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25 Jahre alter Mercedes 200 D : So wird man Millionär

  • -Aktualisiert am

Der 200 D kostete damals exakt 40.523,81 DM Bild: Daimler AG

Michael Nickl ist seit 25 Jahren mit seinem Mercedes 200 D unterwegs. Nur der Kilometerzähler weiß nicht mehr so richtig weiter.

          3 Min.

          Michael Nickl ist zwar kein Schwabe. Doch die Grundtugend des Sparens und des Geschäftemachens ist auch einem Oberfranken nicht fremd. Erst recht nicht, wenn es ihn von Berufs wegen schon vor mehr als 25 Jahren nach Stuttgart verschlagen hat. Deshalb war es für den jungen Ingenieur auch keine Frage, dass er gleich mit dem ersten Gehalt „vom Daimler“ seinen gebrauchten VW Golf gegen einen Neuwagen des Hauses eintauscht und den wie alle Kollegen nach einem Jahr gewinnbringend weiterverkauft. Und weil Nickl nun mal ein ausgemachter Diesel-Freund war, das Budget des Berufsanfängers aber keine ganz so großen Sprünge erlaubt hat, wurde es ein 200 D für exakt 40 523,81 DM, den er am 16. Juli 1992 zugelassen hat. „Mehr war damals leider nicht drin“, sagt der Franke in Schwaben, wenn man ihn auf die mageren 75 PS des 124ers anspricht. „Und außerdem wollte ich ihn ohnehin nicht lange fahren.“

          Doch dann haben die Nachrichtenlage und die Politik seine Planung gehörig durchkreuzt. Erst haben sie Dieselruß als Krebsursache ausgemacht und dann auch noch die Zinsabschlagsteuer eingeführt. „Ich hätte weniger am Weiterverkauf verdient und den kleineren Gewinn teuer beim Fiskus bezahlen müssen“, erinnert sich Nickl an die Beweggründe für eine folgenreiche Entscheidung: „Dann fahre ich ihn eben weiter.“

          Ein Kilometerzähler am Ende Bilderstrecke
          Ein Kilometerzähler am Ende :

          Das ist jetzt fast 25 Jahre her, und die Entscheidung wurde bis heute nicht revidiert. Noch immer fährt der 57-Jährige tagein, tagaus mit dem 124er die 25 Kilometer von seinem Wohnort am Rand des Nordschwarzwalds nach Sindelfingen und wieder zurück. Und weil Nickl im Urlaub gern weite Reisen macht und ihm der blaue Baron dabei stets ein treuer Begleiter war, sind auf Fahrten rund ums Mittelmeer und hoch in den Norden viele Kilometer zusammengekommen. Ziemlich viele sogar. Nicht umsonst hat Nickl in diesem Herbst noch einmal sechs Nullen auf dem Zähler gesehen und darf seinen Mercedes jetzt mit Fug und Recht „Millionär“ nennen.

          Der Zahn der Zeit hat am Auto freilich seine Spuren hinterlassen. Der dunkelblaue Lack mit dem Farbcode 904 ist ein bisschen stumpf geworden, die Schalen hinter den Türgriffen wirken, als hätte Nickl sie mit Stahlwolle poliert, unter der Motorhaube mit der zerfledderten Isolierung sieht es aus wie in einem Maschinenraum eines Ozeandampfers aus dem vorigen Jahrhundert, das Lenkrad ist abgegriffen, und an dem mit Generationen von Jeanshosen dunkel eingefärbten Fahrersitz bricht so langsam das Polster auf. „Doch technisch ist der Wagen noch top in Schuss“, sagt Nickl und freut sich schon auf den nächsten TÜV-Termin im Februar 2018. Wahrscheinlich wird er dort mal wieder die Kennzeichen nachmalen müssen, weil die mittlerweile so blass sind, dass man sie kaum mehr lesen kann. Und vielleicht werden sich die Prüfer an ein paar Ölflecken stören. „Aber sonst gibt es an dem Wagen nichts auszusetzen“, ist der Ingenieur zuversichtlich.

