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50 Jahre zurück : Als sich Männer in ihre Maschinen verliebten

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Der Opel GT kam dann 1968 auf den Markt – mit etwas anderen Linien. Bild: Archiv Opel Classic

Im Autojahr 1965 erfindet Porsche das offene Auto neu, Audi steht wieder auf. Ein technophiler Rückblick auf das Jahr, in dem Bayern München in die Fußball-Bundesliga aufsteigt.

          5 Min.

          Die Mitte der Sixties ist erreicht. Noch weiß niemand, dass 1965 der Babyboom zu Ende gehen wird. Erstmals werden weniger Kinder geboren als im Vorjahr. Dieser Trend setzt sich bis heute fort. Aber mit dem Auto hat das gewiss nichts zu tun.

          Die „New York Times“ befasst sich im März mit dem besonderen Verhältnis des Mannes zum Automobil: „Tatsächlich scheinen sich die Männer heute in ihre Maschinen zu verlieben. Zwar mag es geistig unergiebig sein, ein Auto zu lieben, aber der Wagen ist ein viel sensiblerer Gegenstand der Liebe als die meisten anderen Maschinen, wenigstens für einen Mann. Erstens ist ein Wagen im Grunde eine Sammlung weiblicher Charaktereigenschaften. Wie eine Frau ist er teuer in der Unterhaltung. Er verlangt regelmäßige Versorgung mit Betriebsstoff.

          Porsche aus den sechziger Jahren sind ohnehin Sammlerstücke. So ein früher 911 Targa mit herausnehmbarer Heckscheibe ist eine Rarität. Bilderstrecke

          Sein Äußeres muss fortwährend gereinigt, repariert und erneuert werden. Immer wieder verliert ein Wagen etwas. Er reagiert auf gute Pflege und rebelliert, wenn er getreten wird. Man kann ihn nicht überall abstellen. Als Begleiter unterliegt ein Wagen argen Beschränkungen. Man kann mit ihm ins Kino fahren, sich mit ihm am Strand sonnen, aber für die meisten Arten des Gesellschaftstanzes ist er zu nichts nutze und zum Bridgespielen absolut ungeeignet. Dennoch, verglichen mit anderen Maschinen, bietet das Auto dem Mann eine relativ befriedigende Beziehung. Frauen scheinen sich dagegen in der Regel nicht in tiefere emotionale Beziehungen zu Automobilen zu verlieren.“

          Das Meisterstück bei Lancia

          Das ist 2015 nicht viel anders. Und damals wie heute eröffnet der Genfer Automobilsalon das europäische Autojahr. Zu einer in Sammlerkreisen gesuchten Rarität wird sich das auf dem Salon vorgestellte Cabriolet Alfa Romeo Giulia GTC entwickeln. Insgesamt 1000 Exemplare des von Bertone karossierten Sprint GT liefert Alfa bis 1966 an die Carozzeria Touring, die ein viersitziges Cabriolet draus macht. Mit dem Konkurs der Carrozzeria Touring endet dieses Cabriolet ebenso wie die Baureihe 2600.

          Lancia präsentiert das Fulvia Coupé, den vielleicht schönsten Entwurf des Chefdesigners Piero Castagnero. Die strenge Leichtigkeit der Form mit kantigem Heck und Vermeidung schmückenden Beiwerks könnte sogar von seinem berühmten Braun-Kollegen Dieter Rams stammen. Gutes Design hält länger. Das Fulvia Coupé bleibt bis 1976 im Lancia-Programm. Sein Debüt am See hat außerdem der Renault 16 mit seinem neuen Vollaluminium-Motor. Außerdem kann er als erste Limousine modernen Zuschnitts gelten: schräges Heck, große Klappe und eine flexible Rückbank, bei der man auch die Neigung der Lehne verstellen kann.

          Am 18.März, kurz nach dem Ende des Salons, ist Alexej Leonow der erste Mensch, der sein Raumschiff im All verlässt. Ein sich aufblähender Raumanzug hätte beinahe seine Rückkehr in die Kapsel verhindert. Zwei Tage später gewinnt France Gall in Neapel mit dem Lied „Poupée de cire, poupée de son“ für Luxemburg die zehnte Auflage des Grand Prix Eurovision de la Chanson.

