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St. Maarten in der Karibik : Letzte Landung am berühmtesten Flughafen der Welt

  • -Aktualisiert am

Goodbye, Blue Bird. Bild: Siebeck

Eine Insel verliert ihr Wahrzeichen: Der letzte Jumbojet landet auf St. Maarten. Mit dabei sind Fans aus aller Welt – und unwissende Touristen, die eine böse Überraschung erleben.

          5 Min.

          Wenn Carlo Loftus an den Strand geht, dann nur mit Handschuhen und Schutzbrille. Nicht, weil er die Sonne nicht verträgt – sie ist gerade bei einem kühlen Bier ganz wunderbar. Nein, weil hier, am Flughafen von St. Maarten, einer Insel kleiner als Sylt, ein rauher Wind gehen kann.

          In St. Maarten liegt der wohl berühmteste Flughafen der Welt. Oder der berühmteste Strand – wie man es nimmt. Die Landebahn des Karibik-Flughafens ist mit 2300 Metern sehr kurz, die Flugzeuge unverhältnismäßig groß, das längste misst 71 Meter, die Boeing 747 von KLM.

          Vorruhestand am Maho Beach

          Sie ist der größte aller Gründe, warum Maho Beach, dieser schmale Sandstreifen zwischen Flughafen und Atlantik, Flugzeugenthusiasten aus aller Welt anzieht. Für Carlo Loftus ist es der ideale Ort für seinen Vorruhestand. Er klappt seinen Campingstuhl auf und rammt seinen Lacrosse-Schläger, an dem er eine kanadische Flagge befestigt hat, in den Sand. Kanadisches Lokalkolorit hat der Karibik noch nie geschadet. Seine Frau ist zuhause in Toronto, aber die ist auch noch nicht im Ruhestand.

          Linkerhand des Flughafens haben sie sich ein Apartment gekauft, auf dessen Balkon Loftus eine Aussichtsplattform eingerichtet hat. Alle paar Monate kommt er her, es ist schon das vierte Mal in diesem Jahr, weil er dabei sein möchte, wenn sein Liebling das letzte mal auf St. Maarten landet. Die Boeing 747 der KLM ist das Highlight der sogenannten Spotter, dreimal die Woche kommt sie aus Amsterdam, die Bilder, auf denen die 200 Tonnen schwere „Königin der Lüfte“ wenige Meter über die Köpfe der Menschen hinweg zieht, hat jeder schon gesehen.

          Winken, wenn die Maschine kommt

          Die 747 war das Wahrzeichen der Insel, wenngleich ein volatiles – früher oder später musste sie verschwinden, so geht der Lauf der Zeit. Bis vor kurzem flog auch die Air France noch mit einem Jumbo her, seit kurzem hat sie das Gerät auf einen Airbus 340 umgestellt. „Piece of shit“, sagt Carlo Loftus.

          Die Landebahn des Princess Juliana International Airport liegt direkt am Strand und ist sehr kurz. Die Flugzeuge sind dafür umso größer. Bilderstrecke

          Christine Taylor ist eigens aus einem kleinen Ort in der Mitte Englands angereist, um dabei zu sein. Sie war Lohnbuchhalterin, aber für Flugzeuge hat sie sich immer interessiert. Als die Concorde 1976 in die Lüfte aufstieg, stand sie am Boden und schaute gen Himmel. Jetzt tut sie es wieder. Immer wenn eine Maschine kommt, unterbricht sie kurz das Gespräch. Sie steht dann da und winkt; sie weiß, wann sie kommen und gehen, sie ruft „hello, yellow bird“, und „goodbye, blue bird“, und sie tut es von morgens bis abends.

          Jeden Morgen an den Strand

          St. Maarten hat mehr als 60.000 Flugbewegungen im Jahr, das sind im Schnitt 164 am Tag. Seit fünf Jahren kommt sie regelmäßig nach St. Maarten. Im Frühjahr, im Sommer und im Herbst, immer für neun Tage, denn sieben sind zu wenig, da sieht man nichts, neun sind gut, denn nach neun setzt einem die Hitze zu. Sie nimmt sich dann ein billiges Hotel hinter dem Flughafen, und fährt jeden Morgen mit dem Bus zum Strand. Dort grüßt sie Carlo Loftus, der schon auf seinem Campingstuhl sitzt. In ihrer Tasche hat sie Wegzehrung und Wasser. In einer Bauchtasche trägt sie Pass und Bordkarte mit sich. „Die hebe ich immer auf, seit ich einmal fast nicht zurückfliegen durfte, weil die sagten, ich sei in Europa gar nicht losgeflogen.“

          Als am Horizont die 747 auftaucht, jubeln die Menschen, ein Mann wischt sich eine Träne aus dem Auge. „Fucking awesome!“, ruft Loftus. „That’s the only French I know.“ Am Strand verteilen KLM-Mitarbeiter T-Shirts und Mützen. Bislang fliegt KLM von Amsterdam nach St. Maarten und anschließend nach Curacao weiter, bevor es auf den Rückweg geht. Ein Airbus 330 wird die 747 hier ersetzen, dann ohne Zwischenstopp in Curacao, der die Passagiere bislang fast vier Stunden gekostet hat.

