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Aprilia Caponord 1200 : Heißblütiger Beitrag zum beliebten Thema

  • -Aktualisiert am

Mit Kettenantrieb und 17-Zoll-Rädern vorn wie hinten ist die Caponord klar auf Asphalt und weniger auf gelegentlichen Geländeeinsatz hin konzipiert Bild: Hersteller

Aprilia bereichert mit der Caponord 1200 das wachsende Segment der großen Reiseenduros. Erste Probefahrt, noch nicht bis zum Nordkap.

          Je nach Einstellung zum Thema Hightech im Motorrad staunen die einen über die Menge elektronischer oder elektronisch gesteuerter Bauteile, während andere sich mit mäßiger Begeisterung abwenden. Sensorringe, Mikrocomputer, ECU, VCU, ABS, ADD, USB, ACC, ATC und vieles mehr - die eindrucksvolle Zusammenstellung von Komponenten an einer Demo-Wand aus Anlass der Präsentation der Caponord 1200 offenbart den Aufwand, den Aprilia für sein neuestes Modell getrieben hat, aber nur zum Teil.

          Denn zu dieser Vielzahl von Regelungssystemen zugunsten höchster Fahrsicherheit und Leistungsfähigkeit addieren sich Neuerungen auf der mechanischen Seite: Genannt seien nur der Kombirahmen aus Stahl-Gitterrohr und Alu-Profilen, die radial montierten Monobloc-Scheibenbremsen oder die mächtige Hinterradschwinge. Die Aprilia-Mannen sind begeistert und überzeugt von ihrem jüngsten Motorrad, das so vollgestopft ist mit Spitzentechnik wie noch keines zuvor. Die Caponord 1200 soll im neuerdings so stark wachsenden Segment der Reiseenduros eine „bella figura“ machen.

          Aprilias Interpretation einer großen Reiseenduro

          Aprilia hat also die bedingungslose Aufrüstung beschlossen: Vier eigene Patente demonstrieren die intensive Beschäftigung der Entwickler mit dem bei Motorrädern noch äußerst exklusiven Thema der semiaktiven Fahrwerke. Der Fahrer wählt per Knopfdruck nur noch die Belastung (ein oder zwei Personen, ohne oder mit Gepäck) vor, den Rest erledigt das System. Und selbst die Belastungsvorwahl kann er, sofern gewünscht, der Elektronik überlassen: Eine Automatikfunktion balanciert das Fahrwerk durch Vorspannung des Zentralfederbeins automatisch optimal aus. Die lange erste Probefahrt über kurvenreiche Land- und Bergstraßen gerät denn auch unter Komfort- und Fahrstabilitäts-Gesichtspunkten zu einem reinen Vergnügen.

          Mit Kettenantrieb und 17-Zoll-Rädern vorn wie hinten ist die Caponord klar auf Asphalt und weniger auf gelegentlichen Geländeeinsatz hin konzipiert. Aprilia bringt sie in zwei Versionen auf den Markt: Als Caponord 1200 ABS ist zum Preis von 13 790 Euro alles anwesend, was fürs zügige Reisen nötig ist. Zur technischen Speerspitze allerdings gerät erst die Variante mit „Travel Pack“ für 16 190 Euro: Nur sie hat das semiaktive Fahrwerk ADD (Aprilia Dynamic Damping), die Geschwindigkeitsregelanlage ACC (Aprilia Cruise Control), die elektronische Federvorspannungseinrichtung sowie Packtaschen und den nützlichen Hauptständer.

          Unter den Kofferträgern einer der schärfsten: Caponord 1200

          Alle anderen Technik-Happen vom ABS über die drei Motor-Mappings Sport, Tour und Regen oder auch die individuell einstellbare Traktionskontrolle weist schon die Basisversion auf, mit der sich das Nordkap bestimmt kaum weniger kommod erreichen lässt. Selbst die Bluetooth-Koppelung mit einem Smartphone beherrscht sie schon, sofern der 190 Euro kostende Sender dazugekauft wird; eine USB-Buchse zur Stromversorgung findet sich unterm Sitz.

          Wer die Caponord auf Land- und Bergstraßen dem Horizont entgegentreibt, fühlt ihr Zweizylinderherz in V-Bauweise in heißblütigem Einsatz: überaus drehfreudig oben heraus, aber wenig kultiviert im Drehzahlbereich unterhalb von 4000 Umdrehungen. Untermalt von kernigem „Roarrrr“ aus der Ansaugbox und deftigem Sound aus dem Auspufftopf faucht sich der V2 durchs Drehzahlband, dass es nur so eine Freude ist. 92 kW (125 PS) bei 8000/min gibt das Kraftpaket ab, 115 Newtonmeter beträgt das maximale Drehmoment. Diese Eckdaten reichen neuerdings nicht mehr fürs obere Ende der Reiseenduro-Leistungshierarchie, wo Ducati Multistrada 1200 und KTM 1190 Adventure die Ellbogen ausfahren. Der bei Bedarf 240 km/h schnelle Reisedampfer leidet dennoch keineswegs unter Leistungsmangel; eher ist sein Leistungsüberschuss ein wenig geringer als bei den stärksten Konkurrenten.

          Die Caponord 1200 weist weder eine Warnblinkanlage noch eine Anzeige der Umgebungstemperatur noch eine Benzinverbrauchsanzeige auf

          Apropos Dampfer: Die Caponord ist kein Leichtgewicht. 265 Kilogramm bringt die vollgetankte „Travel-Pack“-Version auf die Waage - 20 bis 30 Kilogramm mehr als eine BMW R 1200 GS, die KTM oder die Ducati in kompletter Montur. Dieses Mehrgewicht spürt man beim Fahren insbesondere in Wechselkurven: Hier ist Masse im Spiel. Verstärkt wird dieser Eindruck durch den viel Schräglage erfordernden breiten Hinterreifen im 180er Format. Die Reifen-Erstausrüstung, Dunlop Qualifier II, fällt zudem durch ein unübliches Aufstellmoment beim Bremsen in Kurven negativ auf. Wobei die Brembo-Bremsanlage selbst vorzüglich funktioniert und auch die ABS-Abstimmung überzeugt.

          Eben weil Aprilia beim Thema Hightech so kräftig auf den Putz haut, verwundern einige Ungereimtheiten: Die Caponord 1200 weist weder eine Warnblinkanlage noch eine Anzeige der Umgebungstemperatur noch eine Benzinverbrauchsanzeige auf - alles Dinge, die in dieser Motorradklasse selbstverständlich sind und mit denen zum Teil schon die erste, vor zwölf Jahren präsentierte Caponord 1000 aufwartete. Die war, nebenbei bemerkt, auch sparsamer als es die Neuversion ist: Zügig gefahren, dürfte die 1200er wohl acht Liter Super auf 100 Kilometer erfordern. Wenigstens ist ihr 24 Liter fassender Tank so groß, dass man nicht alle 200 Kilometer nachbunkern muss. Notfalls weist die Aprilia-App auf dem Smartphone den Weg zur nächstliegenden Zapfsäule. Hoch lebe die Technik.

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