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Zukunftsprojekt von Volvo : Der Traum vom autonomen Fahren

Bild: Boris Schmidt

Das Projekt „Drive me“ ist einzigartig in der Automobilindustrie. 2017 sollen im Raum Göteborg auf gut 50 Kilometer Autobahn, die sich wie ein Ring um die Stadt legen, exakt 100 Volvos autonom unterwegs sein.

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          Das selbstfahrende Auto geistert seit geraumer Zeit durch die Medien. Angefacht unter anderem von einer Fahrt mit einer autonomen S-Klasse auf der legendären Berta-Benz-Route und einer Meldung aus dem Mai, autonomes Fahren sei jetzt auch rechtlich möglich. In Artikel 8 der Wiener Konvention von 1968, mit der Straßenverkehrsregeln weltweit vereinheitlicht wurden, steht bisher: „Jeder Führer muss dauernd sein Fahrzeug beherrschen oder seine Tiere führen können.“ Diese strenge Regel wurde jetzt etwas gelockert, denn Systeme zum automatisierten Fahren sollen zulässig sein, wenn sie jederzeit vom Fahrer gestoppt werden können. Abgesehen davon, dass die Änderung noch formal zu verabschieden ist, ein Fahrer muss auch dann immer an Bord und aufmerksam sein.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Wer das Thema realistisch und ohne Phantasterei betrachtet, kann nur zu dem Schluss kommen, dass vollautonomes Fahren „in den nächsten 15 Jahren nicht kommt“. Diese Aussage des Volvo-Entwicklungschefs Peter Mertens mag im Widerspruch zu Volvos neuestem, extrem ehrgeizigen Projekt „Drive me“ stehen, doch die kühlen Schweden sind dafür bekannt, dass sie eher tief- als hochstapeln.

          Denn „Drive me“ ist in seiner jetzt in Göteborg vorgestellten Konzeption (noch) einzigartig in der Automobilindustrie. 2017 sollen im Raum Göteborg auf gut 50 Kilometer Autobahn, die sich wie ein Ring um die Stadt legen, exakt 100 Volvos autonom unterwegs sein. Erstes Ziel ist es, den Fahrer zu entlasten. Er soll sich im Berufsverkehr mehr entspannen können, das Lesen einer Zeitung oder das Checken der Mails auf dem Laptop sind kein Tabu. Beim Erreichen der fürs autonome Fahren gedachten Zone fädelt sich der Wagen automatisch ein, danach schwimmt er im Verkehr mit und wechselt auch selbsttätig die Spur, falls die eben benutzte zu voll wird. Wenn die Stadtautobahn verlassen wird, muss der Fahrer wieder übernehmen.

          Die Stadt Göteborg, das Forschungszentrum Lindholmen und die schwedischen Verkehrsbehörden unterstützen den Pilotversuch, dessen Fahrer keine versierten Testpiloten sein sollen, sondern Kunden, die den Volvo aus eigener Tasche leasen. Die Fahrzeuge sind über GPS mit einer Rechenzentrale verbunden, die Verkehrsinformationen gibt, aber auch den Pilotbetrieb unterbrechen kann, zum Beispiel bei starkem Schneefall. Noch ist kein technisches System, sei es radar- oder kamerabasiert, in der Lage, unter extrem schlechten Bedingungen brauchbare Ergebnisse zu liefern. Gefahren wird 2017 mit neuen Volvos, die heute noch nicht auf dem Markt sind. Ob es 100 gleiche Modelle sein werden oder zwei Tranchen je 50, ist noch nicht entschieden. Einiges spricht für den neuen Volvo XC90, der 2015 auf den Markt kommt. Dort feiert ein erweiterter adaptiver Tempomat Premiere, der dem Vordermann im dichten Verkehr dank zusätzlicher Lenk-Assistenz selbständig folgen kann.

          Neben der Bequemlichkeit für den Fahrer sehen die Schweden Vorteile autonomer Fahrzeuge durch die Verbesserung von Verkehrseffizienz. Zu Ende gedacht, könnte man mit autonomen Autos die Fahrspuren in eine Richtung von drei auf vier erhöhen, um so den Verkehrsfluss weiter zu verbessern. Außerdem geht es Volvo-typisch auch um Sicherheit. „Drive me“ ist integraler Bestandteil von Volvos Ziel, es 2020 zu erreichen, dass kein Mensch mehr in einem neuen Volvo durch einen Unfall stirbt oder schwer verletzt wird.

          Erste Erprobungsfahrzeuge sind in Göteborg schon unterwegs, allerdings können diese noch nicht von allein die Spur wechseln. Doch ein erstes Ergebnis gibt es schon: Weil sich das System selbstverständlich stets stoisch an die Geschwindigkeitsbeschränkung hält (70 oder 80 km/h), ist das autonome Auto immer ein wenig ein Verkehrshindernis. „Alle anderen fahren schneller“, sagt Mikael Thor, der bei Volvo den Versuch betreut und uns mitnimmt. Auf Unvorhergesehenes wie einen Unfall auf der Strecke voraus, Radfahrer oder Fußgänger auf der Autobahn können die Systeme heute schon reagieren, in dieser Hinsicht ist Volvo gewiss einer der führenden Hersteller.

          Zum Konzept „Drive me“ gehört außerdem, dass der Pendler, nachdem er die letzten Meter zum Ziel sein Fahrzeug selbst gelenkt hat, an bestimmten Stellen seinen Volvo allein zum Parken schickt. Auch das ist Zukunftsvision, funktioniert aber im Versuch längst. Sind die Parkplätze oder die Parkhäuser dem Auto „bekannt“, sprich im System programmiert, steigt der Fahrer am Übergabepunkt aus, und der Volvo sucht sich seinen Stellplatz. Der kann viel kleiner oder auch niedriger sein, weil niemand mehr aussteigen muss - auch Parkhäuser ließen sich so viel effizienter bewirtschaften.

          Andere Hersteller haben „Self-Parking“ ebenfalls schon gezeigt, auch vor der eigenen Haustür hat das Charme. Man steigt direkt aus, der Wagen fährt allein in die Garage. Doch auch das ist noch Zukunftsmusik. Aber es wird wohl eher realisiert sein als vollautonomes Fahren. Zu viele rechtliche und technische Hürden sind noch zu nehmen.

          Die Welt ist aus Computersicht ungeheuer komplex. Der Mensch ist nahezu perfekt darin, sie zu interpretieren. Hier hat jede Technik riesige Defizite. Beispiel: Wie reagiere ich auf einen großen Ast, der auf die Straße geschleudert wird? Die richtige Antwort darauf geben zu können ist eine gigantische Programmier- und Rechenleistung.

          Und letztlich, sollte im Extremfall ein Unfall physikalisch nicht mehr vermeidbar sein: „Wir können es doch nicht dem System überlassen, zu entscheiden, wo der Wagen einschlägt“, sagt zumindest Volvo-Mann Mertens. „Wir arbeiten an Systemtechnik zur Unterstützung des Fahrers, um die Sicherheit zu erhöhen.“ Ein autonomes Auto müsste aber besser sein als der beste Fahrer. Und dieser Weg sei noch sehr weit.

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