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Unterhaltungselektronik : Grundig ist wieder da

Zurück auf der IFA: Grundig-Stand in Berlin Bild: picture alliance / Hans Joachim

Vor neun Jahren lag die einstige deutsche Industrie-Ikone in Trümmern. Heute sei Grundig „zurück in der Tabellenspitze“, sagt das Management. Das ist übertrieben. Aber nur ein bisschen.

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          Als Mitarbeiter eines Installateurs durfte Max Grundig 1926 die Funkausstellung in Berlin besuchen. Die IFA hieß damals Große Deutsche Funkausstellung und ging in ihr drittes Jahr. Der Funkturm wurde gerade eingeweiht, und auf dem Messegelände, in der Halle 4, faszinierten Detektorradios und die ersten Röhrenempfänger ein Publikum, das schon seinerzeit in die Hunderttausende ging.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch den jungen Max Grundig - so sehr, dass er wusste: Das wird meine Zukunft. So jedenfalls erzählt es die Firmenlegende. Auch 2012 ist Grundig wieder auf der IFA vertreten, die am kommenden Freitag ihre Pforten öffnet. Das Unternehmen bietet noch immer Radios und Fernseher an. Und doch ist heute nichts mehr so, wie es einmal war.

          Zu seinen besten Zeiten war Grundig einer der Grundpfeiler der Deutschland AG, ein Synonym für „Made in Germany“, für Wiederaufbau, für unbändigen Unternehmergeist. Produkte wie der Radiobaukasten „Heinzelmann“, der „Satellit“-Weltempfänger oder das „Super-Color“-Fernsehgerät sorgen noch heute für leuchtende Augen unter Elektronikenthusiasten. Der Konzern beschäftigte in Deutschland an die 40000 Menschen.

          Aus „Made in Germany“ wurde „Made in Turkey“

          Zu seinen schlechtesten Zeiten war Grundig ein Trümmerhaufen wie Deutschland 1945. Das Ende zog sich über Jahrzehnte hin. Schon in den achtziger Jahren litt das Unternehmen wie die gesamte deutsche Unterhaltungselektronikindustrie unter der wachsenden japanischen Konkurrenz. 1989 starb der Gründer. 2003 ging der schon damals massiv verkleinerte Konzern in die Insolvenz und wurde aufgespalten.

          Heute versucht Grundig nach einer jahrelangen Durststrecke, die dem Zusammenbruch folgte, wieder an die guten alten Zeiten anzuknüpfen. Wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Die Grundig Intermedia GmbH, wie das Unternehmen heute heißt, gehört dem türkischen Koç-Konzern. Mit einem Umsatz von 32 Milliarden Euro und mehr als 80.000 Mitarbeitern auf der ganzen Welt vereint der größte Industrie- und Handelsmischkonzern der Türkei 9 Prozent des gesamten Exportvolumens des Landes auf sich.

          Die Grundig-Dimensionen sind bescheidener. Am fränkischen Stammsitz arbeiten gerade einmal 150 Beschäftigte in den Bereichen Vertrieb, Marketing, Design, Qualitäts- und Produktmanagement sowie Technik und Kundendienst. Produziert wird hier schon lange nicht mehr: Aus „Made in Germany“ ist „Made in Turkey“ geworden. In Istanbul steht eine Fernseherfabrik, die mit rund 1.500 Mitarbeitern zu den größten Europas gehört.

          Grundigs Absatz- und Zuwachszahlen beeindrucken

          Damit teilt die Traditionsmarke auf den ersten Blick das Schicksal der meisten deutschen Konsumelektronikhersteller. Das Unternehmen ist eigentlich tot, die billig aufgekaufte Marke lebt weiter - aber nur noch als Etikett, als Wiedergänger einstiger Herrlichkeit. Doch der Fall Grundig scheint anders gelagert zu sein. Möglicherweise ist es nur ein bisschen übertrieben, wenn der Vertriebsgeschäftsführer Horst Nikolaus heute sagt: „Grundig ist zurück in der Tabellenspitze.“

          Der 41 Jahre alte Manager, seit 1988 im Unternehmen tätig, kann auf eine „seit 2008 sehr positive Umsatzentwicklung“ verweisen. Schätzungen zufolge sollen die Erlöse derzeit im oberen dreistelligen Millionenbereich liegen. Konkret wird Nikolaus nur mit Absatz- und Zuwachszahlen - wohl auch deshalb, weil sie beeindrucken. Im ersten Halbjahr 2012 gab es demnach ein Umsatzwachstum von 114Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum. Für Uhrenradios, tragbare Radios und Weltempfänger sei man Marktführer in Deutschland mit Anteilsquoten zwischen 19 und 24 Prozent.

          Im TV-Bereich, den das Management als „Herzstück“ des Unternehmens betrachtet, belegt Grundig mit seinen verkauften LCD/LED-TV-Geräten nach Samsung und Philips den dritten Platz. Mit einem Plus von 142 Prozent im Halbjahresvergleich sei Grundig in diesem Bereich die Marke mit dem stärksten Absatzwachstum in Deutschland, konstatiert Nikolaus. Für 2012 peilt er einen Verkauf von einer Million Geräten an. Das wäre ein Zehntel des prognostizierten Gesamtvolumens. Daneben will Grundig 1,3 Millionen Elektro-Kleingeräte wie Kaffeemaschinen und Wasserkocher sowie mehr als eine Million Audio-Geräte wie MP3-Player und Radios verkaufen.

          Umfangreiche Marketingaktionen unterstützen die ehrgeizigen Ziele. Seit Juli 2011 kann sich Grundig erster „offizieller Technologie-Partner der Bundesliga“ nennen. Auch für die laufende Saison darf das Unternehmen sein Logo im Rahmen der Berichterstattung prominent zeigen. Mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL) läuft eine weitreichende internationale Kooperation.

          Eine Strategie, die aufzugehen scheint

          Unter anderem präsentiert Grundig die Höhepunkte der Bundesligaspiele im Unterhaltungsprogramm der Lufthansa. „Dank der Partnerschaft mit der Bundesliga sind wir in unserer Kernzielgruppe viel präsenter“, sagt Markenmanager Christian Struck. Der DFL-Geschäftsführer Jörg Daubitzer sekundiert: „Grundig steht weltweit für Qualität und wird überall wiedererkannt. Das passt sehr gut zur Marke Bundesliga.“

          Tatsächlich hat der türkische Koç-Konzern seinen Einkauf nicht zu einem Billiganbieter degradiert. Nikolaus spricht einerseits von einer A-Marke mit einem Bekanntheitsgrad von mehr als 90 Prozent, andererseits von Grundig als einer „Marke der Mitte“ - und setzt damit auf ein Segment, das Branchenfachleute schon öfter totgesagt haben. Für Fachhändler will das Unternehmen ein interessanter Hersteller sein, unter anderem durch ein speziell für sie entwickeltes Produktprogramm.

          Die Strategie geht offenbar auf: 2012 wurde Grundig zum zweiten Mal zur „Fachhandelsmarke des Jahres“ gewählt. Zur IFA wartet das Unternehmen nun mit 90 neuen Produkten auf, eines davon ist der „Bundesliga-Fernseher“: Er soll dank eines zusätzlichen Prozessors die Bildqualität von schnell bewegten Szenen erhöhen. Auch an die glorreiche Vergangenheit wird erinnert: Ein Radio im Retro-Holzdesign soll seine Wurzeln im „Heinzelmann“ haben, Max Grundigs legendärem ersten Empfangsgerät.

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