https://www.faz.net/-gy9-6xmh2

Messer : Scharfer Reiz des Selbstgemachten

  • -Aktualisiert am

Zutaten für den Anfänger: Vorgefertigte Klingen, Birkenholz, Lederscheibchen, Zwingen, Politur - damit und mit Feilen und Schmirgeln lassen sich einfache Messer machen. Bild: Hans-Heinrich Pardey

Selbst etwas herzustellen, verschafft einem immer ein gutes Gefühl. Das stimmt besonders, wenn es dabei um den treuen Begleiter des Menschen geht - das Messer.

          3 Min.

          Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde, heißt es beim Prediger Salomo. Lang, lang ist es her, dass Urgroßvater im Winter Löffel schnitzte, denn dann war Zeit dafür auf dem Bauernhof. Dann wurden auch Werkzeuge gerichtet, eine Schippe bekam einen neuen Stiel und ein unter dem Jahr beiseitegelegtes Messer wurde wieder fest vernietet. Solche Winterarbeiten sind ferne Vergangenheit, aber irgendwie muss es daran liegen, dass der Enkel sich aufs Messermachen besinnt, wenn es draußen Stein und Bein friert.

          Einfach urige Unikate und dazu Messer von hohem Gebrauchsnutzen
          Einfach urige Unikate und dazu Messer von hohem Gebrauchsnutzen : Bild: Hans-Heinrich Pardey

          Mit dieser Liebhaberei ist es wie mit manch anderem Hobby auch: Der bezifferbare Gewinn bleibt eher gering, wenn sich nicht gar ein negativer Saldo ergibt. Bis man selbst ein Messer von der Qualität gemacht hat, wie sie industriell hergestellt aus Solingen oder dem japanischen Pendant Seki, kommt, ist man schnell den Gegenwert eines Kleinwagens los: für Material, für Maschinen und für Murks.

          Das Unikat ist das Ziel

          Aber durch den lernt man eben. Und für den Anfang kann man sich ja ein leichteres Projekt wählen, als ein Integralmesser aus dem Vollen zu feilen und dem Stahl Griffschalen aus fossilem Holz oder Mammutzahn fugenlos einzupassen. Dass das Messermachen als kunsthandwerkliches Hobby recht verbreitet ist, zeigen die umfängliche Literatur und der Zuspruch von Ausstellungen und kleinen Spezialmessen, wo man all das bekommt, was für ein selbstgemachtes Messer nötig ist. Das Unikat, das einen bei jeder Benutzung daran erinnert, wie man es höchstpersönlich gefertigt hat, ist das eigentliche Ziel. Das gilt natürlich genauso, wenn das Messer als reiner Ziergegenstand unbenutzt in der Vitrine bleibt.

          Wer für den Anfang ganz sicher gehen oder erst einmal ausprobieren will, ob die Sache ihm überhaupt Spaß macht, der fährt mit einem kompletten Bausatz nicht schlecht. Nebenbei: Das Messermachen kann zwar streckenweise in grobe Arbeit ausarten, aber es ist keineswegs ausschließlich Männersache. Bausätze, wie sie Dictum in Meppen (www.mehr-als-werkzeug.de) oder Wolf Borger (www.messerschmied.de) als Versender anbieten, können dem angehenden Messermacher ganz unterschiedlich viel abverlangen - an den erforderlichen Fertigkeiten genauso wie im Portemonnaie.

          Puzzle für gehobene Ansprüche: Taschenmesser-Bausatz von Dictum
          Puzzle für gehobene Ansprüche: Taschenmesser-Bausatz von Dictum : Bild: Hans-Heinrich Pardey

          Die meiste Arbeit hat man zum Beispiel bei dem norwegischen Messerbausatz von Brusletto nicht mit der Messermontage, sondern mit dem Finish des ausgearbeiteten Holzgriffs und dem Nähen der Scheide. Einschließlich der halbscharfen Falken-Klinge ist alles dabei: der vorgebohrte Griff, die Zwinge, ein Niet für die Scheide, Leder, Nadel und Faden. Die Bauanleitung hat ungefähr die Größe einer Postkarte (55 Euro bei Wolfknives). Viel verkehrt zu machen ist da nicht. Die Klinge wird nach Aufschieben der Zwinge im Griff mit Epoxidharz, einem Zwei-Komponenten-Kleber, befestigt und schon kann man sich an das Bearbeiten des Griffs machen oder mit dem Nähen anfangen.

