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Kopfhörer auf der IFA : Hört auf mit der dumpfen Dröhnung!

Unterschiedlicher können Kopfhörer kaum sein: Custom One Pro von Beyerdynamic und Harman Kardon BT Bild: Hersteller

Der Trend zum ohrumschließenden, geschlossenen Kopfhörer für den Einsatz unterwegs ist auf der IFA nicht zu übersehen. FAZ.NET hat sich Modelle von Beyerdynamic und Harman Kardon vorab angehört.

          Eigentlich ist der Kauf eines geschlossenen Kopfhörers ein risikoloses Spiel - wenn man sich an die Regeln hält. Etablierte Unternehmen wie Sennheiser, AKG oder Beyerdynamic pflegen bewusst ihr eigenes Klangbild. Wer weiß, wie er Musik gern hört, setzt auf seine Favoriten und ist auf der sicheren Seite.

          Die beiden Modelle Harman Kardon BT (249 Euro) und Beyerdynamic Custom One Pro (199 Euro) bringen die Ordnung plötzlich durcheinander. Auf einmal bedient sich Harman Kardon des Know-hows von AKG - die Harman-Gruppe ist seit knapp 20 Jahren im Besitz des Traditionsunternehmens -, um sein eigenes Ding zu machen. Und Beyerdynamic überrascht mit dem Custom One Pro, dessen auffälligstes technisches Merkmal dazu dient, über dem Hörer ein „Bassgewitter ungeahnten Ausmaßes“ aufziehen zu lassen, obwohl der Vorzug der Produkte aus Heilbronn gerade in der leisen Zurückhaltung im Tieftonbereich liegt.

          Schauen wir uns zunächst den Erstling an. Aussehen und Verarbeitung des Kopfhörers deuten schon darauf hin, dass die Harman-Gruppe AKG keine Konkurrenz machen will: Der Harman Kardon BT spricht mit seiner auffällig feinen Eleganz weniger audiophile Fanatiker an als vielmehr Gelegenheitshörer, die schicken Haarschmuck suchen. Der ohrumschließende Kopfhörer sitzt wegen des zarten Leders und weichen Kunststoffs äußerst angenehm. Den Bügel können Dickköpfe gegen eine beiliegende XL-Version austauschen.

          Harman Kardon BT: Für 249 Euro gibts sehr gelungenes Design und leider stets zu dumpfen Klang

          Kabelhasser stellen einfach auf Bluetooth-Betrieb um. Harman Kardon setzt der üblichen Meckerei über die Klangeinbußen dieses Übertragungsstandards den Audio-Codec aptX entgegen. Dadurch wandern Dateien bis zu einer Datenrate von 352 Kilobit je Sekunde verlustfrei vom Smartphone zum Kopfhörer. Das ist allerdings momentan noch häufig Theorie, weil nur wenige Smartphones aptX unterstützen.

          Harman Kardon hat in Sachen Design, Verarbeitung und Hybrid-Bauweise fast alles richtig gemacht. Einen Nebeneffekt haben die Ingenieure nicht bedacht: Der Rahmen aus „sandgestrahltem Stahl“ überträgt ebenso wie das Kabel durch Wind oder Berührung entstehende Geräusche erkennbar auf die Ohren. Das stört. Mit dem Klang haben die Ingenieure danebengegriffen. Der BT klingt stets zu dumpf, die Bässe übertönen meist den Mittenbereich, so dass Stimmen häufig in den Hintergrund gedrängt werden. Der Klang wird nicht hinreichend aufgelöst, manche Instrumente verschwinden nahezu. Harman Kardon wird sich vermutlich damit verteidigen, dass dies der Sound der Zeit sei. Viele bassverliebte Ingenieure ziehen in der Tat eine Generation an Hörern heran, die hämmernde Beats und dröhnende Bässe als normal empfindet.

          Womit wir beim Custom Pro One von Beyerdynamic wären. Eigentlich müsste man den Heilbronnern eins hinter die Ohren geben. Seit Jahren stemmt sich das Unternehmen erfolgreich gegen den Trend der dominanten tiefen Töne mit seinen fein auflösenden und harmonisch klingenden Kopfhörern. Und nun kommt so was: ein Kopfhörer mit einem „Sound Slider“. Mit einem kleinen Hebel an jeder Muschel lässt sich während des Hörens in vier Stufen Bass zuschalten. Die Verstärkung funktioniert rein akustisch. Bei jeder Stufe gibt der Schieber ein weiteres kleines Loch frei, sodass die Luft im Innenraum der geschlossenen Muschel mehr zirkuliert. Dadurch erhöht sich der Spielraum der Membran und sie kann stärker vibrieren. Das macht dann mehr Wums.

          Custom One Pro von Beyerdynamic: Für 199 Euro bekommt man unter anderem einen „Sound Slider“, der Bass in fünf Stufen zuführt

          „Vom analytischen Sound zum Beat-Monster“ entwickele sich der Custom One Pro durch die Basszufuhr, wirbt Beyerdynamic. Hören die Fans da richtig? Die Schalen lassen sich übrigens „nach eigenen Wünschen stylen“. Biedern sich die Heilbronner etwa einer neuen Zielgruppe an? Definitiv ja. Doch diese Offensive wird vermutlich wenig bringen, weil die Jugendlichen wohl weiterhin die überteuerten und klanglich verfärbten Modelle von Monster Beats kaufen, weil sie auf den Köpfen der Fußballspieler und Olympiaschwimmer durch die Kameras laufen. Wer soll den Custom One nun kaufen?

          Beyerdynamic-Fans, die auch Freunde der gepflegten Dröhnung sind. Der Kopfhörer erreicht nicht ganz das sonst sehr hohe Niveau der Marke. Doch im Gegensatz zu Harman Kardon hat Beyerdynamic es geschafft, das Klangbild - gerade in der dritten Stufe - mit ordentlich Bass anzureichern, ohne dass der Rest im Spektrum untergeht. Die Höhen sind nicht so differenziert wie bei den üblichen Referenzgeräten. Doch der Sound bleibt harmonisch. Das „Bassgewitter“ in der vierten Stufe ist etwas für bleiche Kellerkinder, die sich gern noch morgens im Club vor der Sonne verstecken.

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