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Lautstärke am Fernseher : Demnächst hat der Werbeblock ausgebrüllt

  • -Aktualisiert am

Wirbt für den harmonisierten Fernsehton: ORF-Toningenieur Florian Camerer Bild: Archiv Tunze

Ständig wechselnde Lautstärke geht den Fernsehzuschauern schon lange auf den Geist. Doch Abhilfe ist in Sicht: Die Sender führen neue Studio-Normen ein, um den akustischen Part zu harmonisieren.

          Entspannung im Fernsehsessel ist eine stets bedrohte Gemütsverfassung - zum Beispiel, weil immer wieder Werbeblöcke plötzlich und ohne Vorwarnung durchs Wohnzimmer brüllen. Dreht der aufgeschreckte Zuschauer dann, so schnell er kann, die Lautstärke herunter, so behält er die Fernbedienung am besten gleich in der Hand. Denn sobald der Film weiterläuft, gilt es, Flüsterdialogen wieder zu verständlichen Pegeln zu verhelfen. Auch das Umschalten zwischen den Sendern nervt mit Lautstärkesprüngen - ebenso der Wechsel zwischen einzelnen Programmbeiträgen. Das muss nicht sein, findet die European Broadcasting Union (der Dachverband der öffentlich-rechtlichen Sender, kurz EBU), und sagt mit ihrer Empfehlung R 128 den Lautstärke-Unsitten jetzt den Kampf an.

          Die Wurzel des Lautstärke-Übels ist die bisherige Aussteuerungspraxis in den Studios: Sie orientiert sich an den Spitzenpegeln des Tonmaterials. Und die haben mit der subjektiv empfundenen Lautstärke herzlich wenig zu tun. Der Lautstärke-Eindruck hängt von vielen Einflussgrößen ab, etwa von Frequenzverteilung des Tonsignals: Das menschliche Gehör ist für tiefe und hohe Frequenzen weniger empfindlich als für mittlere Frequenzlagen; diese Unterschiede werden mit abnehmender Lautstärke immer größer. Eine weitere wichtige Einflussgröße ist die Dynamik des Programms, also das Verhältnis zwischen leisesten und lautesten Programmanteilen: Bewegt sich das gesamte akustische Geschehen in der Nähe der Spitzenpegel, wie es bei vielen neuen Pop-Produktionen der Fall ist, dann ist die Dynamik gering, aber das Programm wirkt unter den Bedingungen der Spitzenpegel-Aussteuerung lauter als eine Tonproduktion, die den gesamten technisch möglichen Dynamikumfang nutzt.

          Die Konvention der Spitzenpegel-Aussteuerung hat eine Entwicklung begünstigt, die Experten wie Florian Camerer, Leitender Toningenieur beim ORF in Wien und einer der maßgeblichen Autoren der R 128, als „Lautheitskrieg“ bezeichnen: Jede Produktion, besonders natürlich, wenn sie der Werbewirtschaft entstammt, soll nach Möglichkeit lauter tönen als die der Konkurrenz. Ein probates Mittel hierzu ist, die Programmdynamik möglichst stark zu reduzieren. Das fördert nicht nur den nervtötenden Brüllwettbewerb, sondern, besonders im Bereich der Musikproduktion, auch eine künstlerische Verarmung, denn Musik lebt nicht zuletzt von der Dramaturgie des Wechsels zwischen laut und leise.

          Die Unzufriedenheit des Publikums mit Lautstärkesprüngen und hörbarer Verschlechterung der Tonqualität hat aber in der Fernsehlandschaft inzwischen zu einem Umdenken geführt: Das Problem ist erkannt, die Lösung heißt Lautheits-Normalisierung, also eine Angleichung der Programme nach den Kriterien des Lautstärke-Eindrucks. Die EBU-Empfehlung R 128 beschreibt die hierzu nötigen Mess- und Aussteuerungsverfahren. Ihre Ausgangsbasis ist ein Standard der International Telecommunications Union (IBU), der das prosaische Kürzel BS.1770 trägt. Er führt unter anderem eine „K-Bewertung“ genannte Filterkurve ein, um die frequenzabhängige Empfindlichkeit des Gehörs zu berücksichtigen. Und er definiert für vergleichende Messungen die neue Einheit Loudness Unit (LU); sie entspricht dem Wert 1 Dezibel.

          Die EBU R128 fügt weitere Parameter hinzu. Dazu zählt die „Programme Loudness“: Sie beschreibt die durchschnittliche Lautheit über die gesamte Länge eines Programms, inklusive Trailer und Unterbrecherwerbung, und definiert hierzu die Einheit LUFS (in deutscher Langschrift: „Loudness-Einheit, bezogen auf digitale Vollaussteuerung“). Die Referenzmarke der Lautheit, an die künftig alle Tonspuren angepasst werden sollen, ist der Wert -23 LUVS. Die Studiotechnik steuert hierzu noch eine sogenannte Gating-Funktion bei: Enthält ein Programm längere Passagen mit sehr leisen Anteilen oder mit Stille, so dürfen diese Sequenzen nicht in die Berechnung der Durchschnittslautstärke eingehen. Das Programm würde sonst als zu leise gewertet, entsprechend im Pegel abgehoben und unrealistisch laut übertragen.

          Camerer sieht in der R 128 auch eine Chance für die kreative Qualität der Programme. Denn in einer Produktionswelt, die nach den Grundsätzen der Lautheits-Normalisierung arbeitet, tönen übertrieben stark in der Dynamik komprimierte Programme nicht mehr lauter als die mit geringerer Kompression produzierten Sendungen der Konkurrenz, sondern eher leiser. Das könnte ein Anreiz sein, vor allem für Musikprogramme künftig wieder stärker den gesamten technisch verfügbaren Dynamikumfang zu nutzen.

          Die Chancen für entspannteren Fernsehgenuss stehen nicht schlecht: ARD, ZDF und die privaten Sender um ProSieben/Sat.1 und RTL haben sich darauf verständigt, vom 1. September dieses Jahres an die Lautheits-Normalisierung einzuführen. Die Schweiz startete die Umstellung der Aussteuerungs-Usancen sogar schon im Februar dieses Jahres. Auch in Österreich und in Frankreich hat die Ära der Lautheits-Normalisierung bereits begonnen. Im Frühjahr 2013 wird Belgien den Vorbildern der Nachbarländer folgen. Damit wäre dann jene kritische Masse erreicht, die nötig ist, um den Paradigmenwechsel hin zu besserer Fernseh-Tonqualität in ganz Europa durchzusetzen. Vielleicht färbt das Beispiel ja eines schönen Tages auch auf den Hörfunk ab. Dann endlich könnten all die Dynamik-Kompressionen, die heute noch oft genug den Radioklang bis zur Ungenießbarkeit verderben, nach und nach aufs Altenteil.

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