          Der Peugeot 204, der wider Erwarten nicht in Genf präsentiert worden war, rückt am 23.April ins Licht der Öffentlichkeit. Der Kleinwagen ist der ersten Peugeot mit Frontantrieb.

          Ein Porsche für 16250 Mark

          Ebenfalls im April betritt ein neuer Porsche die Szene. 912 heißt er. Einfacher ausgestattet als der Elfer und mit dem Vierzylinder-Motor (1,6 Liter Hubraum, 90 PS) aus dem 356 C bestückt, soll er mit seinem Preis trumpfen: Bei 16250 Mark geht es los. Das sind mehr als 5000 Mark weniger als für den 911. Damals hatte der 130 PS aus zwei Liter Hubraum! Im April endet zudem endgültig die Produktion des 911er-Vorgängers 356.

          Der „R4“ wird offiziell in „Renault 4“ umgetauft. Die konsequenten Verbesserungen im Detail setzen sich fort: Alle Renault-4-Modelle erhalten neue Hauptbremszylinder, die kürzere Bremswege und eine höhere Standfestigkeit der Bremsen versprechen.

          Der Fiat 500 aus Italien erhält nach Änderungen und Ergänzungen die neue Bezeichnung 500 F. Wichtigste Neuerung sind die nun vorn angeschlagenen Türen. Derweil verhilft Steyr-Puch, der österreichische Fiat-Importeur, dem 500 mittels eines 650 Kubikzentimeter großen, luftgekühlten Zweizylinder-Boxermotors aus eigener Produktion zu wettbewerbsfähigen Fahrleistungen. Mit serienmäßig 20 PS fährt es sich schon wesentlich flotter als mit den 15 PS des italienischen Onkels.

          Opel Diplomat als Coupé-Version

          In der vor allem bei Rallyes populären Viertelliter-Klasse jedoch staubt der Steyr-Puch 650TR Sieg um Sieg ab. Im Gruppe-2-Auto leistet der auf 660 Kubikzentimeter vergrößerte Motor - offiziell - bis 45 PS. Der Pole Sobieslaw Zasada schafft es mit dieser kleinen Austria-Rakete bis zum Titel des Rallye-Europameisters. Zasada gewinnt unter anderem die Rallye Polen und sogar bei der Rallye Monte Carlo 1965 den Klassensieg, wie schon 1964 der Österreicher Walter Roser.

          Der Opel Diplomat bekommt sozusagen als Testballon im Frühjahr 1965 sogar eine Coupé-Version als Image-Unterstützung. Doch Karosseriespezialist Karmann aus Osnabrück baut wegen der geringen Nachfrage in zwei Jahren nur 350 Einheiten der langen Zweitürer mit 4,6-Liter-Triebwerk und 190 PS.

          Mitte Mai beendet Werder Bremen sensationell die zweite Bundesliga-Saison als Deutscher Meister. Die Abwehr um Torwart Bernard und Eisenfuß Horst Höttges ist der Garant dafür, Werder kassiert nur 29 Gegentore. An der Qualifikationsrunde zum Aufstieg in die Bundesliga nimmt Bayern München teil – der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte.

          1965 kamen die Japaner nach Deutschland

          Ende Juni wird auf der Strecke München–Augsburg im deutschen Eisenbahnbetrieb erstmals im regulären Betrieb schneller als Tempo 200 km/h gefahren. Der Mont-Blanc-Tunnel, mit einer Länge von 11,6 Kilometer 1965 der längste Straßentunnel der Welt, wird einen knappen Monat später eröffnet. In Le Mans beim 24-Stunden-Rennen fährt zum letzten Mal ein Rennwagen mit Gasturbine mit. Graham Hill und Jackie Stewart erreichen immerhin den zehnten Platz, und sie verfeuern nur noch 20,8 Liter auf 100 Kilometer und nicht 40, wie in den Jahren zuvor. Doch wie auch Fiat stellt Rover die Versuche mit Gasturbinenautos bald ein.