          Den Moment genießen

          „It’s sad, isn’t it“, sagt Christine, sie seufzt: „An Airbus! But probably still blue.“ „Genießen wir das, solange wir können“, sagt Carlo. „Irgendwas passiert hier. Die werden den Flughafen dicht machen, es gibt ja noch einen anderen auf der Insel, gerade, wenn die Flugzeuge immer kleiner werden. Der Abschiedsflug der KLM wird ihnen eine gute Entschuldigung dafür geben.“ Er trinkt sein Bier. „Ich hoffe, dass ich Unrecht habe“, sagt er, und nach einer Pause: „Leider habe ich immer Recht.“

          In zwei Dingen sind sich Christine und Carlo sehr ähnlich. Sie machen keine Fotos, denn sie genießen den Moment, und atmen den Duft der Freiheit, die feine Nuance im Kerosin. Und sie klagen ihr Leid mit den Kreuzfahrttouristen. Seit zwei, drei Jahren kommen die Leute von den Schiffen herunter, seitdem ist es vorbei mit der Ruhe an Maho Beach. Manchmal, klagt Carlo, sei der Strand so voll, dass man keinen Schritt vor den anderen tun könne.

          Aufklärung am Strand

          Und dann die Amerikaner! „Sie sind laut und tollpatschig. Aber sie meinen es ja nur gut.“ Obwohl auf der Leitplanke, die die Straße entlang des Flughafens säumt, in großen Lettern „Danger! Jet Blast!“ aufgeschrieben ist, verstehen viele Neuankömmlinge das nicht. „It’s gonna be a blast“ ist ja durchaus positiv besetzt. Wenn ein großes Flugzeug zur Startposition rollt, und die Männer am Zaun hängen und Fotos machen, patroulliert Christine am Strand und leistet Aufklärung. „Packt lieber eure Sachen zusammen, gleich wird es windig“, sagt sie. Sie jedenfalls würde ihr Handtuch nicht auf den Strand legen. Sie hat auch gar keins. Kein großes zumindest, nur ein kleines für den Nacken, wie der Japaner, wenn er auf Reisen ist.

          Denn wo das Meer zur einen Seite ist, sind Berge zur anderen. Die Flugzeuge müssen auf voller Leistung laufen, um nach dem Abheben in einem Winkel knapp vor Strömungsabriss schnellstmöglich seitlich abzudrehen. Wer nicht auf Christine hört, wird, kaum aufgerafft, um einen Blick auf das abfliegende Flugzeug zu werfen, von einem brennend heißen Sandstrahl samt all der Habseligkeiten ins Wasser geblasen.

          Durch die Luft wirbeln

          Der Kellner einer Strandbar erzählt, neulich sei einer polnischen Touristin das Bikini-Oberteil weggepustet worden. Ein guter Tag am Maho Beach ist ein Fest der Schadenfreude. Carlo Loftus ärgert sich dennoch über die zunehmende Ignoranz. „Da saß letzte Woche eine Familie mit Kleinkindern. Die wollten nicht gehen. Also habe ich einfach ihren Kinderwagen weggenommen, sie kamen dann von allein hinterher.“ Wenn der KLM-Flug mit dem A330 geht, werden sie nicht mehr am Zaun stehen und sich anpusten lassen. Die Triebwerke des Flugzeugs sind zu schwach, um es über die Berge zu holen. Der Airbus muss in Richtung des Meeres starten.

          Christine geht immer zur Seite, wenn ein Flugzeug kommt. Früher hatte sie einen Sonnenhut, der wurde irgendwann weggepustet. Die Mütze, die sie jetzt trägt, hat sie auf einem Parkplatz in England gefunden und gut gewaschen. Sie verdeckt fast vollständig ihre Haare. „Wenn der Sand in meine Haare kommt, stehe ich am Abend sonst 30 Minuten unter der Dusche.“ „Am schlimmsten sind die Jungs von Insel Air“, sagt sie, einer Regionalfluggesellschaft, „die stehen manchmal eine ganze Minute mit angezogenen Bremsen am Zaun und wirbeln alles durch die Luft.“

          „Bye, Insel Air“

          Als eine Insel-Air-Maschine kommt, winkt Christine kurz, sagt „Bye, Insel Air“, dann bringt sie sich in Sicherheit. Der Kopilot hat das Fenster geöffnet, die Hand zur Faust geballt, er reckt die Zunge hinaus und bewegt Kopf und Faust, als spiele er auf einem Rockkonzert vor tausend Leuten. Die Nachricht ist unmissverständlich. Die MD-82 rollt so nah an den Zaun heran, dass Leitwerk und Turbinen erst kurz dahinter endet. Ein Sandsturm zieht über Maho Beach, Leute brechen zusammen, halten sich die Hände vors Gesicht, manche schreien, was im Lärm der Turbinen untergeht, sie fliehen sich ins Wasser, das vom Sand zurückgepeitscht wird.

          Gestandenen Männern zieht es den Boden unter den Füßen weg, sie hängen am Zaun wie frische Wäsche im Wind. „Eins ist sicher: das mache ich nicht nochmal in meinem Leben“, sagt ein Mann, als er sich vom Boden aufrappelt. Als er sich den Sand aus dem Gesicht wischt, sieht er aus wie ein frisch paniertes Schnitzel. Carlo Loftus lacht. Wenn er an den Strand geht, dann nur mit Handschuhen und Schutzbrille.

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