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Verfolger-Boote America’s Cup : Wasserstoff beflügelt

Begleiterscheinung: Die Verfolgerboote werden von jeweils vier schweren Mercury-Marine-Außenbordern mit insgesamt 1600 PS angetrieben. Bild: AFP

Die schnellen Verfolger-Boote für den nächsten America’s Cup sollen auf Tragflügeln gleiten und dem Schiffbau neue Wege zeigen.

          3 Min.

          Noch stehen weder der Austragungsort noch die konkurrierenden Mannschaften für den 37. America’s Cup fest. Doch dass die wichtigste Segelregatta der Welt grüner werden soll, daran gibt es keine Zweifel. Nun will das Team New Zealand, das den Pokal vor einigen Monaten in Auckland verteidigte, seine Verfolgerboote der Rennyachten mit Wasserstoffantrieb ausstatten. Gelingt das, haben sich die Kiwis einmal mehr als Vorreiter technischer Lösungen positioniert. Immer wieder verblüfften sie in den vergangenen Jahren die Segelwelt mit Innovationen, die niemand für möglich gehalten hatte.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Derzeit arbeiten die Ingenieure des Teams New Zealand an einem Prototyp eines Katamaran-Schnellboots auf Tragflügeln und mit Wasserstoffantrieb. Heben sich seine von Elektromotoren getriebenen Rümpfe aus dem Wasser, erinnert es an die Bilder, die vom jüngsten America’s Cup mit seinen vor Auckland „fliegenden“ Booten übertragen wurden. „Wir hoffen, dass wir eine seismische Verschiebung in Richtung Wasserstoffantrieb erreichen können“, sagt Grant Dalton, der Chef des Teams New Zealand. Die Anforderungen sind hoch, auf solchen Booten verfolgen Kameraleute, Teamhelfer und Schiedsrichter die neuen Renner des Typs AC75, die vor Auckland mit bis zu 51 Knoten (94 km/h) über den Hauraki-Gold jagten. Und dabei herrschte in jenen Tagen nur leichter bis mittlerer Wind. Der Gegensatz aber fiel ins Auge: Erreichten die krakenartigen Segelboote die Höchstgeschwindigkeiten mit Windkraft, wurden ihre Verfolgungsboote von jeweils vier schweren Mercury-Marine-Außenbordern mit insgesamt 1600 PS angetrieben.

          Das soll sich nun ändern. „Diese Initiative ist nicht ohne Risiko“, meint Dalton. „Denn wir haben sehr spezifische operative Kriterien innerhalb unserer Mannschaft und im America’s Cup. Einfach wird das nicht.“ Funktioniert das neue Rennboot, wollen Neuseeländer als Verteidiger und die Herausforderer aus Großbritannien dessen Einsatz allen Mannschaften vorschreiben. Mehr als 20 der neuartigen Speedboote würden dann gebaut werden. „Über fast zwei Jahrhunderte hat der America’s Cup die Grenzen in Design und Technik erweitert und sichergestellt, dass die Innovationen der gesamten Schiffsindustrie dienen“, meint Sir Ben Ainslie, der das britische Team führt. „Wenn nun die ganze Welt so viel in Wasserstoff investiert, könnte das Wechseln zu Tragflächen-Verfolgerbooten, die von Wasserstoff getrieben werden, eine nachhaltige und praktische Lösung für die Zukunft der Industrie darstellen.“

          Hochfliegende Idee: Wasserstoff und Elektroantrieb Bilderstrecke
          America’s Cup : Verfolgerboote

          Eine solche Entwicklungsarbeit aber übersteigt sogar die Kapazitäten des neuseeländischen Teams, zumal das schon mit der Weiterentwicklung seines nächsten Renners auf Basis des Siegerboots beschäftigt ist. Seit vielen Jahren arbeiten die segelnden Neuseeländer mit Spitzeningenieuren zusammen, gerne aus dem eigenen Land. Andere Teams setzen stärker auf Flugzeug- oder Automobiltechniker. Auf den Animationsbildern der neuen Verfolgerboote prangt die Werbung für Toyota auf dem rot-schwarzen Rumpf - die Japaner aber sind seit Langem Sponsoren von Team New Zealand. Über eine Zusammenarbeit beim neuen Antrieb mit ihnen ist bislang nichts bekannt.

          Dafür haben sich die Kiwis andere Fachleute an Bord geholt: AFCryo, ein kleines Gemeinschaftsunternehmen einiger hoch spezialisierter Ingenieure im neuseeländischen Christchurch, soll Teile der Wasserstofftechnik beisteuern. Die französische Absolut Systems, einer der beiden Partner, nennt 14 Mitarbeiter, zählt aber neben anderen die NASA und die europäische ESA und Airbus als Kunden. Der andere AFCryo-Partner, Fabrum Solutions, arbeitet mit 25 Leuten von Christchurch und New York aus und forscht unter anderem an Supraleitern, aber auch an Antrieben für Unterseeboote.

          Die Namensteil „Cryo“ ist eher aus der Kältetherapie zum Abbau von Fettzellen bekannt. Kryogenik ist die Technik zur Erzeugung außerordentlich tiefer Temperaturen und zur Nutzung physikalischer Effekte bei Tiefsttemperaturen. In Christchurch entwickeln die Ingenieure Extremkühlgeräte für die Industrie. Dazu zählt etwa der CryoCube, ein in Containermaßen gebautes Kühlgerät, mit dem unter schwierigen Bedingungen und in unwegsamem Gelände Sauerstoff oder Stickstoff platzsparend verflüssigt werden können. So können beispielsweise Blutproben oder Eizellen gefroren oder Weinflaschen desinfiziert werden. „Wir arbeiten nun seit 17 Jahren im Bereich der Kältetechnik“, sagt Hugh Reynolds, der das America’s-Cup-Projekt für AFCryo betreut. „Seit Langem schon entwickeln wir Systeme zur Herstellung von Wasserstoff. In diesem Fall geht es um eine aggressive Entwicklungskurve und eine Zeitschiene, auf der wir es schaffen müssen, Wasserstoff (in einem Boot) auf dem Wasser zu lagern und zum Antrieb zu nutzen.“

          Ersten Entwurfszeichnungen nach sollen die Chase-Boote vier Wasserstoff-Tanks in jedem ihrer beiden Rümpfe tragen, dahinter liegen jeweils drei Brennstoffzellen. Elektromotoren heben die Tragflächen und bedienen die Ruder. Klappt der Versuch mit den Verfolgerbooten, dann werde die Wasserstofftechnik auch auf den Rennbooten selber in stärkerem Maße zum Einsatz kommen, heißt es im Team New Zealand. Yachten auf Basis des im Frühjahr so erfolgreich gesegelten Typs AC75 sollen für die nächsten beiden America’s Cups genutzt werden. Damit werden die Kosten für eine grundlegende Neuentwicklung der Rennboote vermieden.

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