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Rekordfahrt ins Eis : Der Tret-Traktor

Schöne Strapaze: Die Britin Maria Leijerstam, der erste Mensch, der den Südpol mit einem Fahrrad erreichte Bild: M. Leijerstam

Auf dem Dreirad zum Südpol – das eigens umgebaute Sportgerät stellt nicht nur Rekorde auf. Man kann auch einfach nur richtig Spaß mit den dicken Reifen haben.

          Das Rad, das aus der Kälte kam, sieht aus wie geleckt. Ja, sagt Kirk Seifert von Icletta, dem deutschen Importeur der „Recumbent Trikes“ des britischen Herstellers Inspired Cycle Engineering (ICE), „darüber war man bei ICE überhaupt nicht glücklich, dass es so sauber ist. Aber in der Antarktis gibt es eben nun mal keinen Matsch.“ Das White Ice Cycle steht in der Tat kohlrabenschwarz auf der Eurobike 2014, so sauber, als ob es die Fahrt zum Südpol erst noch vor sich hätte.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Doch mit genau diesem Dreirad hat die damals 35 Jahre alte Maria Leijerstam am 27. Dezember 2013, im Antarktischen Hochsommer sozusagen, als erster Mensch den Südpol mit einem Fahrrad und nur mit eigener Muskelkraft erreicht. Sie war nicht nur der erste Radler, sondern auch Schnellster ohne Motor auf dem Weg vom Rand des antarktischen Kontinents zum Pol: Für die 638 Kilometer vom Ross-Schelfeis zur Amundsen-Scott-Station brauchte sie nur 10 Tage, 14 Stunden und 56 Minuten. Und das verdankte die britische Extremsportlerin mit schwedischen Wurzeln nicht nur ihrer mentalen und körperlichen Fitness, sondern auch dem Fahrzeug, das sie gewählt hatte.

          Mit der Spezialanfertigung von ICE konnte sie eine andere Route wählen als zwei männliche Konkurrenten, die auf zweirädrigen Mountainbikes die flachere, aber deutlich längere Strecke vom Rand des Filchner-Ronne-Schelfeises zum Pol befuhren. Leijerstam hingegen nahm die South Pole Traverse, auch McMurdo-Südpol-Highway genannt, eine mit Fahnen gekennzeichnete Piste, auf der Raupenfahrzeuge Ausrüstung, Lebensmittel und Brennstoff von der amerikanischen Logistikstation McMurdo zur Amundsen-Scott-Südpolstation bringen.

          Für Radfahrer hat diese Route einen Haken und das nicht nur in Gestalt des scharfen Knicks, den sie auf der Landkarte macht: Die Piste aus verfestigtem Schnee und aufgefüllten Gletscherspalten erklimmt mit einem brutalen Anstieg im Transantarktischen Gebirge den 2941 Meter hohen Leverett-Gletscher als höchsten Punkt von Meijerstams Radreise. Der geographische Südpol liegt nach weiteren rund 500 Kilometern über das antarktische Hochplateau auf 2835 Meter Höhe.

          Für die steile Piste wurde eine Untersetzung eingebaut

          Nun ist aber Steigfähigkeit eigentlich nicht gerade die Paradedisziplin für Sessel- und Liegeräder. In sitzender Position kann man nicht wie beim herkömmlichen Fahrrad sein ganzes Körpergewicht als Kraft auf die Pedale bringen. Der Ausweg: Die Übersetzung muss reduziert werden – bis hin zu einer Untersetzung: Die Beine wirbeln dann wie wild, und das Liegerad schiebt sich ganz langsam, aber unaufhaltsam voran. Für das PolarCycle – so nennt Leijerstam ihr Fahrzeug, das bei uns unter dem Namen ihrer Expedition lief – wurde die Schaltnabe um ein Untersetzungsgetriebe erweitert.

          Auf drei 4,5 Zoll breiten Fat-Bike-Reifen mit groben Stollen kämpfte sich Leijerstam zwischen zehn und siebzehn Stunden täglich kurbelnd zum Pol. Das größte Problem für sie waren neben tiefen Minustemperaturen und starkem Wind die Schneeverwehungen, zu deren Passieren unter die gelenkten Vorderräder breite Kufen montiert werden konnten.

          Maria Leijerstam am Südpol

          Man hat nicht alle Tage Gelegenheit, solch ein berühmtes und besonderes Rad zu fahren. Und deshalb stand nach einer kurzen Runde am Eurobike Demoday fest, dass das nachgeholt werden müsse. Importeur Icletta ist in Weiterstadt nicht weit von Frankfurt entfernt. Schnee und Eis und Steigungen auf knapp 3000 Meter Höhe hinauf standen zwar nicht zu erwarten, aber doch Sand, Schlamm und tiefe Fahrrillen auf abgeernteten Zucchini-Feldern mehr als genug. Was sich in der Antarktis bewährt hat, das hat auch sein Gutes dort, wo man sich mit dem Tret-Traktor so richtig einsauen kann. Bloß nicht zu viel Straße fahren: Da hummeln die wenig aufgepumpten Reifen so entsetzlich, wie das alle Fat-Bikes tun – hier aber wird mit einem Reifen mehr konzertiert.

          Sicheres und spaßiges Fahren mit drei Rädern

          Sobald der Untergrund aber rutschig wird oder feinsandig, kommt ungetrübte Freude auf. Man kann nicht umfallen, wenn die Räder tatsächlich im Sand versinken. In dieser Situation kann man mit dem einspurigen Mountainbike, abgebremst wie ein Lastwagen in der Notfallspur, bildschöne Stürze hinlegen. Mit dem Trike bleibt man einfach stehen, schaltet zurück und arbeitet sich mit Untersetzung und raschem Kurbeln aus dem Sand heraus.

          Mit Karacho durch die Pfützen

          Der Schotter spritzt, soll er doch, das PolarCycle driftet, hebt in allzu engen Kurven ein Bein, lässt sich aber mühelos auf den Boden der Tatsachen zurückbringen. Die fetten Reifen dämpfen auch übelste Stöße. Diese unbekümmerte Fahrerei macht einen irrsinnigen Spaß: Auf dem Dreirad gilt noch um einiges mehr, was auch den Reiz des einspurigen Fat-Bikes ausmacht: Man kann da Rad fahren, wo man eigentlich nicht Radfahren kann: Der Winter verliert seinen Schrecken, der Sandstrand wird nicht mehr zur Abstiegszone und die Kiesgrube zum Paradies.

          Nach der Rückkehr von der Fahrt mit Maria Leijerstams einzigartigem Schneemobil hat Kirk Seifert noch die fröhlich stimmende Nachricht: Den Amerikanern hat das PolarCycle so gut gefallen, das ICE ein Trike namens Full Fat auflegen wird, ohne Kufen und ohne Untersetzungsgetriebe, aber so breitspurig wie das Original.

          Mehr:

          www.icletta.com

          www.whiteicecycle.com

          www.icetrikes.co

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