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Leica M8 : Vorwärts in die Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Hübscher Brocken feinmechanisch gekleideter Digitaltechnik: Leica M8 Bild: Pardey

Die M8 ist Leicas Vorstellung von einer Digitalkamera. Unverschämt schlicht und technisch perfekt wie jede Leica, erinnert sie daran, was Fotografieren vor Jahren einmal war. Denn richtig in der Gegenwart angekommen ist sie nicht.

          Wer sich dieser Kamera nähert, ohne unaufgefordert Männchen zu machen mit den üblichen Floskeln wie etwa „legendäre Systemkamera“, der tut gut daran, wenigstens kurz anzudeuten, dass ihm die Trauben nicht zu hoch hängen. Die Messsucherkamera Leica M8 mit dem Tri-Elmar-M 1:4/16-18-21 mm und dem Universal-Weitwinkelsucher M ist eine der teuersten Digitalkameras der Größenklasse Kleinbildkamera, die man sich umhängen kann. Für rund 7500 Euro in dieser Ausstattung muss sie einfach professionell und gut sein; die Betonung liegt auf „muss“. Nicht schlecht, aber doch eher kritisch über die M8 zu reden kann so betrachtet nur einen Grund haben: Neid, weil man nicht in der Lage ist, sie sich zu leisten.

          Also, zunächst kam nur das Gehäuse (rund 4.200 Euro). Wir holten ein M-Objektiv, unser Summilux No. 2628511, aus der Vitrine und machten ein paar Aufnahmen. Und besannen uns, warum die M-Leicas und ihre Objektive im Schrank stehen: Weil sie, die zu ihrer Zeit einen realen handwerklichen Nutzen boten, von anderer Kameratechnik abgelöst wurden. Wir erinnerten uns an eine Reportage über eine Nacht im 4. Frankfurter Polizeirevier: Das wird so etwa dreißig Jahre her sein, und es gab keine Alternative - Lichtstärke der Objektive und die nötige Diskretion beim Fotografieren erforderten die M-Leica.

          Die Kinderkrankheiten sind passé

          Heute würden wir eine Digitalknipse von Handflächengröße nehmen, von der man etwa ein Dutzend für den Preis eines Leica-Gehäuses bekommt, und nicht einmal das Schnappen des Tuchschlitzverschlusses einer M4 wäre zu hören. Gut, gut, wir möchten die entstehenden Digitalfotos auch nicht auf eine Kinoleinwand projiziert sehen, aber das war weder damals noch heute gefragt. Selbstverständlich sind die guten Stücke von ehedem nicht weggegeben worden: weil sie schön sind, weil sich ihre präzise Mechanik gut anfasst und weil es Freude macht, hin und wieder, wenn Zeit genug ist, mit der alten Ausrüstung Bilder zu machen, deren technische Qualität über jeden Zweifel erhaben ist.

          Auch ein schlichter Rücken kann entzücken

          Damit sind in etwa auch die guten Gründe umrissen, die für die M-Leica des Jahrgangs 2006 sprechen. Im Photokinaherbst kam die M8 auf den Markt, aber es war nicht so dumm, ein Weilchen zu warten, denn die ersten Exemplare waren mit ärgerlichen Kinderkrankheiten behaftet. Davon ist nun nicht mehr die Rede. So, wie man es von Leica erwartet: Man packt ein Stück Qualität aus - das nicht zu knapp wiegt: Rund 1050 Gramm sind es mit dem Drei-Brennweiten-Objektiv und dem entsprechend verstellbaren Sucher.

          Motivprogramme gibt es anderswo

          Die M8 ist eine Leica, an der sich nichts tut, bis der ziemlich drollig gestaltete Akku geladen und - dank der merkwürdigen Form blind richtig - eingesetzt ist; die M8 ist eine Digitalkamera, die auch danach und nach dem Einschalten nichts tut, was sonst Digitalkameras tun. Kein Begrüßungsbildschirm, kein Klingeln, nichts. Auf weiteres Knopfdrücken bekommt man das aufgeräumteste Menü zu Gesicht, das es auf dem Markt gibt und das deutschen Klartext redet. Beschränkung auf das Nötige und Wesentliche, das ist der Charakter der M8 an sich. Irgendwelche Vollautomatiken, einen Video- oder Scenery Modus mit Motivprogrammen (falls man danach suchen wollte) - all das gibt es in dieser digitalen M-Leica nicht. Dafür hat sie einen speziell für seinen Arbeitsplatz hinter den M-Objektiven konstruierten CCD-Sensor, der die stattlichen Maße 18×27 Millimeter hat, was den 10,3 Millionen Pixeln genug Raum für rauscharme Bilder belässt.

          Aus den Maßen ergibt sich ein Verlängerungsfaktor von 1,33 für die Objektive: Das Tri Elmar beginnt also bezogen aufs Kleinbildformat mit 21 mm und endet mit 28 mm Brennweite. Der Sensor hat kein Moiréfilter; der Effekt der unerwünschten Rasterung wird herausgerechnet. Die Empfindlichkeit lässt sich von ISO 160 bis ISO 2500 einstellen. Sucher und Entfernungsmessung entsprechen dem anderer M-Modelle. Die M8 hat eine Zeitautomatik: Zur vorgewählten Blende wird die korrekte Verschlusszeit eingesteuert; der vertikal ablaufende Metall-Lamellenschlitzverschluß kann Zeiten zwischen 32 und 1/8000 Sekunden bilden. Auf SD-Karten von bis zu 4 Gigabyte Kapazität speichert die Kamera ihre Bilder wahlweise als Jpeg- und DNG-Dateien, dem von Adobe kreierten Rohdatenformat. In aller Ausführlichkeit findet man die technische Ausstattung der Kamera im Netz.

          Mäkeln auf hohem Niveau

          Der Umgang mit der bedienungstechnisch so übersichtlichen Kamera gestaltet sich eher bedächtig: Blende vorwählen, Entfernung messen, Bildausschnitt mit dem Aufstecksucher festlegen, auslösen. Das braucht seine Zeit, und das ist erst der Automatikbetrieb, bei dem die Benutzung der Lichtwaage flachfällt. Leica nennt diese Umständlichkeit gern Entschleunigung, und sie ist zusammen mit der überragenden Bildqualität die eigentliche Rechtfertigung dieser Kamera. An der - immer auf hohem Niveau - herumzumäkeln nicht schwerfällt: Etwas enttäuscht hat uns zum Beispiel der automatische Weißabgleich, der mit Straßenbeleuchtungen oder Leuchtstoffröhren nicht sonderlich überzeugend zurechtkam. Oder das ziemlich ordinäre, weil doch recht laute Schnalzen des Verschlusses.

          Jedes Bild sozusagen mit mehreren Handgriffen herstellen zu müssen, so ganz anders zu fotografieren als mit klackerndem Spiegel, ultraschallschnellen Motoren und Millisekunden schnellem Autofocus, das hat schon etwas. Nur, wer sich auf diese Nostalgie einlässt, könnte der nicht einen echten Oldtimer wie die M4 nehmen und seinen Film nach 36 Aufnahmen zurückspulen?

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