          Bundeskanzler Ludwig Erhard eröffnet im September die 42. Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt. Erstmals stellt ein japanisches Unternehmen – Honda – auf einer IAA aus. Der S 600 ist ein winziges Auto, die europäische Verkaufpremiere des „spritzigen Japaners“ (so die F.A.Z.) war schon im Juli in der Schweiz.

          Im Bundesgebiet werden die Honda S600 ab Frühjahr 1966 vertrieben. Opel hatte schon im August den Rekord A durch den Rekord B ersetzt, doch das Highlight in Frankfurt war der Sportwagen GT. Ein „Experimentalfahrzeug“, hieß es, eine Serienproduktion sei nicht geplant. Drei Jahre später ist es so weit: Im September 1968 erscheint der Opel GT 1900 mit 115 PS für 11880 Mark. Nur Fliegen ist schöner.

          Vor 50 Jahren kam Audi zurück

          Im Herbst geschieht dann noch etwas, was bis heute Auswirkungen auf den deutschen Automarkt hat: Audi feiert sein Comeback. Schon 1965 war die bis dahin von Mercedes-Benz gehaltene Auto Union an Volkswagen gegangen. Die Auto Union hatte sich in der Bundesrepublik nach dem Ende der Krieges neu formiert, fast der gesamte Besitz der Union (damals mit den Marken Audi, DKW, Horch und Wanderer) lag auf dem Gebiet der DDR.

          Genutzt wurde nach dem Krieg nur die Marke DKW und das Logo mit den vier Ringen. Als 1965 das erste Modell mit Viertaktmotor (statt Zweitakter wie bislang) aufgelegt wird, soll dies mit einer neuen Produktbezeichnung unterstrichen werden: Der Name Audi erlebt seine Wiederauferstehung mit dem „Audi F103“ auf Basis des DKW F102. Je nach Motorleistung lautet die Modellbezeichnung Audi 60, 72, 75, 80 oder Super 90.

          Ebenfalls im Herbst debütiert der Porsche 911 Targa. Echte Cabriolets galten damals als Sicherheitsrisiko, der Einfall mit dem herausnehmbaren, festen Dach und dem Schutzbügel ist geradezu genial. Porsche spricht offiziell von einem „Sicherheits-Cabriolet“. Produziert wird der Targa (italienisch Schild), dessen Name von dem berüchtigten Rundstreckenrennen „Targa Floria“ abgeleitet wurde, aber erst ab Dezember 1966.

          5 Monatslöhne – ein Auto

          Der Aufpreis beträgt 1400 Mark. Anfangs gibt es auch eine Heckscheibe aus Plastik, die sich herausknöpfen lässt. Und auch der 912 konnte als Targa geordert werden. Der 912 wird 1969 vom Markt genommen wird. Der 911 als Targa hat dagegen im vergangenen Jahr - 2014 – ein großes Comeback gefeiert.

          Im November legt ein großflächiger Stromausfall das Leben im Nordosten der Vereinigten Staaten und auch in Teilen Kanadas über Stunden hinweg lahm. Der Blackout beeinflusst den Tagesablauf von 30 Millionen Menschen. Neun Monate später wird es doch noch einmal zu einem Babyboom kommen.

          Ende November startet Frankreich von Hammaguir in Algerien mit einer Rakete vom Typ „Diamant A“ den Satelliten Asterix. Dies ist der erste Satellitenstart ohne Beteiligung Amerikas oder der Sowjetunion. In der Transport-Branche Nutzfahrzeugbereich tauchen immer häufiger sogenannte „Frachtbehälter“ auf, mittlerweile als Container bekannt. Durch laufende Lohnsteigerungen, hält H.C. Graf von Seherr-Thoss in seinem Werk „Die deutsche Automobil-Industrie fest“, sinkt die Zahl der Wochenlöhne, die ein Arbeitnehmer für einen VW Käfer – immer noch das meistverkaufte Auto in Deutschland – aufwenden muss, immer weiter: 1950 waren es 60, 1965 sind es nur noch 21. Heute bekommt man für fünf durchschnittliche Monatslöhne keinen VW Golf, allenfalls einen kleinen VW Up.

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