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24 Stunden Radfahren : Ein Tag und eine Nacht – und tausend Kilometer

  • -Aktualisiert am

Rekordfrau Nicola Walde Bild: Opel

Ein Stündchen Rad fahren, gut, wenn auch nicht jedermanns Sache bei dieser Hitze. Sechs Stunden? Puhhh. Aber 24 Stunden, einen ganzen Tag und eine Nacht lang?

          4 Min.

          Der Freiherr Drais von Sauerbronn hatte seine Laufmaschine noch nicht richtig zu Ende erfunden, da erhob sich schon die Frage: Wie schnell kann ein Mensch mit dem Ding werden, aus dem sich dann das Fahrrad entwickeln sollte? Bald war klar: Jeden Wanderer lässt es hinter sich, sogar manchen Reiter. Radler gegen Rennpferd waren Ende des 19. Jahrhunderts beliebte Wettbewerbe, das Auto war noch nicht so richtig in Sicht.

          Und wie lange überhaupt, wie weit kann ein Mensch Rad fahren, in einer Stunde, in sechs, in einem halben Tag, in 24 Stunden? Gar nicht so einfach zu beantworten, kommt ganz darauf an: Mann oder Frau? Was für ein Fahrrad? Ein Bahnrennrad mit dem Segen des Radsportdachverbands UCI? Oder soll es ein Rekord werden nach den Regeln des HPV, des deutschen Ablegers der World Human Powered Vehicle Association?

          Da kommt dann nicht bloß der Lenker einer Zeitfahrmaschine zur Anwendung, sondern das technisch Machbare eines Muskelkraftfahrzeugs mit einer aerodynamisch geformten Karosserie aus Karbon und Nylon. Stehender oder fliegender Start, zwei oder drei Räder?

          „Man muss ein bisschen bekloppt sein“

          Aus den vielen verschiedenen Rekordmöglichkeiten ragen zwei heraus: Das eine ist der Stundenweltrekord. Den ersten stellte der spätere Erfinder der Tour de France, Henri Desgrange, vor 125 Jahren auf - am 11. Mai 1893: 35,325 Kilometer auf der Bahn. Das ist eine Distanz, die heute so mancher Hobbyradsportler in 60 Minuten auf der Straße schafft, allerdings mit einem völlig anderen Fahrzeug als seinerzeit Desgrange.

          Eine Stunde Rad fahren, das können wir uns alle vorstellen. Der andere besonders prominente Rekord sind die 24 Stunden: Einen ganzen Tag (und durch eine lange Nacht) Rad fahren, das kann kaum jemand richtig begreifen, das lässt einen bloß schaudern. Gibt es auf dem Fahrrad überhaupt etwas noch Langweiligeres als das? Runde um Runde, Stunde um Stunde angestrengt bis zur Volllast die Beine mit den Füßen fest auf den Pedalen kreisen zu lassen, aber dennoch nirgendwo anzukommen?

          44 Kilogramm Frau bringen die 14 Kilo Velomobil mühelos zur Hochstrecke und über 1000 Kilometer weit. Bilderstrecke
          24 Stunden Radfahren : 24 Stunden Radfahren: Rekord von Nicola Walde

          „Man muss ein bisschen bekloppt sein“, sagt Nicola Walde freitags in einem Interview, einen Tag bevor sie sich in ihr Velomobil zwängt, um genau das zu machen: in 24 Stunden weiter zu radeln als jemals eine Frau zuvor. Als sie sich am Sonntagvormittag aus dem Schlupfloch der Karosserie zwängt und etwas wacklig zu einem Begrüßungsbier stakst, sind es 1088 Kilometer geworden.

          Das sind 227 Runden auf dem knapp fünf Kilometer langen Rundkurs im Opel Test Center Rodgau-Dudenhofen. Dabei stellt „Nici“ Walde, 44 Kilo leicht, 1,51 Meter zierlich und beruflich beim Bayerischen Polizeiorchester Fagott spielende frühere Triathletin, nach knapp 22 Stunden bereits die bisherige Frauenbestleistung von 1012 Kilometer ein. Den angepeilten 24-Stunden-Rekord der Männer von 1219 Kilometer wird sie verfehlen, denn nach einem wolkenbruchartigen Gewitter am Abend muss sie in der Nacht unplanmäßig stoppen. Nässe und die hohen Kiefern an der Strecke sind schuld.

          Als sie am Samstagvormittag losfährt, hat die Hitze schon eingesetzt. Vor dem Start, während die Cockpithaube mit dem kleinen Sichtfenster rundherum verklebt wird, bläst ein Kompressor Kühlung in die selbsttragende Karosserie. Das Rekordfahrzeug ist ein Tadpole-Trike, ein Dreirad mit zwei gelenkten Vorderrädern und einem über eine Sechs-Gang-Schaltung angetriebenen Hinterrad; dazwischen liegt die Fahrerin, tritt nach vorn in die Pedale und lenkt mit einer Art Steuerknüppel.

