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Zulieferer auf der IAA : Die Summe aller Teile

  • -Aktualisiert am

Antriebseinheit des Mercedes S 500 Hybrid Bild: Boris Schmidt

Bis zu 70 Prozent des Gesamtwertes eines Autos stammen von Zulieferern. So findet sich auf der IAA die Automobiltechnik der Zukunft vor allem auf den Ständen der Lieferanten.

          Natürlich hatte Aristoteles recht. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Doch bis zu 70 Prozent des Gesamtwertes eines Autos stammen von Zulieferern. So findet sich auf der IAA die Automobiltechnik der Zukunft vor allem auf den Ständen der Lieferanten.

          Das gilt etwa für das 48-Volt-Bordnetz, das etwa von 2016 an das bisherige 12-Volt-Netz nicht ersetzen, sondern ergänzen wird. Die höhere Spannung ermöglicht, einen sehr kompakten und relativ kostengünstigen Hybridantrieb zu realisieren, der den Verbrennungsmotor beim Beschleunigen unterstützt. Bosch-Chef Volkmar Denner nennt für ein solches „Boost Recuperation“-System eine kurzzeitige Zusatzleistung von 10 kW. Es soll den Kraftstoffverbrauch im realen Fahrbetrieb um sieben Prozent senken, im Normzyklus sogar um bis zu 15 Prozent. Diesen Wert bestätigt Schaeffler. Der Elektroantrieb kann sogar in der Hinterachse verbaut werden, um gezielt zusätzliches Drehmoment auf ein einzelnes Rad zu bringen. Dadurch erhöht sich die Fahrstabilität bei hoher Kurvengeschwindigkeit.

          Als Energiespeicher kommt im 48-Volt-Bordnetz ein Lithium-Ionen-Akku zum Einsatz. Dessen Energiegehalt ist mit 250 Wattstunden zwar gering, aber verglichen mit einer Blei-Säure-Batterie kann deutlich mehr ansonsten verlorene Bremsenergie als Strom gespeichert werden. Johnson Controls arbeitet dabei nun mit prismatischen Zellen, die im Vergleich zu den derzeit meist verbauten Rundzellen deutlich Bauraum sparen.

          Thermoelektrischer Generator

          Energierückgewinnung ganz anderer Art ist Thema bei Tenneco, einem der größten Hersteller von Abgasanlagen. Mit einem thermoelektrischen Generator will man einen Teil der ungenutzt durch den Auspuff ins Freie gejagten Wärme nutzen, um Strom zu erzeugen. Anders als bei früheren und bislang gescheiterten Entwicklungen will man kleine Kartuschen direkt in den Abgasstrang einbauen, deren Material den Seebeck-Effekt nutzt: In einem elektrischen Leiter, dessen Enden unterschiedliche Temperaturen haben, wandern Elektronen vom heißen zum kalten Ende. Bis zu einem Kilowatt elektrischer Leistung soll so bereitgestellt werden, also etwa so viel, wie eine Heckscheibenheizung zieht.

          Auch konventionelle Antriebe mit Verbrennungsmotor werden immer effizienter. KSPG und Mahle als Teilelieferanten stellen dieses Jahr ihre kurz vor Serienanlauf stehenden Stahlkolben vor - eine Entwicklung, die bis zu vier Prozent Verbrauchsersparnis ermöglicht. Damit der Motor immer im idealen Betriebspunkt bleibt, sind Getriebe mit hoher Spreizung zwischen erstem und höchstem Gang erwünscht. Meister in dieser Disziplin ist das neue Neunganggetriebe von ZF, die Spreizung beträgt 9,8 zu eins. Konzipiert für Autos mit Frontantrieb soll es Stufenautomaten in niedrigere Fahrzeugklassen bringen. Getrag hält mit weiteren Entwicklungsstufen seines Doppelkupplungsgetriebes dagegen. Erstmals gezeigt wird eine einfache Version für Kompaktfahrzeuge mit Drehmomenten bis 170 Newtonmeter.

          Hohe Kosten von Karbon vermeiden

          Leichtere Autos sind ein Ziel der Branche, dabei will man die hohen Kosten von Karbon möglichst vermeiden. So zeigt der Ingenieurdienstleister Edag ein Karosserieblech in Sandwichbauweise, bei dem lediglich die Ober- und die Unterseite aus Kohlefaser bestehen. Dazwischen befindet sich ein hochfester Kunststoffschaum, der bereits vor dem „Ausbacken“ des Karbons in das Werkzeug eingebracht wird. Immerhin 40 Prozent Gewicht können so gespart werden.

          Die Ingenieure der Zulieferer arbeiten aber nicht nur an höherer Effizienz, sondern wollen auch die Sicherheit weiter steigern. Um Unfälle zu vermeiden, soll das Auto der Zukunft nicht nur die eigenen Sensoren nutzen, sondern auch die aller anderen Fahrzeuge in seiner Umgebung. Conti-Chef Elmar Degenhart glaubt allerdings nicht, dass die Automobilindustrie solche Lösungen allein entwickeln kann. „In einer Minute Stadtfahrt entsteht ein Datenvolumen von einem Gigabyte“, erläutert er. Die Mobilfunknetze brächen zusammen, wenn diese Daten an alle Verkehrsteilnehmer gesendet würden. Daher will Conti in einer zur Messe verkündeten Partnerschaft mit IBM eine Software-Plattform entwickeln, die mit Hilfe von „Big Data“-Analysen gezielt Fahrdaten auswertet.

          Neue Gefahren drohen Fußgängern, die lautlose Elektroautos nicht wahrnehmen. Abhilfe schaffen wollen mehrere Zulieferer mit Soundgeneratoren. Exemplarisch sei eine Entwicklung von Delphi genannt: Der größte amerikanische Zulieferer plaziert eine Einheit aus Lautsprecher und Signalprozessor direkt unter der Motorhaube. Faurecia, größtes französisches Unternehmen im Zuliefergeschäft, will hingegen das Geräusch schwachbrüstiger Motoren mit kleinem Hubraum verbessern und gleichzeitig den Lautstärkepegel senken. Dazu wird der Hauptschalldämpfer um etwa 50 Prozent verkleinert und durch einen Lautsprecher mit zirka 20 Zentimeter Durchmesser ergänzt.

          IAA-Besucher, die nach einem Blick auf das Ganze einen Blick auf die Teile werfen wollen, sollten sich in den Hallen 4.1 und 5.1 sowie an den Rändern der Halle 8 umtun.

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