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Hilfsmittel für Senioren : Mit 77 ist noch lange nicht Schluss

Platz schaffen: Unterfahrbare Schränke, faltbarer Rollstuhl Bild: Wolfsburg AG

So lange wie möglich zu Hause wohnen ist das Ziel vieler Senioren. Wie technische Hilfsmittel ihnen dabei helfen können, zeigt ein besonderer Raum in Wolfsburg.

          7 Min.

          Die meisten Menschen wollen alt werden, wenngleich nicht sofort. Manchmal kommt es aber schneller als gedacht. Im Dienst der Wissenschaft und seines Arbeitgebers trifft es diesmal den Redakteur. Max macht ihn binnen weniger Minuten zum Methusalem, Einschränkung der Beweglichkeit und der Sinne, das volle Programm. Tapsig schleicht er die Treppe hinab, schwer schnaufend wieder hinauf, Hören und Sehen sind ihm weitgehend vergangen.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Wie fummelt man denn nur die Münzen aus der Geldbörse, und was sagte der gerade? Max, der Alterssimulationsanzug, sieht ähnlich aus wie die Schutzkleidung eines Bombenräumkommandos, schützt aber nicht, sondern behindert. Gewichte rauben die Kraft, Scharniere versteifen die Gelenke, Schuhe ohne Gefühl verursachen seltsame Gänge. Das Schlimmste aber dünkt dem Redakteur die schlechte Sicht - alles wie durch einen Tunnel und mit Gelbstich, Farben erkennen wird zur Glücksache. Das Gute daran: Dieses Alter lässt sich rasch wieder ablegen.

          Max wurde von der TU Chemnitz auf der Basis von 200 wissenschaftlichen Studien entwickelt, er ist unter ähnlichen Kreationen der Einzige, der seinen Träger in mehreren Stufen einschränken kann - 20, 40 oder 60 Prozent. Der Anzug steht im Dienst der Wolfsburg AG, einer Gemeinschaftseinrichtung der Stadt und des VW-Konzerns, die sich intensiv mit Gesundheitsfragen am Arbeitsplatz und zu Hause beschäftigt.

          Sessellift: Die Schüssel stellt sich auf Bewohner unterschiedlicher Größe ein.

          Eine davon und mit zunehmender Bedeutung wegen der demographischen Entwicklung sind die Bedürfnisse älterer Mitmenschen. Ziel ist es, ihnen den Alltag mit technischen Hilfsmitteln so zu erleichtern, dass sie so lange wie möglich selbständig oder mit ambulanter Hilfe leben können. In einem einzigartigen Projekt namens Plusraum hat das Unternehmen vor fünf Jahren begonnen, Gebrauchsgegenstände und Wohnungseinrichtungen, die diesem Zweck dienen können, zu sammeln. Es wird vom niedersächsischen Wirtschaftsministerium unterstützt.

          Kooperation mit rund 60 Partnern

          „Wir achten darauf, dass alles, was hier zu sehen ist, auch im Handel gekauft werden kann“, sagt Shanna Weiser, die in der Wolfsburg AG für den Raum verantwortlich ist. Das Projekt entwickele sich ständig weiter, Unternehmen, die geeignete Produkte im Programm haben, reichen sie ein, was tauglich erscheint, nimmt sie auf.

          Robbentherapie: Paro reagiert je nach Behandlung erfreut oder sauer.

          Derzeit sind es rund 60 Partner, die mit der Wolfsburg AG kooperieren. Sie arbeiten zum Teil auch in der Entwicklung zusammen, indem unterschiedliche Produkte in Szenarios vernetzt werden, mit alltäglichen Abläufen und Notfall-Simulationen. Zum Beispiel beim nächtlichen Toilettengang: Sensoren aktivieren das Beleuchtungssystem, und die Toilette passt ihre Höhe dem gerade aufgestandenen Bewohner an.

          Der Vorzeigeraum ist kein Raum, sondern eine Zweizimmerwohnung mit Bad und Küche. Die darin gezeigten Hilfsmittel und Einrichtungen erleichtern nicht nur den Alltag von Senioren, sie kommen zugleich Menschen mit Behinderungen und zum Teil ebenso dem Durchschnittsbürger zugute. Denn auch junge und gesunde Leute können über Schwellen stolpern, barrierefreies Wohnen nutzt also allen.

          Besichtigungen, Seminare, Workshops

          Weisers Team bietet moderierte Besichtigungen an und berät. Wer will, kann sich Max überstreifen und die Einrichtungsgegenstände aus der Perspektive der Zielgruppe testen. Es gibt Seminare und Workshops, außerdem in regelmäßigen Abständen einen Tag der offenen Tür. Der wurde kürzlich zum fünfjährigen Bestehen in etwas größerem Rahmen mit einem Vortragsprogramm gefeiert. Insgesamt sind schon mehr als 3000 Besucher gekommen, darunter Pflegekräfte und Fachleute aus Wohnheimen, aber auch viele interessierte Privatleute. Das Beratungsangebot ist kostenfrei.

