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Apps statt Navigationssysteme? : Google und Apple verstehen das Autofahren nicht

Leider keine Ausnahme: Wenn das Smartphone auch Kopilot ist und auf den Bordmonitor drängt, muss jedes Detail funktionieren. Hier fehlte die Mobilfunkverbindung zum Laden der Route. Bild: Michael Spehr

Apps von Google und Apple übernehmen immer mehr die Reiseplanung im Cockpit. Der Praxistest zeigt, dass die neue Technik der Großen des Silicon Valley kein Fortschritt ist.

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          Es wird Zeit, dass Google und Apple das Thema richtig anpacken. Infotainment und Navigation im Auto sind in eine Sackgasse gefahren. Aber nun neigt sich die Ära der teuren Navigationsgeräte dem Ende zu. Statt einige tausend Euro in die sündhaft teure Werksausstattung zu investieren, verbindet sich das Smartphone mit dem Bordmonitor. Das Ergebnis von Google und Apple ist besser, leistungsfähiger und schneller als die fest eingebaute Technik der Autohersteller. So argumentieren derzeit viele Fachleute. Sie sehen einen Richtungswechsel für den elektronischen Kopiloten und die cleveren Helfer, die vor allem deutsche Premiumhersteller in den vergangenen Jahren entwickelt haben.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Audi, BMW, Mercedes-Benz und Volkswagen hätten zwar die Entwicklung der modernen Kommunikationssysteme vorangetrieben. Aber mit ihrem Perfektionismus und ihrer Liebe zum Detail hätten sie es auch übertrieben. Schon wird auf Analogien zur Geschichte des Smartphones hingewiesen: Bis Apple 2007 das erste iPhone vorstellte, war das Smartphone zwar interessant, aber ein Spielzeug für Technikverliebte. Niemand konnte mit einem alten Nokia oder Siemens auf Anhieb seine E-Mail abrufen oder die Börsenkurse im Internet.

          Apple und wenig später Google mussten mit ihren neuen Betriebssystemen iOS und Android zeigen, wie man Kompliziertes einfach bedienbar macht. Dieser Paradigmenwechsel stehe nun im Auto an: Ein MMI-Bediensystem von Audi oder ein iDrive von BMW seien Methusalems fürs Technikmuseum, Android Auto von Google oder Car Play von Apple läuteten die neue Ära ein.

          Zum Glück sind die vielgescholtenen deutschen Hersteller so tolerant, dass sie Google und Apple den Weg ins Auto weder versperren noch unnötig erschweren. Sie bieten alles an, damit der mündige Autofahrer die Freiheit der Wahl hat. Insbesondere Volkswagen fährt mit einer neuen Offenheit vor. Die jüngsten Anlagen arbeiten mit Standards wie Mirrorlink, Car Play und Android Auto zusammen – und bieten das hauseigene Menü als vierte Plattform an, wenn man auf bewährten Bahnen bleiben will.

          Kleiner Kraftzwerg: VW Polo GTI mit App Connect fürs Smartphone.

          Wir haben uns App Connect im VW Passat und im Polo GTI angesehen. Die Finessen dieses Pakets sind selbst aus dem Kleingedruckten nur schwer zu entnehmen: „ausgewählte Apps für Android-Smartphones und Apple iPhones können auf dem Touchscreen des Radios dargestellt und bedient werden“. Es handelt sich hier um ein großartiges Understatement. Denn es geht nicht darum, dass man einzelne, handverlesene Apps auf dem Monitor des großen Discover genannten Navigationssystems starten könnte, sondern mit App Connect gibt man vielmehr Apple und Google den Schlüssel für das Volkswagen-Bordsystem in die Hand. Das Smartphone übernimmt die Kontrolle, der Autohersteller macht sich als Zulieferer des Bildschirms klein.

