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Philips auf der IFA : Ein Einspritzmotor als Vorbild für die Zahnreinigung

Ein Gerät, das fast überall funktioniert: Der fettlose Frittierer ist in vielen Ländern erfolgreich Bild: Getty Images

Plattformkonzept für Kochgeräte, Motorentechnik in der Mundhygiene: Im Segment „Consumer Lifestyle“ wächst Philips zweistellig.

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          Nach der Abtrennung der Fernsehsparte gehören Produkte für Gesundheitsvorsorge und Wohlbefinden zu den wichtigsten Geschäftsbereichen des Konsumgüterherstellers Philips. Hier will der niederländische Konzern seine Marktposition in den nächsten Jahren noch weiter ausbauen. Das kündigte Vorstandsmitglied Pieter Nota in einem Gespräch mit dieser Zeitung am Rande der Internationalen Funkausstellung in Berlin an. Schon jetzt sei man „sehr erfolgreich unterwegs“, sagte Nota, der bis 2010 unter anderem Mitglied der Geschäftsleitung von Unilever Deutschland und Konzernvorstand bei Beiersdorf war. Im zweiten Quartal erreichte die von dem Niederländer verantwortete Sparte „Consumer Lifestyle“ ein globales Wachstum von 13 Prozent. „Es ist das vierte Quartal in Folge gewesen, in dem wir zweistellig gewachsen sind. Das ist für ein weltweites Geschäft dieser Größe ziemlich ordentlich“, sagte Nota.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Den vor zweieinhalb Jahren angestoßenen Umbau des Unternehmens bewertete der Manager positiv. Damals hatte das Programm unter dem Titel „Accelerate“ Zweifel geweckt, ob der Mischkonzern tatsächlich so sehr beschleunigen kann. Kritisiert wurden insbesondere der mangelnde Fokus und die unklare Ausrichtung. Jetzt zog Nota ein positives Fazit: „Wir sind agiler und unternehmerischer geworden.“ Man verfüge inzwischen über ein ausgeklügeltes System sogenannter Business Market Combinations - Geschäftssektoren wie Rasierer in Deutschland, Mundpflege in Nordamerika oder Küchengeräte in China. Rund 120 solcher Bereiche seien definiert worden. „Die planen wir alle einzeln, mit teilweise regionaler Produktentwicklung. Damit sind wir viel näher am Markt.“ Gerne führt Nota als Beispiel die Küchengerätesparte an, schließlich gelte hier der Grundsatz: Essen ist eine stark regionale Angelegenheit. Und so gebe es vier Entwicklungszentren auf der ganzen Welt: in Brasilien, Europa, Indien und China.

          Unterschiedliches Produktangebot für unterschiedliche Bedürfnisse

          Das bedeutet nicht, dass jede Region völlig unabhängig für sich arbeitet. Ähnlich wie die Autoindustrie setzt Philips auf ein Plattformkonzept. Nota erklärt das am Beispiel von Küchenmaschinen. In China habe Philips vor zwei Jahren einen Sojamilchbereiter auf den Markt gebracht, der aus rohen Bohnen Sojamilch produzieren kann. Das machten die Chinesen gerne selbst, weil sie wegen der Inhaltsstoffe sichergehen wollten. Wo in China mit dem Gerät Sojabohnen zerkleinert werden, stellen Kunden woanders mit einem ähnlichen Gerät ganz andere regionale Speisen her: „Die Plattform haben wir dann in Frankreich genutzt, um dort ein Suppengerät auf den Markt zu bringen. Es hat eine andere Software und ein anderes Design, aber die Grundplattform ist die gleiche.“

          Auf unterschiedliche Bedürfnisse reagiert Philips entsprechend mit einem unterschiedlichen Produktangebot. In China, wo der Konzern den Rasierermarkt anführt, offeriert man auch die teuren Topgeräte mit drei Scherklingen. Daneben finden sich spezielle Angebote für nicht so Wohlhabende. Weil chinesische Bärte ohnehin weniger stark wachsen als europäische, gibt es dort Modelle mit zwei statt mit drei Klingen und schwächeren Motoren. Die bietet Philips dann auch billiger an. „Wir decken da also den ganzen Markt ab, vom höchsten Preissegment bis ganz unten“, resümiert Nota.

          „Wir wollen auch neue Bereiche erschließen“

          China bleibt wie für andere Konzerne der Markt der Zukunft, auch wenn die früheren Wachstumsraten nicht mehr erreicht werden. Nota hofft auf die aufstrebende Mittelschicht im Reich der Mitte. „Die hat zunehmend Interesse an Haushaltsgeräten, Küchengeräten, Rasierern. Da sehen wir großes Potential für die nächsten Jahre.“ Und es soll nicht beim traditionellen Produktsegment bleiben. „Wir wollen auch neue Bereiche erschließen.“ Auf der IFA hat Philips unter anderem einen „Air-Purifier“ vorgestellt - ein Gerät, um die Luftqualität in Innenräumen zu verbessern. „In großen Städten wie Schanghai, New York oder Berlin ist es zunehmend wichtig, dass Verbraucher die Luftqualität selbst bestimmen“, sagt Nota. Der Luftreiniger lässt sich sogar ans Internet anschließen, über W-Lan steuern, und der Besitzer kann bei Bedarf das Gerät mit dem Smartphone steuern.

          Damit bedient Philips einen der großen Trends der diesjährigen IFA - das Stichwort heißt Vernetzung. Immer mehr Hausgeräte gehen online. Im Portfolio des Konzerns finden sich Produkte, von denen man nicht unbedingt eine vernetzte Version erwarten würde - Kaffeemaschinen etwa oder Kochgeräte. Da heißt es nur noch: Rezept aus dem Internet laden, und das Gerät weiß, wie das Gericht zubereitet wird. „Es kann selbst rühren, erhitzen, die Zeit managen. Man braucht nur die richtigen Zutaten rein zu tun“, sagt Nota. Ist das für Köche nun ein Traum oder ein Albtraum? Zumindest scheinen dem Unternehmen und der Branche die Ideen nicht auszugehen. Barttrimmer mit Laserunterstützung, die auf die Haut eine rote Linie zeichnen, mit der sich dann messerscharf der Dreitagebart in Form bringen lässt. Oder der Mundraumreiniger „Airfloss“, der eine Wolke von Luft- und Wassertropfen mit Druck zwischen die Zähne schießt. „Die Autoindustrie inspirierte uns zu dieser Sprühtechnik. Es ist das gleiche Prinzip wie in Common-Rail-Einspritzmotoren.“

          In der Finanzbranche scheint das anzukommen. Die Investmentbank Morgan Stanley hat das Kursziel für Philips angehoben. Der bevorstehende Kapitalmarkttag im September könnte zum Kurstreiber werden, schreibt Analyst Ben Uglow in einer Studie. Die Konsensschätzungen für den Gewinn je Aktie 2014 könnten sich als zu niedrig erweisen. Ob es am Suppenkocher, Mundraumreiniger oder Barttrimmer liegt, hat Uglow nicht verraten.

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