          Das Taschenmesserchen mit den elfenbeinfarbenen Griffschalen aus dem Kunststoff Mikarta und mit der Klinge von Hiro, das es bei Dictum für noch nicht einmal vierzig Euro gibt, ist da schon etwas diffiziler. Erst muss man die Federn sauber nieten und den Gang der Klinge beim Einklappen fein justieren. Und hinterher will alles noch geschmirgelt und poliert sein. Die eigentliche Herausforderung aber stellt die geringe Größe des Messers dar. Es ist kein Gerücht: Wo Taschenmesser noch manuell montiert werden, sind es meist Frauenhände, die das tun.

          Skandinavische Messer: Holz und Stahl

          Die nächste Stufe ist erreicht, wenn man sich nur einen Klingenrohling besorgt und dazu einen Block schön gemasertes Holz. Mehr braucht es kaum, um ein schlichtes Messer in skandinavischem Stil zu bauen. Vielleicht noch ein Stück Horn oder Knochen, eine Hülse, um den Erl am Griffende zu vernieten. Aber mit so wenig und einfachem Material hat man unvergleichlich mehr Arbeit als mit einem Bausatz. Das Ergebnis ist dafür ein wirklich individuelles Messer - in die Hand geformt und ganz nach eigenem Geschmack gestaltet.

          Aber bis es so weit ist, muss man lange bohren, feilen, schleifen und polieren. Und das geht kaum noch ohne maschinelle Unterstützung ab. Der Schwierigkeitsgrad aber lässt sich von Messer zu Messer mühelos steigern. Je roher das Ausgangsmaterial ist und je raffinierter der Material-Mix, desto aufwendiger gestaltet sich vom ersten Entwurf und dem Zeichnen der Schablonen an die Arbeit, desto mehr Wissen über Materialeigenschaften, Gewusst-wie und bearbeitungstechnisches Können sind erforderlich. Mit der wachsenden Erfahrung bekommen Messer einen weit jenseits ihrer Ästhetik oder ihres Gebrauchswertes liegenden Reiz: Wie ist diese Klingenblockierung konstruiert, wie wurde das Griffmaterial unter dem Stahlrand eingelegt?

          Skandinavische Messer bestehen ausschließlich aus Holz und Stahl
          Skandinavische Messer bestehen ausschließlich aus Holz und Stahl : Bild: Hans-Heinrich Pardey

          Wer so weit gelangt, dass er etwas von sich selbst in seine Messer bauen kann, für den werden selbst gute Industriemesser fade. Dann spielen längst Kosten-Nutzen-Rechnungen keinerlei Rolle mehr: Selbstgemacht - einfach unbezahlbar.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In Großbritannien : Eine vernünftige Öffnungsstrategie

          Der britische Premierminister hat einen Plan für die Lockerungen der Corona-Maßnahmen vorgelegt. Das Vorgehen seiner Regierung zeigt: Wer schneller impft, kann früher öffnen.
          Anne Will diskutiert in ihrer Sendung am 28. Februar 2021 mit ihren Gästen über die Frage: „Die große Ratlosigkeit – gibt es einen Weg aus dem Dauer-Lockdown?“

          TV-Kritik: „Anne Will“ : Warten auf die ganz andere Idee

          Anne Will setzt auf den Schlauberger-Effekt, wenn sie ihre Gäste nach Wegen aus dem Lockdown fragt. Sie diskutieren innovative Apps und ethische Expertisen. Und versuchen Merkels Inzidenz-Maxime zu widerlegen.
          Donald Trump am Sonntag in Orlando

          Trump in Orlando : Die Partei bin ich

          Donald Trump will von einer Spaltung der Republikaner nichts wissen. Dazu seien seine Gegner zu unbedeutend. Er liebäugelt mit einem „dritten Sieg“ 2024.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.