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Verkehrsminister Scheuer : „Ich bin für Freiheit der Mobilität ohne unnütze Verbote“

Verkehrsminister Scheuer fragt: „Wollen wir den Ast absägen, auf dem wir sitzen?“ Bild: BMVI

Schneller werden, ein New Mobility Package schnüren, aufs Auto vertrauen und schönere Bahnhöfe bauen: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer setzt auf eine technologieoffene Zukunft und Eigenverantwortung der Bürger.

          6 Min.

          Herr Scheuer, Deutschlands Verkehrsinfrastruktur ist am Anschlag. Zu den Stoßzeiten sind Züge, Flugzeuge, Autobahnen und Innenstädte überlastet. Wie sieht eine Verkehrsagenda 2030 aus, die diese Probleme löst?

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Wir haben Zuwächse in vielen Bereichen, weil die Wirtschaft gut läuft. Ich möchte, dass es beim Wirtschaftswunder der letzten 10 Jahre bleibt. Also unternehmen wir etwas. Nach dem Flugchaos 2018 haben wir auf zwei Luftverkehrsgipfeln Maßnahmen ergriffen, mit denen wir die Pünktlichkeit im Flugverkehr verbessern, trotz steigender Passagierzahlen. Auf der neuen Schnellbahnstrecke München-Berlin ist es uns gelungen, 30 Prozent der Menschen vom Flugzeug auf die Bahn zu bringen. Wir stecken Rekordmittel in den Radverkehr. Die Schiene bekommt 86 Milliarden Euro in den kommenden 10 Jahren alleine für Erhalt und Modernisierung und weitere 11 Milliarden für bessere Infrastruktur und attraktivere Bahnhöfe. Zum Bahnhof der Zukunft gehören saubere Park & Ride Plätze und Möglichkeiten, Auto oder Rad sicher abzustellen. Er wird zur Mobilitätszentrale. Wir haben die Mehrwertsteuer auf Fernbahntickets gesenkt, und schon hat die Bahn gute Zuwachsraten. Sie wird besser in Qualität und Pünktlichkeit. Wir stellen tausende Menschen neu ein. Die Mitarbeiter sind serviceorientiert und wieder stolz, für die Bahn zu arbeiten. Grundsätzlich denke ich verkehrsmittelübergreifend, mit einer klaren Strategie: Die Menschen sollen sich das für sie attraktivste Verkehrsmittel aussuchen können. Ich bin für die Freiheit der Mobilität ohne unnötige Verbote.

          Güter und Passagiere auf die Bahn? Das hören wir seit Jahrzehnten. Stattdessen gibt es überall Staus, und die Lastwagen-Parkplätze auf der Autobahn quellen über. Das ist ärgerlich und gefährlich und überhaupt nicht gelöst.

          Wir brauchen kreative Lösungsansätze. 2019 wurden in Deutschland 3,5 Milliarden Pakete transportiert. 2029 werden es voraussichtlich 9 Milliarden sein. Ich könnte mir eine Lieferkette vom Logistikzentrum am Rande der Stadt über eine nachts fahrende Fracht-U-Bahn bis in die Stadtteile vorstellen, wo die Pakete dann mit E-Lastenrädern verteilt werden. Anderes Beispiel: Am Hauptbahnhof Ingolstadt habe ich gerade ein Förderprojekt gestartet, das den Einsatz von Drohnen und Flugtaxis einschließt. Lassen sie uns kooperativ denken und technologieoffen an die Zukunft rangehen.

          Also muss die Infrastruktur in allen Bereichen ausgebaut werden.

          Ja, das ist der richtige Weg. Dabei müssen wir die Menschen natürlich mitnehmen, denn wir stoßen häufig auf Widerstand. Und wir brauchen das Zusammenspiel mit der richtigen Technik. Wir haben etwa immer noch Schwierigkeiten an den Verladepunkten, an denen Lastwagencontainer oder -auflieger auf die Schiene geladen werden. So etwas müssen wir durch bessere technische Konzepte lösen. Aber wir investieren nicht nur in die Bahn. Zum Ausbau der Elektromobilität haben wir einen Masterplan Ladeinfrastruktur vorgelegt. In den nächsten zwei Jahren sollen 50000 öffentlich zugängliche Ladepunkte errichtet werden. Wir investieren mehr als 3 Milliarden Euro in die Tank- und Ladeinfrastruktur für Personen- und Lastwagen mit CO2-freien Antrieben bis zum Jahr 2023.

          Weil wir gerade von neuen Ideen reden: Sind die kleinen Elektrotretroller in der Stadt ein Erfolgsmodell?

          Es gab keine Alternative. In europäischen Metropolen konnten Sie schon lange Städtetouren mit dem Elektroroller machen, und in Deutschland sollte das nicht möglich sein? Wie überall gibt es hier Fans, aber auch Gegner. Natürlich lässt sich etwas verbessern. Manche Städte bieten feste Stationen an, damit die Roller nicht überall herumstehen. Übrigens hat ein Versicherer gerade die Beiträge für die Fahrer ab 18 um 35 Prozent gesenkt, für Fahrer ab 23 sogar um mehr als 40 Prozent. Es hat also offenbar weniger Unfälle gegeben als überall berichtet.

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