          100 Watt Muskelleistung

          Links und rechts von ihrem Schalensitz hat sie Proviant, mehrere Liter zu trinken und griffbereit – Windeln. Der Plan ist, gleichmäßig mit um die 100 Watt Muskelleistung den Kurs zu umrunden. Nicola Walde könnte einige Zeit wesentlich mehr Watt treten. Aber sie will ja 24 Stunden fahren. Wenn sie es schafft, so lange Stunde um Stunde knapp 51 km/h zu fahren, knackt sie die Bestmarke der Männer.

          Einige Zeit vor dieser Rekordfahrt hat die Vierundvierzigjährige ein Kapitel eines Buches, halb Autobiographie, halb Ansage, ins Internet gestellt. Da findet sich eine Liste ihrer Lebenswünsche: „Haus, Mann, Weltrekord, vielleicht ein Kind, vielleicht noch mehr Abwechslung im Beruf“ – in dieser Reihenfolge. Und statt des „ein bisschen bekloppt“ steht da als Selbsteinschätzung „tendenziell größenwahnsinnig“. Wer einen HPV-Rekord will und bei den Schnellsten dabei sein, benötigt ein spezielles Rad, eine spezielle Strecke, das richtige Wetter, die richtige Nahrung, und selbst muss man auch etwas speziell sein.

          Dass das bei ihr genauso der Fall ist wie bei ihrem Lebenspartner Daniel Fenn, dem Konstrukteur ihres Velomobils, wird schon vor der Rekordfahrt deutlich. Fenn gibt sich bei der von der PR–Abteilung des Autoherstellers gekonnt als Medienrummel aufgezogenen Präsentation als eine Art genialer Anti-Ingenieur: Als Schreiner, Landschaftsgärtner, Busfahrer und Uhrmacher habe er gearbeitet und halte nicht viel von Windkanalversuchen.

          An Schlaf ist nicht zu denken

          „Der Wind kommt bloß beim Flugzeug immer von vorn, aber beim Velomobil nie.“ Bücher über Aerodynamik könne er mangels Englischkenntnissen sowieso nicht lesen. Ein Velomobil seiner Konstruktion wird im Internet für – die im Vergleich nicht exorbitant hohe Summe von – etwas über 8000 Euro angeboten, gegen Vorkasse und mit Lieferfrist 180 Werktage. „Ich denke, dass sie das gut hinkriegt“, sagt Fenn locker über seine Partnerin.

          Wie er sie über ein Posting „Suche Frau für 24 Stunden“ gefunden habe und wie rasch er damit 2015 zu einer Freundin und zu einer Rekordfahrerin fand, ist wiederum Teil ihrer Geschichte, die sie routiniert in Mikrofone und Stenoblöcke abspult.

          Genauso wie der richtige Reifen für den eher rauhen Belag der Teststrecke gehören das Posieren für die Kameras zum Rekord wie auch die immer gleichen Antworten: „Nein, schlafen werde ich nicht. Ich fahre, solange ich kann, zwölf oder 15 Stunden, dann vielleicht eine kurze Pause.“ Sie erzählt, dass sie unterwegs selbstgemachten Kartoffelsalat isst und Vollkornbrötchen mit Nutella. „Nein, keine flüssige Astronautennahrung.“

          Wo andere Rekordjäger professionell alle Eventualitäten durchkalkulieren, Kilojoule in Meter und Minuten umrechnen und an cw-Werten tüfteln, wirken Fenn und seine Fahrerin wie fröhliche Amateure; zumindest geben sie sich so. Der Start soll in weniger als einer halben Stunde erfolgen, die angereisten Unterstützer sind kribbelig. Da wird die Athletin noch in die Geheimnisse ihres Walkie-Talkies eingeweiht: „Dieser Knopf?“

          Am Ende sind die diesmal nicht einkalkulierten Eventualitäten: ein heftiges Gewitter, Mengen von Kiefernnadeln auf der Strecke, die in den engen Radkasten gewirbelt werden, scheuern und herausgeholt werden müssen, die schlechte Sicht durch die beschlagene Cockpitscheibe, ein Blackout in der Nacht, der zum Halten zwingt. „Werden Sie den verfehlten Rekord der Männer noch einmal angehen?“, wird am Ziel gefragt. Von der Anstrengung gezeichnet, antwortet Nicola Walde: „Fragen Sie mich das in 14 Tagen...“

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