https://www.faz.net/-gy9-72iqd

IFA 2012 : Vernetzte Geschäfte

„Smartization“ heißt das Stichwort auf der IFA, nach den Smartphones kommen nun die Smart-TVs Bild: dapd

Die Vernetzung steht im Mittelpunkt der IFA 2012, alles läuft über das Internet. Doch einen Standard gibt es nicht, jeder Hersteller versucht es mit einem eigenen System.

          Die IFA platzt aus allen Nähten. Zum dritten Mal in Folge sind die Hallen am Berliner Funkturm komplett ausgebucht. Die Rekordmeldungen der Messegesellschaft kontrastieren mit den sonstigen Nachrichten aus der Branche. Die Schuldenkrise in Europa hinterlässt ihre Spuren in den Unternehmensbilanzen. In den sechs großen westeuropäischen Märkten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande und Spanien haben die Verbraucher im ersten Halbjahr deutlich weniger Geld für Unterhaltungselektronik ausgegeben. Der Umsatz liegt um 10 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Einzig die Deutschen kaufen und kaufen. Hierzulande registrierte der Handel ein Umsatzplus von 8,5 Prozent. In Deutschland werden 2012 so viele Fernseher abgesetzt wie noch nie. Schätzungen zufolge sollen es erstmals mehr als 10 Millionen Geräte sein. Nicht nur Fußball und Olympia treiben die Nachfrage. Es sind auch neue Technologien wie dreidimensionales Fernsehen und der Internet-Fernseher, die die Konsumenten faszinieren.

          „Smartization“

          Jedes zweite Gerät ist in diesen Tagen ein sogenannter Smart-TV. Mit dieser Wortschöpfung hat die Industrie die Entwicklung aus dem Handybereich, wo das internetfähige Mobiltelefon Smartphone genannt wird, in die Fernsehwelt transferiert. Und damit nicht genug. Enthusiastische Branchenvertreter sprechen sich von einer „Smartization“. Der Begriff ist zwar sprachlich alles andere als schön. In der Sache verbindet sich mit ihm aber eine Revolution in den Geschäftsmodellen von Unterhaltungselektronik-, IT- und Telekommunikationsunternehmen. Denn die damit beschriebene Anbindung von Geräten an das Netz bringt Branchen zusammen, die bisher getrennt waren. Sie macht Unternehmen zu Konkurrenten, die sich bislang nicht ins Gehege kamen. Sie eröffnet neue Geschäftschancen und bestraft Firmen, die das alles nicht schnell genug erkannt haben.

          Als erstes traf es die Handyhersteller. Das prominenteste Beispiel ist der einstige Weltmarktführer Nokia. Der finnische Konzern verdankte seinen Aufstieg in den neunziger Jahren seinen guten Produkten. Mit ihnen konnte man wunderbar telefonieren. Doch in der von Apple angestoßenen Smartphone-Ära ist es nicht mehr alleine die Hardware, die zählt. Im Zeitalter der App-Stores muss das Gesamtpaket stimmen. Kein Geschäft mehr ohne ein umfangreiches Angebot an Anwendungen.

          Nokia hat diese Entwicklung verschlafen und sich auf dem Erfolg der Vergangenheit ausgeruht. Heute suchen die Finnen unter Leitung eines früheren Microsoft-Managers ihr Heil in einer umfassenden Kooperation mit Microsoft. Früher hätte es einen Aufschrei gegeben und Monopolrufe wären laut geworden, hätten sich der größte Softwarehersteller der Welt und der Handy-Weltmarktführer auf diese Weise zusammengetan. Heute wird der Zusammenarbeit eher mitleidsvoll viel Glück gewünscht. Schließlich hat Microsoft selbst das mobile Internet lange vernachlässigt und steckt nun in der Defensive.

          Die wirkliche Marktmacht sitzt nicht mehr in Redmond, sondern im Silicon Valley - in den Zentralen von Apple und Google. Beide Unternehmen geben nicht nur im Mobilfunk den Takt vor. Als nächstes versuchen sie den Fernsehmarkt aufzurollen. Apple wird seit längerem nachgesagt, an einem eigenen Fernseher zu arbeiten - das hat zumindest Gründer Steve Jobs seinen Leuten als Vermächtnis auf den Weg mitgegeben.

          Effizienz steht im Mittelpunkt

          Bisher existieren lediglich Set-Top-Boxen, also Fernseh-Zusatzgeräte. Trotzdem sehen die traditionellen TV-Hersteller ihr Geschäft bedroht. Darauf deuten nicht zuletzt Kooperationsbemühungen am Rande der IFA hin. Toshiba, LG und Philips wollen, wie kurz vor dem Messestart bekannt wurde, ein gemeinsames System entwickeln - mit dem Ziel, Zuschauern Videos, Musik und Spiele über das Internet auf dem Fernseher zu liefern. Das gibt es zwar schon heute. Aber jeder Hersteller kocht bislang sein eigenes Süppchen, ein Standard ist nicht in Sicht. Der aber wäre im Interesse der Kunden dringend nötig. Nutzer wollen sich nicht mit einem Dutzend Betriebssystemen anfreunden - eines allein ist im Zweifelsfall schon kompliziert genug.

          Selbst Haushaltsgerätehersteller kommen am Megathema Vernetzung nicht vorbei. Zwar sind einstige Szenarien wie der selbstbestellende Kühlschrank inzwischen weitgehend ad acta gelegt. Heute liegt der Fokus auf Effizienz. Im künftigen „Internet der Dinge“ sollen intelligente Waschmaschinen oder Geschirrspüler beispielsweise dann starten, wenn der Strom am günstigsten ist. Technisch haben sich die meisten Anbieter schon auf solchen Szenarien vorbereitet.

          Das Internet verändert also nicht nur unser aller Leben, sondern auch die Wirtschaft in einem umfassenderen Maß, als man das noch vor einem halben Jahrzehnt erwartet hätte. Wer sich heute als Unternehmen richtig aufstellt - sprich: über den eigenen Tellerrand hinausblickt -, der gewinnt. Alle anderen gehen unter. Diese Erkenntnis setzt sich auch in den übervollen IFA-Hallen immer mehr durch.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.