https://www.faz.net/-gy9-9h6i7

Auto Show in Los Angeles : Zwischen den Zeiten

  • -Aktualisiert am

Stromschnelle, und zwar so was von: Audi E-Tron GT. Bild: Thomas Geiger

Tesla wird rechts überholt, Mazda setzt auf analoge Werte und Volvo liefert eine Leerstelle. Doch nicht alle Innovationen bieten Antworten auf drängendsten Fragen auf dem Weg in die Zukunft.

          Die Autobranche ist gefangen zwischen den Zeiten: Alle reden vom Elektroantrieb und vom autonomen Fahren. Doch bis es damit so weit ist, müssen sich die Hersteller mit herkömmlichen Modellen über Wasser halten. Kaum irgendwo wird diese Transition so deutlich wie auf der Auto Show in Los Angeles.

          Bislang eher PS-Party für die Hollywood-Elite und freudiger Ausklang des Autojahres als ernsthafter Branchengipfel, nutzt sie die Schwäche des Pariser Salons und der Detroit Auto Show im Januar. So viele wegweisende Neuheiten wie dieses Jahr waren noch nie in Kalifornien. Die Motor Show dauert noch bis einschließlich Sonntag, den 9.Dezember.

          Neben dem eher evolutionären als revolutionären Porsche 911 sind vor allem zwei Premieren von Bedeutung. Die erste ist der Gladiator, mit dem Jeep als Marke nach langer Pause mal wieder einen Pick-up baut und ein Segment bedient, das allein in den Staaten für mehr als 2,5 Millionen Zulassungen steht und sich bislang am tapfersten gegen alle Neuerungen gesperrt hat. Deshalb ist auch der vom Wrangler abgeleitete Pritschenwagen ein Auto aus altem Schrot und Korn mit Leiterrahmen und klassischen Verbrennungsmotoren.

          Selbstzündende Benziner gegen Elektromotoren

          Die zweite ist der Mazda3, der jetzt als Schrägheck- und Stufenhecklimousine den vierten Anlauf gegen Golf & Co nimmt. In einer zunehmend digitalen und elektrischen Welt setzt er auf ziemlich analoge Werte und will vor allem mit einer neuen Ästhetik überzeugen.

          Auch unter der Haube schwimmt Mazda gegen den Strom. Ja, es gibt für die Otto-Fraktion einen Mild-Hybrid. Doch die eigentliche Sensation ist der HCCI-Motor, der als erster Benziner wie ein Diesel selbst zündet und damit bis zu 30 Prozent sparsamer sein soll.

          Den krassen Gegenentwurf dazu sieht man bei Kia, wo der Soul gerade in die zweite Generation geht und für den deutschen Markt nur noch mit Elektromotor zu haben sein wird. Doch es gibt noch viel mehr: Audi liefert mit dem seriennahen E-Tron GT die zukunftsfeste Antwort auf den Porsche 911.

          Eine Seele von Elektriker: Kia Soul. Bilderstrecke

          Auf der Plattform des kommenden elektrischen Porsche Taycan haben die Herren der Ringe einen wunderschönen Viertürer gezeichnet, der obendrein faszinierende Fahrleistungen verspricht: Zwei Motoren mit zusammen 590 PS sollen ihn in 3,5 Sekunden auf Tempo 100 wuchten, und die 90kWh Akkukapazität mögen für mehr als 400 Kilometer reichen. Das Auto soll ziemlich genau so in Serie gehen, wie es in Los Angeles zu sehen ist, verspricht Designchef Marc Lichte.

          Am deutlichsten wird der Zeitenwechsel in der PS-Branche am Stand von BMW, weil dort die alte und die neue Welt mit dem luxuriösen Groß-SUV X7 und dem visionären iNext direkt aufeinandertreffen. Beide Geländewagen sind etwa gleich groß, beide ziemlich feudal und üppig motorisiert, und beide sind fest für die Produktion geplant. Der eine allerdings schon ab 2019, der andere erst in drei Jahren, dafür dann aber elektrisch und weitgehend autonom.

          Der erste akkubetriebene Pick-up

          Doch wer den American Way of Drive wirklich elektrifizieren will, der muss in einer anderen Liga ansetzen: bei den Pick-ups. Tesla-Chef Elon Musk hat immer mal wieder publikumswirksam mit einem elektrischen Pritschenwagen geliebäugelt. Doch jetzt kommt ihm offenbar RJ Scaringe zuvor. Er leitet das Start-up Rivian und zeigt den R1T.

          Als erster Pick-up mit Akku-Antrieb soll er im Jahr 2020 in Serie gehen und bei knapp 800 PS und Allradantrieb mit Batterien bis 180 kWh auf eine Reichweite von 600 Kilometern kommen. Dabei punktet der aalglatt und ohne jede sonst übliche Muskelprotzerei gezeichnete R1T unter anderem mit seinem sauberen Antrieb und Sprintwerten auf Sportwagenniveau, coolem Design und einem Cockpit mit einem freistehenden Bildschirm hinter dem Lenkrad.

          Bestellungen und eine Anzahlung von 70.000 Dollar werden schon entgegengenommen. Scaringe meint es ernst: Ein ehemaliges Mitsubishi-Werk in Illinois wird umgerüstet, und einen Geländewagen soll es später auch geben.

          Was es sonst noch zu sehen gab

          Dazu gibt es im Staples Center noch ein paar Premieren ohne Tiefgang, die aber die lustvolle Leichtigkeit bedienen, die Los Angeles für die Autohersteller zu einem beliebten Pflaster macht. So feiert AMG hier das Facelift des GT, bei dem es aber nur ein aufgefrischtes Cockpit und neue Scheinwerfer gibt.

          BMW spendiert dem neuen 3er im M340i noch einen Sechszylinder-Benziner und zollt mit dem 8er-Cabriolet dem ewigen Sonnenschein in Kalifornien Tribut, und aus Korea gibt die luxuriöse Hyundai-Tochter Genesis mit dem G70 einen Vorgeschmack darauf, was von 2020 an in Deutschland den schweren Kampf gegen Audi, BMW und Mercedes-Benz aufnehmen möchte.

          Anders als in Paris oder Peking gibt es in Los Angeles damit endlich mal wieder ein paar Antworten auf die drängenden Fragen der Autowelt. Aber nicht alle sind richtig. Audi E-Tron, ein elektrischer Pick-up von einem Start-up, ja zur Not sogar der gewöhnungsbedürftige BMW iNext könnten eine Lösung sein. Doch Volvos Weg eher nicht: Die Schweden schreiben überall groß an ihren Stand, dass man keine Autos mehr kaufen soll. Vielleicht meinen sie das ironisch. Konsequenterweise haben sie gar keine Fahrzeuge mehr mitgebracht.

          Weitere Themen

          Elektriker in Teilzeit

          Plug-In-Hybride : Elektriker in Teilzeit

          Plug-in-Hybride verbinden das Schlechte aus zwei Welten. Aber wenn in der Stadt Fahren mit Strom gefordert wird, sind sie Könige. Reichweitenangst wie im reinen Elektroauto gibt es auch nicht. Zukunft also oder Irrweg?

          Topmeldungen

          Vor Wahl in Brüssel : So kämpft von der Leyen um Stimmen

          Zu vage und nicht ehrgeizig genug: Für ihren Auftritt vor dem EU-Parlament musste von der Leyen von vielen Seiten Kritik einstecken. Die CDU-Politikerin reagiert mit detaillierten Strategien – vor allem im Klimaschutz. Hilft ihr das so kurz vor der Wahl?

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.