          USB-Kabel und viel Zeit sind unabdingbar

          Ein aktuelles Smartphone ist sowohl für Car Play wie auch für Android Auto unabdingbar, und leider führt vorerst auch kein Weg um den Anschluss mit einem USB-Kabel herum. Android Auto für die Google-Welt erfordert mindestens die Version 5 des mobilen Betriebssystems („Lollipop“), und zusätzlich ist die gleichnamige App aus dem Play Store zu laden. Das iPhone-Betriebssystem benötigt die Versionskennziffer 8.3 oder höher und ist sofort startklar. Apple hat zwar bereits eine Drahtlosanbindung seiner Geräte angekündigt, sie ist auch in einem Untermenü des Telefons zu sehen, funktionierte aber während unserer Testfahrten nicht.

          Die Formulierung „sofort startklar“ in Verbindung mit dem iPhone ist keine Floskel, wenn man, wie wir, jeden Tag das Handy wechselt und mal mit Google, mal mit Apple auf Reisen geht. Android Auto ist nicht für Menschen gedacht, die sich ins Auto setzen und losfahren wollen. Selbst wenn die Ersteinrichtung der Android-Software erfolgreich abgeschlossen wurde und man die Google-Falle der Aufforderung, ein kostenpflichtiges Abonnement von Google Play Music abzuschließen, umschifft hat, kann man keineswegs morgens zügig den Weg zur Arbeit antreten.

          Irgendetwas ist immer. Mit drei verschiedenen Google-Smartphones dauerte der morgendliche Check-in an acht von zehn Tagen mehrere Minuten. „Verbindung fehlgeschlagen“ heißt es auf dem Display. Angeblich sei das Handy nicht entsperrt. War es aber. Hilfreich ist in solchen Fällen: die USB-Kabelverbindung und die mit Bluetooth trennen und wieder neu aufbauen oder gleich das Smartphone neu starten. Im Passat verweigerten sich zwei Geräte komplett dem Einsatz mit Android Auto, stets wurde zur Kontaktaufnahme mit Mirrorlink angesetzt, obwohl wir in den Systemeinstellungen des Volkswagen dieses Protokoll ausgeschaltet hatten.

          Ohne Internet gibt es keine Reiseroute

          Läuft das System, zeigt sich endlich die Bedienoberfläche. Hier fahren Apple und Google nach der gleichen Idee: Der Autofahrer soll möglichst wenig abgelenkt werden. Optionen und Menüs sind drastisch reduziert. Es gibt keinen Controller, an erster Stelle soll man die jeweils hauseigene Spracherkennung einsetzen, um beispielsweise Navigationsziele zu erfassen oder SMS zu diktieren. Die Hauptfunktionen mit großen Schaltflächen sind Navigation, Musik, Telefonie und SMS. In Car Play gibt es neben den Apps von Apple nur sehr wenige von Drittanbietern, die auf den Bordmonitor dürfen, etwa Spotify oder die Podcast-App Downcast. Google lässt mehr Rivalen zu, darunter auch Messaging-Anwendungen, etwa Skype und Whatsapp.

          Die Zieleingabe der Navigation erfolgt entweder mit Sprachkommandos oder intelligenten Algorithmen, die zum Beispiel Ziele aus Google Maps oder der E-Mail vorschlagen. Eine virtuelle Tastatur zur Zieleingabe ist ebenfalls aufrufbar. Während der Fahrt zeigen beide Systeme nur einen kleinen Ausschnitt der Straße und der Umgebung. Wer die Übersichtsdarstellung herkömmlicher Bordsysteme vermisst, kann herauszoomen und sieht dann ein bisschen mehr. Bei Bedarf werden Stauinfos für alle Straßenabschnitte über die Karte gelegt, hier überzeugen Google und Apple.