          So wird simuliert, wie sich der Körper anfühlt, wenn man ein paar Jahre älter ist

          Der erste Blick gilt der Küche. Dort steht für Leute, die nicht mehr selbst kochen können oder wollen, eine Mikrowelle mit großen Druckknöpfen. Jeder von ihnen aktiviert ein Programm für ein Fertigmenü von Apetito, sie lässt sich aber auch wie eine gewöhnliche Mikrowelle nutzen. Die Menüs werden den Kunden ins Haus geliefert, er kann unter 200 verschiedenen auswählen. Gegessen wird dann an einem elektrisch höhenverstellbaren Tisch, und zwar aus Geschirr mit besonderen Eigenschaften.

          Die Produkte von Ornamin aus praktisch unzerstörbarem Kunststoff sind farbenfroh und stecken voller Ideen. Zum Beispiel neigt sich der Innenboden des Suppentellers etwas, und der Rand hat einen leichten Überhang. Den Teller mit zittrigen Fingern anzuheben ist nicht nötig, die Suppe lässt sich leicht auslöffeln. Unten ist ein Kunststoffring angebracht, der rutschen verhindert. Die Teller gibt es auch doppelwandig, sie können mit heißem Wasser gefüllt werden. Dadurch bleibt das Essen länger warm.

          Barrierefreie Küche

          Wer lieber Brot schmiert, kann das auf einem ebenfalls rutschfesten Brettchen machen, das an drei Seiten einen Rand hat, der die Scheibe sicher fixiert. Leicht zu halten sind auch die Trinkbecher, sie sind mit einem Dekor aus Antirutschmaterial versehen. Der besondere Trick liegt in der Form der Innenwand; sie läuft nach unten konisch spitz zu, deshalb lässt sich der Becher leeren, ohne den Kopf in den Nacken zu legen. Zusätzlich kann ein Schnabelaufsatz aufgesteckt werden.

          Wer statt Fertiggerichten selbst kochen möchte, findet eine barrierefreie Küche vor. Das Kochfeld lässt sich in der Höhe verstellen, so dass es auch Rollstuhlfahrer oder Kleinwüchsige benutzen können. Es ist ausgefahren von drei Seiten zugänglich.

          Höhenverstellbar sind auch die Oberschränke und Arbeitsflächen, und sämtliche Sockel sind so weit zurückgesetzt, dass Rollstuhlfahrer mit den Füßen nicht anstoßen. Nicht nur für Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung praktisch sind die in der Küche eingebauten Elektroleisten von Eubiq. Dort lassen sich an beliebiger Stelle Steckdosen einfach anklipsen, erst dann kommt der elektrische Kontakt zustande.

          Elektronischer Pillenspender

          Für Gehbehinderte, die mit dem Auto unterwegs sind, ist der faltbare Rollstuhl Sessio gedacht. Das nur rund sieben Kilo schwere Gestell kann mit einer Hand zusammengeklappt werden, der Rollstuhl findet dann vor dem Beifahrersitz Platz. Die Maße passt der Hersteller seinem Besitzer an. Smartphones, die für Senioren geeignet sind, haben besonders große Tasten und sind leicht zu bedienen.

          Die in Wolfsburg gezeigten von Emporia haben zusätzlich einen roten Knopf auf der Rückseite. Wenn er drei Sekunden lang gedrückt wird, aktiviert das Telefon einen Notruf - nacheinander werden bis zu fünf voreingestellte Nummern angerufen, dabei wird sichergestellt, dass der Notruf nicht auf einem Anrufbeantworter landet.

          Aus eigener Erfahrung in der Familie wissen wir, dass mit nachlassendem Gedächtnis die regelmäßige Medikamentengabe ein Problem werden kann. Als Lösung gibt es den Pillenspender Pico, der zu voreingestellten Zeiten durch Signale an die Einnahme erinnert. Die Medikamente werden in der Apotheke individuell in Sichtverpackungen zusammengestellt, die das Gerät zur richtigen Zeit ausgibt. Das System funktioniert zugleich als eine Art Notruf, denn falls es keine Entnahme registriert, ruft der Hersteller bei seinem Kunden an.

          Betreuungsroboter Paro

          Im Schlafzimmer macht sich ein lebensgroßes Robbenbaby im Bett breit. Was wie ein Kuscheltier aussieht, ist der Betreuungsroboter Paro. Er wurde erstmals 2001 vorgestellt und ständig weiterentwickelt. Die Arbeit mit der Robbe ähnelt der tiergestützten Therapie, die Erfahrungen damit seien positiv, sagt Weiser. Demenzerkrankte beschäftigten sich damit und kommunizierten wieder. Etwa zwanzig derartige Roboter sind in Deutschland im Einsatz.

