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Airbags : Lebensretter mit Fehlfunktion

  • -Aktualisiert am

Ausgelöste Airbags nach einem Verkehrsunfall. Häufig weisen die Luftsäcke Mängel auf. Bild: dpa

Die Airbags vieler Autos auf deutschen Straßen weisen erhebliche Mängel auf. Meist sind die Steckerverbindungen korrodiert. Den meisten Fahrern scheint der Ernst der Lage allerdings nicht bewusst zu sein.

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          Zwei Sicherheitssysteme haben entscheidenden Anteil an der sinkenden Zahl der Unfalltoten in Deutschland und der EU: der Sicherheitsgurt und der Airbag. Der verbirgt sich normalerweise ein Autoleben lang unsichtbar in der Lenkradnabe und hinter diversen Abdeckungen, um bei einem Crash in Millisekunden Fahrer und Passagiere vor schweren Verletzungen zusätzlich zu schützen.

          An der Verlässlichkeit der sich aufblasenden Schutzengel kommen allerdings angesichts aktueller Zahlen der Überwachungsorganisation KÜS Zweifel auf: Bei insgesamt 2,69 Millionen Hauptuntersuchungen fielen dort im vergangenen Jahr immerhin 15.420 Fahrzeuge mit Mängeln im Airbag-Umfeld auf. Die möglichen Folgen: Bei einem Crash wäre der Luftsack entweder nicht ausgelöst worden, oder er hätte sich vielleicht schon bei einem harmlosen Bordsteinrempler ungeplant entfaltet.

          Schon seit Anfang 2006 zählt die Überprüfung elektronischer Sicherheits- und Fahrerassistenzsysteme - zum Beispiel ABS, Airbag, ESP oder Bremsassistent - zum erweiterten Prüfumfang der Hauptuntersuchung - im Volksmund TÜV genannt. Die Grundlagen dazu liefert die FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH in Dresden, eine Gemeinschaftsgründung der deutschen Kfz-Prüforganisationen. Die FSD erhält von den Fahrzeugherstellern alle Daten und stellt diese den Überwachungsorganisationen zur Verfügung.

          Die elektronischen Sicherheitssysteme spielen in der Mängelstatistik der KÜS auf den ersten Blick eine untergeordnete Rolle: Von insgesamt 3.046.988 dokumentierten Mängeln entfielen nur 32.100, also gut ein Prozent, auf sicherheitsrelevante Systeme. Unter diesen rangierte der Airbag mit 15.420 Fällen - also fast der Hälfte - mit Abstand an erster Stelle. Auf den weiteren Plätzen folgten ABS (32 Prozent), ESP (4,3) und Lenk-Elektronik (2,0 Prozent).

          „Die Zahlen beweisen eindeutig, wie wichtig die Kontrolle der Sicherheits- und Fahrerassistenzsysteme ist“, sagt KÜS-Sprecher Hans-Georg Marmit. „Für die Verkehrssicherheit hat sie den gleichen Stellenwert wie die Überprüfung anderer Baugruppen, beispielsweise der Bremsanlage.“ Das sieht Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), ähnlich: „Lebensretter Nummer eins bleibt zwar der Sicherheitsgurt, aber der Airbag kann schwere Verletzungen im Kopf- und Brustbereich verhindern. Eine aufleuchtende Warnlampe sollte der Autofahrer deshalb keinesfalls ignorieren, sondern umgehend in die Werkstatt fahren.“

          Üblicherweise erlischt die Airbag-Kontrolllampe wenige Sekunden nach Einschalten der Zündung und Starten des Motors. „Tut sie das nicht, könnte das beispielsweise daran liegen, dass der Airbag bei einem früheren Unfall ausgelöst hat und nicht ersetzt wurde“, sagt Marmit. „Häufig sind auch fehlerhafte elektrische Verbindungen für eine angezeigte Funktionsstörung verantwortlich.“ Die letztgenannte Ursache bestätigt Günter Geiß, Inhaber einer freien Werkstatt in Mannheim: „Nach meiner Erfahrung sind die Hauptursachen für eine dauerhaft leuchtende Airbag-Kontrolllampe korrodierte Steckverbindungen, gequetschte Kabel oder auch minderwertiges Kabelmaterial. Der Luftsack selbst oder der Gasgenerator sind so gut wie nie defekt.“ Da vor allem jüngere Fahrzeuge nicht nur mit Fahrer- und Beifahrer-Airbag, sondern zusätzlich mit einer ganzen Armada von Seiten-, Fenster- und Knieairbags bestückt sind, sei die Fehlersuche oft mühselig und zeitintensiv.

          Mängel in sechsstelliger Größenordnung

          Eine nicht erlöschende Kontrolllampe könne mehrere Ursachen haben, sagt Birgit Degler, Sprecherin des Airbag-Herstellers Autoliv. Es könne beispielsweise die elektrische Verbindung zwischen einem oder mehreren Airbags und dem Steuergerät fehlerhaft oder unterbrochen sein. Denkbar sei auch, dass Steuergerät oder Airbag nach einem Unfall nicht fachgerecht repariert oder ausgetauscht wurden oder überhaupt kein Airbagmodul mehr in Lenkrad, Armaturenträger, Dachhimmel oder A-Säule vorhanden ist. Im Übrigen sei nicht auszuschließen, dass Prüfgeräte bei der Hauptuntersuchung Fehlfunktionen anzeigen, die es tatsächlich gar nicht gebe.

          Im Gegensatz zur KÜS konnten die Marktführer unter den Prüforganisationen, also Dekra und die im Verband der Technischen Überwachungsvereine (VdTÜV) zusammengeschlossenen TÜV, keine Mängelzahlen von Airbag, ABS oder ESP nennen. Rechnet man die von der KÜS ermittelten Airbag-Beanstandungen auf den gesamten deutschen Fahrzeugbestand hoch, so müssten bei insgesamt rund 20 Millionen Hauptuntersuchungen im Jahr entsprechende Mängel in sechsstelliger Größenordnung registriert werden. Im Klartext: Auf deutschen Straßen sind mehr als 100.000 Autos mit nicht funktionsfähigen Airbags unterwegs. Vielen ihrer Fahrer dürfte nicht bewusst sein, dass sie Leben und Gesundheit riskieren, wenn sich bei einer Kollision der Airbag als Blindgänger entpuppt.

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