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Faszination Dampflok : Echte Brocken

  • -Aktualisiert am

Jetzt heißt es, rechtzeitig Kohle nachlegen. Bild: Peter Thomas

Vor 120 Jahren wurde die Strecke der Harzer Schmalspurbahn eröffnet. Seitdem legen deren Dampfloks rund 350.000 Kilometer im Jahr zurück. Für Touristen ist die Fahrt unter Dampf auf den Gipfel eine spektakuläre Zeitreise.

          Jetzt heißt es, rechtzeitig Kohle nachlegen. Denn hinter „Drei Annen Hohne“ beginnt die Königsetappe. Dann schnauft und dampft und zischt die Dampflok der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) mit ihrem voll besetzten Zug am Haken auf meterspurigen Schienen bis zum Brocken hinauf: Steigungen bis 33 Promille, Endstation in 1125 Meter über dem Meer auf einem windumtosten Gipfel.

          Eröffnet wurde die Strecke vor 120 Jahre im Oktober 1898. Was sich seither nicht geändert hat, ist die harte Arbeit auf dem Führerstand. „Drei bis vier Tonnen Kohle schaufelt ein Dampflokheizer in jeder Schicht vom Tender in den Feuerraum“, sagt HSB-Sprecher Dirk Bahnsen. Entsprechend schwierig ist es für das Eisenbahn-Verkehrsunternehmen, Nachwuchs zu finden: „Schon Lokführer für Elektro- oder Dieselloks sind kaum zu bekommen“, sagt Bahnsen, „Dampflokführer und -heizer gar nicht.“

          Bahnhofseinfahrt: Ein Brockenzug der Harzer Schmalspurbahn

          Also bilden die HSB ihre Dampflokführer selbst aus. Eine Werbeaktion im vergangenen Jahr hat das Interesse dafür gestärkt, freut sich der Unternehmenssprecher. Wer einmal eine der 25 Dampfloks (davon wird immer rund ein Dutzend einsatzbereit gehalten) auf Harzquerbahn, Selketalbahn oder Brockenbahn führen will, fängt zunächst als Zugheizer oder Zugschaffner an.

          Dann folgt die Weiterbildung: Prüfung als staatlich geprüfter Kesselwärter, zahlreiche Module zur Dampfloktechnik in Theorie und Praxis sowie weitere Lehrgänge. Heute arbeiten von insgesamt 260 HSB-Mitarbeitern rund 120 im Eisenbahnbetriebsdienst und 40 in der Werkstatt.

          Ist Dampflokführer also kein Traumberuf mehr? Die Faszination der Passagiere und der Wanderer neben der Strecke für die klassische Dampferfahrt ist jedenfalls ungebrochen: Gebannt beobachten die Menschen, wie der Zug eine letzte Schleife rund um den Gipfel des Brocken dreht, dann in den Bahnhof einfährt. Alles aussteigen! Das Personal setzt die Lok ans andere Ende des Zuges um, das wirbelnde Spiel von Triebwerk und Steuerung fasziniert die Zuschauer.

          Für Touristen ist die Fahrt unter Dampf auf den Gipfel eine spektakuläre Zeitreise: Mit den schwarz glänzenden Maschinen vor dem Zug und mit Edmondsonschen Fahrscheinen aus Pappe in der Hand. Historische Dimensionen hat aber auch die eingesetzte Technik: Die älteste Maschine der HSB stammt aus dem Jahr 1897. Auch das stellt den Betreiber vor Herausforderungen.

          Denn weder für einen solchen Methusalem, noch für die etwas jüngeren Dampfloks im Fuhrpark (die große Serie der Neubauloks der Baureihe 99.23-24 hat auch schon mehr als sechs Jahrzehnte Einsatz hinter sich) sind Ersatzteile von der Stange erhältlich.

          Dazu kommt die schmale Spurweite von 1000 Millimeter, während das Netz der Deutschen Bahn eine Spurweite von 1435 Millimeter hat. So können Loks für Untersuchungen und Reparaturen nicht auf der Schiene überführt werden. Stattdessen müssen diese echten Brocken aus Stahl und Eisen per Tieflader auf der Straße überführt werden.

          Kompetenz-Zentrum: Gebaut im Dampflok-Werk Meiningen

          Die Harzer Schmalspurbahnen haben aus der Situation eine mutige Konsequenz gezogen: In zwei bis drei Jahren wird in Wernigerode eine eigene, ganz neue Dampflokwerkstatt eröffnet, die sich auch um die schwere Instandhaltung kümmern kann. Das soll Sicherheit für die Zukunft schaffen. Schließlich sind die HSB trotz Dampf und Pappfahrschein keine Museumsbahn, sondern ein klassisches Eisenbahnverkehrsunternehmen, das im Jahr rund 700.000 Zugkilometer im ganzen Netz erbringt (davon rund die Hälfte unter Dampf).

          Auf Bergfahrt: Die 1931 gebaute 99 222 ist mit ihrem Zug in Richtung Gipfel unterwegs

          Parallel soll die Belegschaft weiter ausgebaut werden: mit Fachleuten für Fahrzeugtechnik und auch mit Experten für die Infrastruktur. Denn die HSB gehören zu den wenigen Bahnen in Deutschland, die Verkehrsleistungen und Netzbetrieb noch voll integriert in einer Gesellschaft betreiben. Und so kümmert sich das Team der vor 25 Jahren gegründeten HSB auch um das 140 Kilometer lange Streckennetz mit mehr als 400 Brücken und Durchlässen. Jährlich müssen hier zwei bis drei Kilometer Gleis erneuert werden, damit die Züge auch künftig fahren können. Sei es mit Dampfloks, mit den Dieselloks der Baureihe 199.8 (Spitzname Harzkamel) bespannt oder aus Meterspur-Triebwagen gebildet.

          Mittelpufferkupplung: Blick auf die Verbindung zwischen Lok und Personenwagen.

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