https://www.faz.net/-gy9-9lgun

Assistenz und Elektrifizierung : ZF ruft die guten Geister

  • -Aktualisiert am

Rad, Feder und Elektroantrieb in einem Bild: Hersteller

Nur noch die Hülle hat dieser Touran gemein mit dem Minivan aus Wolfsburg. Der Versuchsträger ist das jüngste Innovation Vehicle des schwäbischen Zulieferers ZF.

          Er sieht aus wie ein normaler Touran. Doch was bunt beklebt über die Teststrecke im chinesischen Anting kurvt, hat mit dem Minivan aus Wolfsburg nur noch die Hülle gemein. Der Versuchsträger ist das jüngste Innovation Vehicle des schwäbischen Zulieferers ZF, das im kommenden Monat auf der Motorshow in Schanghai abermals beweisen soll, wie viel mehr als Getriebe die Zahnradfabrik Friedrichshafen mittlerweile zu bieten hat. Dafür haben die Schwaben den Wagen vollgepackt mit allem, was ihre Vorausentwickler erdenken. In erster Linie geht es um Sauberkeit und Sicherheit.

          Da wäre zum Beispiel ein Cockpit, in dem der größte Bildschirm diesseits von Tesla flimmert und ein Lenkrad montiert ist, das die Einsatzbereitschaft des Fahrers besser erkennt als bisher. Zusammen mit einer neuen 3D-Kamera zur Innenraumüberwachung sieht ZF darin einen wichtigen Schritt zum hochassistierten Fahren. Denn so kann die Elektronik die Aufmerksamkeit des Fahrers ständig überwachen und zum Beispiel auch erkennen, ob er zu lange auf den Touchscreen starrt. Ist das der Fall, beginnt eine Warnkaskade, die vom üblichen Blinken und Piepen über ein dezentes Zucken im Gurt bis hin zum Verdunkeln des Bildschirms reicht.

          Als weiteres Sicherheitselement schlagen die Schwaben einen Geisterfahrer-Schutz vor, der es nicht bei Warnungen belässt. Mit Kameras und GPS-Koordinaten wollen sie die Route so genau kontrollieren, dass der Bordrechner eine falsch genommene Autobahnauffahrt durch einen gezielten Lenkeingriff verhindern kann. Droht trotz immer besserer Assistenten ein Unfall, sollen neue Sicherheitsgurte zum Einsatz kommen. Sie verfügen über ausfahrbare Gurtschlösser, die sich den Insassen zum Anlegen um eine Handbreit entgegenrecken und so die Nutzungsquote erhöhen sollen.

          Vor allem aber steckt am anderen Ende ein Elektromotor mit deutlich mehr Einsatzfähigkeit als bisher. 250 Nm stark, kann er anders als heute nicht nur die Gurtlose verringern, sondern die Insassen in Sekundenbruchteilen in die sichere Sitzposition zerren. Das könnte künftig öfter passieren als gedacht, selbst wenn es danach nicht wirklich zum Unfall kommt. Denn eine weitere Idee des Forschungsfahrzeugs ist ein neuer Bremskraftverstärker, der schneller mehr Druck aufbaut und den Test-Touran brachial zum Stehen bringt.

          Eine weitere Idee des Versuchsträgers ist sein Hinterachsmodul „M-Stars“, das reichlich technische Kenntnisse in eine Komponente packt und so zum All-Inclusive-Paket zur Aufwertung bestehender Plattformen werden oder neuen Kunden Entwicklungsarbeit abnehmen soll. Neben banalen Dingen wie Radführung und Federung enthält es einen integrierten Elektromotor mit 204 PS. Auch eine Hinterradlenkung ist vorgesehen. Die kann in der Regel drei oder vier Grad einschlagen. ZF hat die Konstruktion so weit optimiert, dass bis zu sieben Grad möglich sind und der Wagen entsprechend wenig Platz zum Wenden braucht. Der Touran ließe sich sogar nur mit der Hinterachse lenken. Während das eine eher Spielerei ist, hat der Spurwechsel im Krebsgang ernsten Hintersinn. Schlagen beide Achsen parallel ein, reduziert sich die Querkraft und mit ihr die Belastung für den Magen der Passagiere.

          Autofahrer können die neuen ZF-Systeme bislang nicht kaufen. Doch die Autohersteller haben die Angebote längst auf dem Tisch, erste Verträge seien unterschrieben, heißt es. Vieles von dem, was jetzt im Test-Touran steckt, könnte in zwei, drei Jahren auf der Straße sein. Welch Zufall, dass es dann einen neuen Touran geben wird.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.