          Sogar die ersten Jahre auf der Straße geparkt

          Dass er sich seiner Sache so sicher ist, hat einen einfachen Grund. Seit Jahr und Tag kümmert er sich um den Wagen selbst. Mit dem Waschen und Polieren hat er es zwar nicht so genau genommen in den letzten Jahrzehnten, räumt er ein, und hat den 200er sogar die ersten Jahre auf der Straße geparkt. „Aber die Technik habe ich immer gehegt und gepflegt“, erzählt er von penibel eingehaltenen Ölwechseln und Wartungsintervallen sowie der regelmäßigen Durchsicht auf der Hebebühne in der Garage eines Freundes.

          Sein Mercedes hat ihm die Pflege mit einem Diensteifer gedankt, den man neuen Autos heute kaum mehr zutrauen würde. So kann sich Nickl nur an eine ernsthafte Panne erinnern. Vor einigen Jahren hat ihn ein Kupplungsschaden bei 445 000 Kilometern auf den Standstreifen gezwungen. Und dann waren da auch noch ein paar Unfallschäden, die der Kilometerfresser auf seinem Weg zur Million beheben musste. Mal ist er im Stau auf ein Auto aufgefahren, erst vor ein paar Jahren hat ihn einer so kräftig gerammt, dass der ganze Wagen verzogen war. Da hatte der Benz schon über 800 000 Kilometer auf der Uhr, und das Schadengutachten war um ein Vielfaches teurer als der Restwert des Autos.

          Penibel in einer Excel-Tabelle notiert

          Alles andere waren Verschleißreparaturen. Die hat er - einmal Ingenieur, immer Ingenieur - zusammen mit jedem Liter Benzin, jedem Tropfen Öl und allen anderen Ausgaben penibel in einer Excel-Tabelle notiert, die er in den letzten zwei Jahrzehnten durch alle Computer- und Software-Generationen gerettet hat. Deshalb kann er auch mit einem Mausklick sagen, dass der Durchschnittsverbrauch über die gesamte Laufleistung bei 6,04 Litern auf 100 Kilometern liegt, dass er aber seit ein paar Jahren dazu noch 0,1 Liter Öl mit einkalkulieren muss. Und weil er in Summe auf Unterhaltskosten von 53 786,28 Euro und Tankspesen von 58 563,26 Euro kommt, hat ihn zusammen mit dem umgerechneten Anschaffungspreis von 22 149,68 Euro jeder Kilometer seiner Million nicht einmal 15 Cent gekostet.

          Natürlich mag Nickl über die neuen Modelle von Mercedes nicht schlecht reden, er hat in den letzten zwei Jahrzehnten schließlich an genügend Autos mit entwickelt. Doch dass etwa eine aktuelle E-Klasse noch einmal so eine Laufleistung schafft, hält er für ausgeschlossen. Die Motoren seien wegen der strengen Schadstoffanforderungen viel zu hochgezüchtet, als dass sie so lange halten könnten, ist der Ingenieur überzeugt.

          Nickl hat all die Jahre nicht im Traum daran gedacht, den Wagen zu verkaufen. Nur seine Frau hat irgendwann mal nach in bisschen mehr Leistung und Luxus verlangt, räumt der Millionär ein. Schließlich sei man mit 75 PS heute nicht mehr ganz so weit vorn. Aber seit er ihr als Zweitwagen einen SLK besorgt hat, ist von dieser Seite nichts mehr zu befürchten. Wenn ihm jetzt nicht das Museum dazwischenkommt oder doch noch der TÜV-Prüfer, dann will er den 124er bis zur Rente behalten. Das sind nach aktueller Planung drei Jahre - und sollte für ein paar weitere Kilometer-Jubiläen reichen.

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