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St. Maarten in der Karibik : Letzte Landung am berühmtesten Flughafen der Welt

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In zwei Dingen sind sich Christine und Carlo sehr ähnlich. Sie machen keine Fotos, denn sie genießen den Moment, und atmen den Duft der Freiheit, die feine Nuance im Kerosin. Und sie klagen ihr Leid mit den Kreuzfahrttouristen. Seit zwei, drei Jahren kommen die Leute von den Schiffen herunter, seitdem ist es vorbei mit der Ruhe an Maho Beach. Manchmal, klagt Carlo, sei der Strand so voll, dass man keinen Schritt vor den anderen tun könne.

Aufklärung am Strand

Und dann die Amerikaner! „Sie sind laut und tollpatschig. Aber sie meinen es ja nur gut.“ Obwohl auf der Leitplanke, die die Straße entlang des Flughafens säumt, in großen Lettern „Danger! Jet Blast!“ aufgeschrieben ist, verstehen viele Neuankömmlinge das nicht. „It’s gonna be a blast“ ist ja durchaus positiv besetzt. Wenn ein großes Flugzeug zur Startposition rollt, und die Männer am Zaun hängen und Fotos machen, patroulliert Christine am Strand und leistet Aufklärung. „Packt lieber eure Sachen zusammen, gleich wird es windig“, sagt sie. Sie jedenfalls würde ihr Handtuch nicht auf den Strand legen. Sie hat auch gar keins. Kein großes zumindest, nur ein kleines für den Nacken, wie der Japaner, wenn er auf Reisen ist.

Denn wo das Meer zur einen Seite ist, sind Berge zur anderen. Die Flugzeuge müssen auf voller Leistung laufen, um nach dem Abheben in einem Winkel knapp vor Strömungsabriss schnellstmöglich seitlich abzudrehen. Wer nicht auf Christine hört, wird, kaum aufgerafft, um einen Blick auf das abfliegende Flugzeug zu werfen, von einem brennend heißen Sandstrahl samt all der Habseligkeiten ins Wasser geblasen.

Durch die Luft wirbeln

Der Kellner einer Strandbar erzählt, neulich sei einer polnischen Touristin das Bikini-Oberteil weggepustet worden. Ein guter Tag am Maho Beach ist ein Fest der Schadenfreude. Carlo Loftus ärgert sich dennoch über die zunehmende Ignoranz. „Da saß letzte Woche eine Familie mit Kleinkindern. Die wollten nicht gehen. Also habe ich einfach ihren Kinderwagen weggenommen, sie kamen dann von allein hinterher.“ Wenn der KLM-Flug mit dem A330 geht, werden sie nicht mehr am Zaun stehen und sich anpusten lassen. Die Triebwerke des Flugzeugs sind zu schwach, um es über die Berge zu holen. Der Airbus muss in Richtung des Meeres starten.

Christine geht immer zur Seite, wenn ein Flugzeug kommt. Früher hatte sie einen Sonnenhut, der wurde irgendwann weggepustet. Die Mütze, die sie jetzt trägt, hat sie auf einem Parkplatz in England gefunden und gut gewaschen. Sie verdeckt fast vollständig ihre Haare. „Wenn der Sand in meine Haare kommt, stehe ich am Abend sonst 30 Minuten unter der Dusche.“ „Am schlimmsten sind die Jungs von Insel Air“, sagt sie, einer Regionalfluggesellschaft, „die stehen manchmal eine ganze Minute mit angezogenen Bremsen am Zaun und wirbeln alles durch die Luft.“

„Bye, Insel Air“

Als eine Insel-Air-Maschine kommt, winkt Christine kurz, sagt „Bye, Insel Air“, dann bringt sie sich in Sicherheit. Der Kopilot hat das Fenster geöffnet, die Hand zur Faust geballt, er reckt die Zunge hinaus und bewegt Kopf und Faust, als spiele er auf einem Rockkonzert vor tausend Leuten. Die Nachricht ist unmissverständlich. Die MD-82 rollt so nah an den Zaun heran, dass Leitwerk und Turbinen erst kurz dahinter endet. Ein Sandsturm zieht über Maho Beach, Leute brechen zusammen, halten sich die Hände vors Gesicht, manche schreien, was im Lärm der Turbinen untergeht, sie fliehen sich ins Wasser, das vom Sand zurückgepeitscht wird.

Gestandenen Männern zieht es den Boden unter den Füßen weg, sie hängen am Zaun wie frische Wäsche im Wind. „Eins ist sicher: das mache ich nicht nochmal in meinem Leben“, sagt ein Mann, als er sich vom Boden aufrappelt. Als er sich den Sand aus dem Gesicht wischt, sieht er aus wie ein frisch paniertes Schnitzel. Carlo Loftus lacht. Wenn er an den Strand geht, dann nur mit Handschuhen und Schutzbrille.

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