          Sehr schwach sind indes die akustischen Fahrhinweise beider Kandidaten. Sie kommen zu oft, sind häufig überflüssig („5 Kilometer auf der Straße bleiben“), und die Google-Dame hat eine auf Dauer unerträgliche Stimme, mit der sie Nichtigkeiten („Sie fahren noch immer auf der schnellsten Route“) meldet und vor allem nervt, wenn an Abbiegepunkten jeder einzelne Ortsname der betreffenden Verkehrsschilder vorgelesen und eine Fahrspurempfehlung angesagt wird. Im Dauereinsatz inkompatibel. Fehlt die Mobilfunkanbindung, geht nichts mehr, denn die Karten werden online ins Auto geholt. Was ist mit Auslandsreisen und Roaming-Gebühren?

          Das große Reisen: Der VW Passat unterstützt alle wichtigen Kommunikationsdienste.

          Nur mit Netz funktioniert ferner die Spracherkennung rund um SMS und andere nützliche Informationen. Während man mit Apples Siri gern redet, weil sie zum Beispiel Einträge aus dem Terminkalender oder eine Liste neu eingegangener E-Mails vorlesen kann, obwohl die entsprechenden Menüs auf dem Bordmonitor fehlen, ist das Google-Pendant eine Enttäuschung. Mehr als ein Drittel aller Sprachanfragen ging ins Leere. An der Funkversorgung lag es nicht, denn wir sind identische Strecken gefahren.

          Google und Apple bieten Schönwetter-Navigation

          Längere Touren zeigen die Grenzen beider Systeme: Eine ordentliche Routenplanung unter Berücksichtigung der Verkehrslage ist kaum möglich. Man sieht zu wenig, es fehlt eine Liste der Staus und Störungen, die knappe Visualisierung in der Kartendarstellung ist unzureichend. Google und Apple bieten eine Schönwetter-Navigation, aber nicht ein Profiwerkzeug für den Vielfahrer. In fremder Umgebung vermisst man die präzisen Ansagen der großen Bordsysteme ebenso wie deren Zusammenarbeit mit Assistenzsystemen, etwa der kameragestützten Erkennung von Tempolimits. Lenkradtasten und andere Bedienelemente des Fahrzeugs sind nur noch überflüssiger Zierrat, welch eine Verschwendung.

          Die Software von Apple und Google ist schnörkellos und schlicht, aber die Grenzen sind offenkundig. Wenn man mit Car Play von der eigenen Musiksortierung nicht lassen will, landet man doch wieder tief in einem Menü, und Google blendet gar während der Fahrt klitzekleine Hinweise auf dem Smartphone ein, die man mit spitzem Finger bestätigen soll. Mit Spracherkennung eine Whatsapp-Nachricht einem Adressaten diktieren, der mit mehreren Einträgen im Telefonbuch aufgeführt ist, kann als Gedankenakrobatik im Dickicht möglicher Kommandos und Optionen mehr ablenken als der Blick aufs Display.

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          Kurzum: Man probiere Car Play und Android Auto gern aus, gern länger. Man wird anfangs fasziniert sein, dass ein Smartphone das Auto scheinbar in die Tasche steckt. Aber je mehr man erfährt, desto eher ist klar: Dieser Richtungswechsel ist kein Fortschritt, sondern die Verniedlichung der Anforderungen, denen der Autofahrer ausgesetzt ist. Schnell wünscht man sich ein Discover-Navigationssystem oder ein iDrive oder ein Comand zurück.

          Es ist geradezu eine Schande, im Passat auf das große Zweitdisplay zwischen Tachometer und Drehzahlmesser verzichten zu müssen, auf das Mehr an Übersicht, auf die bis ins Detail gehende Ergonomie, auf die üppigen, prachtvollen Karten, auf den Landkartenblick in alle Richtungen. Nicht zu reden vom Controller für gewohnte Handgriffe und eine Spracherkennung, die ohne Mobilfunk funktioniert. Das Auto ist kein Spielzeug, lautet immer wieder ein Einwand gegen die Premium-Systeme aus Deutschland. Wer die neuen Rivalen aus Amerika einsetzt, erkennt unschwer, dass vor allem Google aus dem Auto genau das macht: ein Experimentierfeld für unausgegorene Software, mit der man sich im stehenden Fahrzeug stundenlang herumärgern darf.

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