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Logistik ohne Computer : Audi in der Dabbawalla- Küche

  • -Aktualisiert am

Heiße Ware: 200.000 Mahlzeiten liefern Dabbawalla fünf Tage pro Woche aus Bild: Michael Kirchberger

Audi unternimmt Lernreisen zu exotischen Zielen und studiert dort erfolgreiche Geschäftsmodelle jenseits des Automobils.

          Reisen in ein fremdes Land stärkt und weitet den Verstand. Papa hatte immer wieder damit seine Begeisterung für die Streifzüge durch Europa begründet. Unwissend hat er sich letztlich in der Tat nicht verabschiedet. Aber die Sehnsucht nach der Ferne pflegen nicht nur Entdecker und Touristen, mittlerweile hat sie auch die Autohersteller ergriffen. Nicht nur, dass sie neue Märkte erschließen wollen, um die Absatzziele immer höherschrauben zu können, sie zeigen sich wissbegierig und studieren die Strukturen und Denkansätze anderer Unternehmen.

          Audi hat die Lernreisen, wie die Ausflüge intern genannt werden, sogar zur ständigen Einrichtung gemacht. Martin Neff, seines Zeichens Komplexitätsmanager, steigt ins Flugzeug nach Indien. Das Ziel: die Dabbawalla-Essensausträger in Mumbai, eine einzigartige Einrichtung, deren Logistik ohne Computerunterstützung auf einer sozialen Mitarbeiterstruktur basiert und dennoch, oder gerade deshalb, perfekt funktioniert.

          Essenslieferung für den Ehemann

          Mumbai, im August 2012, 33 Grad Celsius, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. In den verstopften Straßen tobt das Leben. Die Kakophonie aus unzähligen Hupen übertönt das Geknatter der oft gasbetriebenen Motoren der Dreiradtaxis. Im Büro der Mumbai Tiffin Box Association verschafft der Sturm eines Deckenventilators Neff nur wenig Abkühlung. Es liegt in einer winzigen Seitengasse, vor der Tür türmen sich Fahrräder, bis zu drei Etagen hoch. Neffs Gesprächspartner hat ein in blaue Folie eingeschlagenes Buch vor sich, Zahlenkolonnen, Schriftzeichen füllen die Seiten, es ist das einzige Dokument, in dem die Abonnenten des Essendienstes aufgeführt sind. Gleichzeitig finden sich darin die Angaben über die Verdienste der Dabbawalla.

          Ihr Chef, Yamnaji Ghule, erklärt das System. Am Vormittag machen die Essenausträger ihre Runde durch die Haushalte der Abonnenten und holen Tiffins ab, jene Blechdosen, die wir als Henkelmann bezeichnen würden. Gekocht wird ihr Inhalt von der Familie. An Sammelstellen werden sie sortiert und dann mit dem Fahrrad, der Bahn oder zu Fuß pünktlich zur Arbeitsstelle des Ehegatten geliefert. Die kann bis zu 70 Kilometer von der Wohnung entfernt liegen.

          Lernen und verstehen: Audi-Komplexitätsmanager auf Auslieferungsfahrt Bilderstrecke

          Insgesamt sorgen bis zu 5000 Dabbawalla fünf Tage in der Woche dafür, dass die frisch zubereiteten Mahlzeiten ihr Ziel erreichen. Täglich sind es 200 000 Tiffins. Und, sagt Ghule, das funktioniere reibungslos. Die Statistik weist nach, dass auf 16 Millionen Auslieferungen lediglich ein Irrläufer kommt. Ein einfaches, aber wirksames System schließt Fehler aus, die Beschriftung auf den Textilmänteln der Tiffins gibt an, in welches Viertel, welches Haus und in welches Stockwerk der Behälter gebracht werden soll.

          Klar, die Dabbawalla sind mit Handys ausgestattet, wenn es irgendwo klemmt, ein Zug Verspätung hat oder selbst mit dem Fahrrad kein Durchkommen im Verkehrschaos der Metropole möglich ist, genügen ein paar Anrufe, und es eilt Verstärkung herbei, die einen anderen, freien Weg findet. Das System basiert auf einer engen Verknüpfung aller Beteiligten. Und auf sozialer Gleichbehandlung. Alle Essenausträger stammen aus der Region Pune, empfinden sich als große Familie und verrichten ihre Arbeit mit Stolz. Und sie verdienen alle beinahe gleich viel.

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