Sonst gibt’s Ärger mit meiner Frau.“

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          Ein Griff in die Zeichenkiste. Es kommen hervor: Ideen, die zu Bildern geworden sind. Manche rollen schon durch die Stadt, manche nicht. Liebe, Leidenschaft und Lebensfreude sollen die Formen und Farben ausdrücken, und wären da nicht die vermaledeiten Gesetze und die unnachgiebigen Buchhalter, Laurens würde noch ganz anderes auf die Straße bringen.

          Die Restriktionen sind groß. Ob eine Rückleuchte mit schönem LED-Licht ausgestattet werden darf, das aber im Vergleich zu herkömmlichen Glühbirnen um einige Cent teurer ist, das ist eine Frage, die zwischen Design und Kostenkontrolle zu langen Diskussionen führen kann (Laurens hat sie bislang verloren). Die Gesetzgebung setzt der Linienführung Grenzen; so beeinflusst der Fußgängerschutz die Frontgestaltung maßgeblich.

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