https://www.faz.net/-gy9-9czda

24 Stunden Radfahren : Ein Tag und eine Nacht – und tausend Kilometer

  • -Aktualisiert am

100 Watt Muskelleistung

Links und rechts von ihrem Schalensitz hat sie Proviant, mehrere Liter zu trinken und griffbereit – Windeln. Der Plan ist, gleichmäßig mit um die 100 Watt Muskelleistung den Kurs zu umrunden. Nicola Walde könnte einige Zeit wesentlich mehr Watt treten. Aber sie will ja 24 Stunden fahren. Wenn sie es schafft, so lange Stunde um Stunde knapp 51 km/h zu fahren, knackt sie die Bestmarke der Männer.

Einige Zeit vor dieser Rekordfahrt hat die Vierundvierzigjährige ein Kapitel eines Buches, halb Autobiographie, halb Ansage, ins Internet gestellt. Da findet sich eine Liste ihrer Lebenswünsche: „Haus, Mann, Weltrekord, vielleicht ein Kind, vielleicht noch mehr Abwechslung im Beruf“ – in dieser Reihenfolge. Und statt des „ein bisschen bekloppt“ steht da als Selbsteinschätzung „tendenziell größenwahnsinnig“. Wer einen HPV-Rekord will und bei den Schnellsten dabei sein, benötigt ein spezielles Rad, eine spezielle Strecke, das richtige Wetter, die richtige Nahrung, und selbst muss man auch etwas speziell sein.

Dass das bei ihr genauso der Fall ist wie bei ihrem Lebenspartner Daniel Fenn, dem Konstrukteur ihres Velomobils, wird schon vor der Rekordfahrt deutlich. Fenn gibt sich bei der von der PR–Abteilung des Autoherstellers gekonnt als Medienrummel aufgezogenen Präsentation als eine Art genialer Anti-Ingenieur: Als Schreiner, Landschaftsgärtner, Busfahrer und Uhrmacher habe er gearbeitet und halte nicht viel von Windkanalversuchen.

An Schlaf ist nicht zu denken

„Der Wind kommt bloß beim Flugzeug immer von vorn, aber beim Velomobil nie.“ Bücher über Aerodynamik könne er mangels Englischkenntnissen sowieso nicht lesen. Ein Velomobil seiner Konstruktion wird im Internet für – die im Vergleich nicht exorbitant hohe Summe von – etwas über 8000 Euro angeboten, gegen Vorkasse und mit Lieferfrist 180 Werktage. „Ich denke, dass sie das gut hinkriegt“, sagt Fenn locker über seine Partnerin.

Wie er sie über ein Posting „Suche Frau für 24 Stunden“ gefunden habe und wie rasch er damit 2015 zu einer Freundin und zu einer Rekordfahrerin fand, ist wiederum Teil ihrer Geschichte, die sie routiniert in Mikrofone und Stenoblöcke abspult.

Genauso wie der richtige Reifen für den eher rauhen Belag der Teststrecke gehören das Posieren für die Kameras zum Rekord wie auch die immer gleichen Antworten: „Nein, schlafen werde ich nicht. Ich fahre, solange ich kann, zwölf oder 15 Stunden, dann vielleicht eine kurze Pause.“ Sie erzählt, dass sie unterwegs selbstgemachten Kartoffelsalat isst und Vollkornbrötchen mit Nutella. „Nein, keine flüssige Astronautennahrung.“

Wo andere Rekordjäger professionell alle Eventualitäten durchkalkulieren, Kilojoule in Meter und Minuten umrechnen und an cw-Werten tüfteln, wirken Fenn und seine Fahrerin wie fröhliche Amateure; zumindest geben sie sich so. Der Start soll in weniger als einer halben Stunde erfolgen, die angereisten Unterstützer sind kribbelig. Da wird die Athletin noch in die Geheimnisse ihres Walkie-Talkies eingeweiht: „Dieser Knopf?“

Am Ende sind die diesmal nicht einkalkulierten Eventualitäten: ein heftiges Gewitter, Mengen von Kiefernnadeln auf der Strecke, die in den engen Radkasten gewirbelt werden, scheuern und herausgeholt werden müssen, die schlechte Sicht durch die beschlagene Cockpitscheibe, ein Blackout in der Nacht, der zum Halten zwingt. „Werden Sie den verfehlten Rekord der Männer noch einmal angehen?“, wird am Ziel gefragt. Von der Anstrengung gezeichnet, antwortet Nicola Walde: „Fragen Sie mich das in 14 Tagen...“

Weitere Themen

Auf ein Taycan Cross Turismo Video-Seite öffnen

Porsche : Auf ein Taycan Cross Turismo

Porsche ist mehr als zufrieden mit dem Markterfolg des rein elektrischen Taycan. Und wem die sportliche Limousine schlicht zu unpraktisch ist, dem soll jetzt der Taycan Cross Turismo auf die Sprünge helfen.

Streckenkontrolle

FAZ Plus Artikel: Mit Tesla auf Fernfahrt : Streckenkontrolle

Für eine Fernfahrt wählten wir das derzeit vermeintlich geeignetste System aus Tesla und Supercharger. Unterwegs gab es einige Überraschungen. Wer weit kommen will, darf nicht das Basismodell kaufen. Und Reichweite kann man nie genug haben.

Topmeldungen

Ausmaß der Zerstörung: eine Straßenkreuzung in Cholon, Israel

Gewalt in Nahost : Hamas feuert 130 Raketen auf Tel Aviv

Militante aus dem Gazastreifen feuern am Abend mehr als hundert Raketen auf Zentralisrael. Im Großraum Tel Aviv kommt es immer wieder zu schweren Explosionen. Mindestens ein Mensch stirbt.
Ende einer Quälerei: In wenigen Tagen werden Präsident Keller und Generalsekretär Curtius (links) den Deutschen Fußball-Bund verlassen.

Keller, Curtius und Koch : Befreiungsschlag beim DFB

Präsident Fritz Keller zieht sich zurück, Friedrich Curtius gibt auf, Rainer Koch verzichtet auf eine Wiederwahl: Fast die gesamte Führung des DFB macht den Weg frei für einen Neuanfang.
Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.
Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.