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Chipindustrie : Zukunftsbranche mit ungewisser Zukunft

Schöne Chips - wenig Investitionen Bild: AFP

Auftragseinbrüche, Umsatzrückgänge, Pleiten, Pech und Pannen: Von Sony bis Toshiba steckt die Chipindustrie tief in der Krise. In diesem Jahr werden nur drei Hersteller mehr als eine Milliarde Euro investieren - so wenig wie noch nie zuvor.

          3 Min.

          Da waren’s nur noch drei: Intel, Samsung und TSMC. Der Rest der Chipbranche bleibt draußen vor der Tür – von Sony bis zu Toshiba, von Infineon bis Texas Instruments und Hynix. Damit wird der „Club der Investitions-Milliardäre“ in der Halbleiterindustrie in diesem Jahr so klein sein wie noch nie. Kreditklemme und Weltwirtschaftskrise haben in die kapitalintensive und einstmals investitionsfreudige Branche ein riesiges schwarzes Loch gerissen.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach Auftragseinbrüchen, Umsatzrückgängen, Pleiten, Pech und Pannen, nach historisch einzigartig hohen Verlusten und düsteren Aussichten traten alle Hersteller hart auf die Kostenbremse. Sie schlossen Fabriken, strichen Stellen und kürzten Investitionsbudgets. Bis auf das führende Branchen-Trio arbeitet der Rest der Industrie dennoch tief im Verlust. Das zwingt zum Handeln. Waren es nach Angaben der Analysten von IC Insight 2007 noch 16 Unternehmen, die ihre Werke und Anlagen mit Milliardenbeträgen aufrüsteten, so halbierte sich diese Zahl während der ersten Etappe der Weltfinanzkrise im vergangenen Jahr. Je kleiner die Chips, desto größer die Probleme.

          So viel Geld wie nie zuvor

          Dabei hatten die Unternehmen vor zwei Jahren mit 61 Milliarden Dollar so viel Geld in ihre Fertigung gesteckt wie nie zuvor. Im vergangenen Jahr waren es allenfalls noch 43, in diesem Jahr werden es aller Wahrscheinlichkeit nach bestenfalls 11,5 Milliarden Dollar sein. Was 2010 sein wird, ist ungewiss. In den zurückliegenden Wochen scheint nach Angaben der Marktbeobachter von Gartner die Branche angesichts stabilisierter Umsatzzahlen von etwa 15 Milliarden Euro im Monat zwar an der Talsohle angekommen zu sein. Wie groß und lang dieses Tal ist, weiß niemand. Daher halten sich die Firmen mit detaillierten Prognosen spürbar zurück.

          Bild: F.A.Z.

          Die Vorstände sind vielmehr damit beschäftigt, die Angebotspaletten zu straffen, Schulden zu senken und die Eigenkapitalbasis zu festigen. Japans größter Chiphersteller Toshiba will in den kommenden Monaten 3 Milliarden Dollar aus seinem Kostenblock streichen und frisches Kapital in die Kasse holen. Die koreanische Hynix sowie die deutsche Infineon haben sich an dieser Front gerade mit einigem Erfolg verstärkt und Kapitalzuschüsse von jeweils Hunderten von Millionen Dollar erhalten. Damit könnten sie wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft blicken als noch im Frühjahr, sagt Sandeep Deshpande, Analyst von J.P. Morgan.

          Nur ein Weg aus der Krise

          Dagegen steht der deutsche Speicherchiphersteller Qimonda im Aus. Spansion ist vor den Forderungen seiner Gläubiger unter das Schutzdach des amerikanischen Insolvenzrechts geflüchtet. Kleinere Anbieter wie die kalifornische Nanochip warfen das Handtuch. Dort wird nicht mehr investiert, dort wird nur noch abgewickelt, werden Anlagen, Einrichtungen und Patente verkauft. Um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, sehen sich die Speicherchipfertiger aus Taiwan nun gezwungen, staatlich geförderte Pläne für den Zusammenschluss zu einem Großanbieter abzuspulen.

          Von Investitionen, wie sie im bisherigen Verlauf dieses Jahrzehnts üblich waren, ist allenfalls bei Intel, Samsung und TSMC die Rede. Es gebe nur einen Weg aus der Krise, sagte Paul Otellini, Vorstandschef von Intel: „Investitionen“. Intel plant, in diesem Jahr 4,7 Milliarden Dollar in neue Anlagen zu stecken. Dabei steht für den Branchenprimus das Geschäft mit Prozessoren, den Rechenhirnen der Computer, im Zentrum. Morris Chang, der starke Mann von TSMC, sieht das genauso. Der taiwanische Auftragsfertiger wird 2,3 Milliarden Dollar in seine Anlagen investieren. Der weltgrößte Speicherchiphersteller Samsung steckt dieses Jahr 4,5 Milliarden Dollar in sein Kerngeschäft.

          Zwei Milliarden Transistoren auf einem Chip

          Dabei stehen für die drei Großinvestoren nicht nur kleinere, feinere und leistungsfähigere Chips ganz oben auf der Agenda, sondern auch neue preiswertere Fertigungsmethoden. So arbeitet das Trio in der Entwicklung neuer Anlagen für Siliziumwafer mit einem Durchmesser von 450 Millimetern zusammen. Darüber hinaus entwickeln sie Chips mit Strukturgrößen jenseits der im Herbst von Intel erstmals auf die Märkte gebrachten 32 Nanometer – dem Bruchteil des Durchmessers eines Haares. Diese Kooperation wird ihnen einen technischen Vorsprung vor dem Rest der Branche verschaffen und Standards für die Herstellung setzen lassen.

          Diese sind wichtig, denn sie halten die Kosten in einer Industrie in Schach, deren Ausgaben für Bau und Ausstattung einer einzigen Fabrik so schnell wachsen wie in kaum einer anderen Branche. Laut IC Insights lagen die Kosten für eine Chip-Fabrik 1970 noch bei 6 Millionen Dollar, heute sind es bis zu 5 Milliarden Dollar. Dem steht die technische Entwicklung gegenüber. Ende der sechziger Jahre waren auf einem Chip 3000 Transistoren plaziert, heute sind es eine Milliarde. Bald könnten es zwei Milliarden sein. Diese Miniaturisierung aber hat ihren Preis, und den können nicht mehr alle Hersteller aus eigener Tasche zahlen.

          Gemeinsame Forschung, Entwicklung, Kommerzialisierung

          Um den Abstand zwischen der momentan wegweisenden Branchen-Troika von Intel, Samsung und TSMC und dem Rest der Industrie nicht zu groß werden zu lassen, hat sich der amerikanische High-Tech-Riese IBM von Japan bis Europa darangemacht, Hersteller um sich zu scharen, um gemeinsam Forschung, Entwicklung und deren Kommerzialisierung voranzutreiben. Damit können sie Entwicklungskosten und Kompetenzen teilen – und dem Club der drei Investitions-Milliardäre seine Exklusivität nehmen.

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