          Trickreich: Die Suppe sammelt sich vorn, der Thermoteller (hinten) hält sie warm.

          Paro ist mit Sensoren gespickt und lernfähig, sogar seinen Namen kann er sich merken. Er regiert auf Licht, Worte, Temperatur und Position. Wird Paro gestreichelt, ruft er wie eine junge Kegelrobbe und bewegt sich. Groben Umgang mag er gar nicht.

          Die Therapierobbe erleichtert den Pflegern den Zugang zu dementen oder geistig behinderten Menschen, die Akzeptanz ist hoch, obwohl die Patienten natürlich wissen, dass das Tier nicht echt ist. Der Nutzen wird von den Fachleuten, mit denen wir gesprochen haben, allerdings unterschiedlich eingeschätzt. Die Wolfsburg AG schult die Pflegekräfte und vermietet den Roboter tage- oder wochenweise.

          Anheben und Transportieren erleichtert

          Auch im Schlafzimmer und im Wohnzimmer sind die Schränke höhenverstellbar, oder die Fächer fahren elektrisch aus und nach unten. Das Bett namens Practico wirkt nicht besonders auffällig, es lässt sich aber wie jene im Krankenhaus elektrisch verstellen und absenken. An der Decke ist eine Schiene angebracht, sie dient als Halterung und Führung für einen Kran.

          Der Molift erleichtert dem Pflegepersonal das Anheben und Transportieren, die bewegungsunfähigen Patienten sitzen dabei in einem flexiblen Korb. Das gleiche System gibt es auch zusammenklappbar für mobile Anwendung. An einer unauffällig angebrachten Schiene hängt auch die Gardine. Sie wird mittels eines Gardinenlifts nach oben oder unten befördert, das erspart das unfallträchtige Klettern auf die Leiter für den Wechsel der Vorhänge.

          Am Boden liegt die Matte Sensfloor. Sie ist mit 32 Sensoren je Quadratmeter ausgestattet. Die Matte erkennt, ob jemand darauf steht, wie schnell er in welche Richtung geht und auch, ob die Person gerade hingefallen ist. Das System könne sogar unterscheiden, ob ein Mensch oder ein Hund darauf liegte, sagt Weiser. Sensfloor lässt sich mit Lichtschaltern, Rufanlagen und Alarmgeräten kombinieren. Es gibt sie mit unterschiedlichen Oberflächen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: zum Einbruchschutz etwa oder in Sicherheitsschleusen zum Zählen der Personen.

          Nachzurüsten würde rund 80.000 Euro kosten

          Im Bad fällt neben dem WC-Lifter, der hochgestellten Waschmaschine und der barrierefreien Duschkabine vor allem auf, dass überall mobile Handgriffe an den Fliesen befestigt sind. Es gibt sie in vielen Größen, teleskopierbar und mit Gelenken, die Prüflast der Saugnäpfe von Mobeli wird je nach Typ mit 90 bis 120 Kilogramm angegeben. Das Besondere sind die Köpfe: Sie zeigen an, wenn das Vakuum nachlässt.

          Herausgeber: Die nächste Pille kommt

          Viele der im Vorzeigeraum eingebauten Gegenstände sind eigentlich nicht ungewöhnlich, wir kennen sie aus dem Smart Home; etwa die intelligent gesteuerte Heizung, angepasstes Licht, automatisch verriegelnde Haustüren und diverse Sensoren, die das Haus überwachen, indem sie Feuchtigkeit oder Gas melden.

          Die Grenze ist fließend, denn auch junge und mobile Menschen wissen Bedienungskomfort und Sicherheit zu schätzen. Billig ist das alles freilich nicht, die gesamte Einrichtung nachzurüsten würde rund 80.000 Euro kosten, sagt Weiser.

          Umfassende Beratung empfohlen

          Angesichts der vielen Möglichkeiten stellt sich die Frage, was davon selbst gezahlt werden muss. Ein Teil der Gegenstände ist im Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen aufgelistet, etwa die Handgriffe. Sie können vom Arzt verschrieben werden, sagt Axel Hölzer, der Geschäftsführer der Dorea GmbH, die ambulante Pflege anbietet und fünf stationäre Einrichtungen betreibt.

          Privat Versicherte haben je nach Vertrag weitere Möglichkeiten, außerdem kommt es natürlich auf die Pflegestufe an. Hinsichtlich des Umbaus von Wohnungen gibt es Förderprogramme, dabei ist zu unterscheiden, ob es sich um Eigentum oder ein Mietobjekt handelt - dann müssen sich Vermieter und Mieter einigen.

          Vor der Anschaffung sollte man sich umfassend beraten lassen, sagt Hölzer. In der stationären Pflege ist das Teuerste das Personal, Fachkräfte sind schwierig zu bekommen. Da sie die Gemeinschaft viel mehr kostet als ambulante Pflege, ist es auch gesamtwirtschaftlich sinnvoll, wenn die Senioren so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben.

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