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F.A.Z. exklusiv : VDA-Chef Bernhard Mattes tritt zurück

Kanzlerin Angela Merkel und VDA-Chef Bernhard Mattes am Donnerstag bei der Eröffnung der IAA Bild: EPA

Der Präsident des Verbands der Automobilindustrie, Bernhard Mattes, legt zum Jahresende sein Amt nieder. Im Verband und in der Branche rumort es seit Monaten wegen der schlechten Außendarstellung.

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          Über die hitzige Debatte in der Autobranche tritt der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie zurück. Bernhard Mattes wolle sich anderen Aufgaben widmen, hieß es offiziell. Tatsächlich dürfte er entnervt sein, ihm fehlt auch der Rückhalt entscheidender Mitglieder. Im Verband und in der Branche rumort es seit Monaten wegen der schlechten Außendarstellung. Allerdings fand sich unter den Herstellern auch keine einheitliche Linie, wie man auf die mannigfaltige Kritik reagieren solle. Weder bei den Themen Zukunft des Diesels oder mögliche Abgasmanipulationen noch in der großen Frage, wie mit Gegnern des Autos und der Klimaschutzdebatte umgegangen werden sollte, fand sich Einigkeit.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Als große Kritiker Mattes gelten die Hersteller Volkswagen und BMW, Daimler hatte ihn bis zuletzt eher gestützt. „Wir bedauern den Rücktritt, wir haben bis zuletzt gut mit ihm zusammengearbeitet“, sagte ein Daimler-Sprecher auf Anfrage. Dem Vernehmen nach ist die Entscheidung am Mittwochabend gefallen, während oder nachdem der Verband seinen Empfang anlässlich der IAA in Frankfurt auf einem Schiff am Main gab. Der Rücktritt kommt just an dem Tag, an dem die IAA in Frankfurt von Bundeskanzlerin Merkel eröffnet wurde. Über die Zukunft der IAA wird ebenso heftig spekuliert. Die Branche steht damit nun vor einem Scherbenhaufen.

          Das Netzwerken ist eigentlich seine größte Stärke

          Eigentlich kann Mattes mit Menschen umgehen, ist freundlich, hört zu, erinnert sich an Gespräche von vor langer Zeit. Als Chef der deutschen Ford-Werke GmbH hat sich vor ihm keiner so lange gehalten, von 2002 bis 2016 hatte er in Köln das Sagen. Indes: Wer sich etwas genauer umhörte, der erfuhr, dass die Macht eigentlich in anderen Händen lag und Mattes wohl gar nicht so viel mehr als das deutsche Gesicht des amerikanischen Autoherstellers war. Immerhin: Diese Rolle hat er erfolgreich ausgefüllt, die deutschen Standorte Köln und Saarlouis wackelten nie.

          Auch dass er zuvor im Vertrieb von BMW gearbeitet hatte, merkte man ihm nicht mehr an. Niemand konnte zum Beispiel den hässlichen „2er Gran Tourer“ des Wettbewerbers so schön kritisieren wie er, nachdem sich das Modell bei irgendeiner Wahl zu einem überflüssigen Auto-Preis gegen einen Ford durchgesetzt hatte. Da war Mattes zudem schon Präsident der American Chamber of Commerce in Deutschland, kurz AmCham, kämpfte – vergeblich – für mehr Freihandel zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, für eine Stärkung der transatlantischen Achse. Dass Mattes dabei nicht erfolgreicher war, ist letztlich nicht seine Schuld, denn Donald Trump sah die Dinge ebenso anders wie in Sachen Freihandel rund um das Stichwort TTIP zuvor auch die deutsche Öffentlichkeit.

          Danach ging es weiter zum Verband der Automobilindustrie (VDA), dessen Präsident Mattes seit Anfang 2018 war. Nun ist es auch nicht Mattes’ Schuld, dass der Ruf der Branche schon zu jenem Zeitpunkt durch den Diesel-Skandal ruiniert war. Und doch ist etwas faul im Land der individuellen Mobilität: Sein alter Arbeitgeber Ford gehört zwar zu den ganz wenigen Unternehmen, die im Diesel-Skandal eine reine Weste zu haben scheinen. Aber PS oder Kilowatt hat der oberste deutsche Autolobbyist in seinem gutbezahlten Amt auch nicht auf die Straße gebracht. Schon in den Wochen vor der IAA haben Widersacher aus der eigenen Branche gegen ihn gearbeitet, Mattes habe Defizite in der politischen Unterstützung für die Industrie, hieß es. Mattes sei nicht gut genug vernetzt. Gerade der letzte Vorwurf verwundert, denn das Netzwerken ist eigentlich die größte Stärke des 63 Jahre alten gebürtigen Wolfsburgers (der Vater arbeitete bei Volkswagen).

          Er ist nur zu nett. Und er segelt zu sehr mit und zu wenig gegen den Wind. Er lässt sich dabei ausmanövrieren, gerade eben erst vom Frankfurter Oberbürgermeister, der seine Nichtberücksichtigung als Redner auf der Eröffnungsfeier der IAA für viel Tamtam missbraucht hat, anstatt für den Fortbestand der in ihrer Existenz bedrohten Autoshow in Frankfurt zu kämpfen. So weit muss man es erst einmal kommen lassen. Mattes wusste selbst, dass die IAA vielleicht nur noch einen weiteren Schuss frei hat; ein vernünftiges Konzept muss her. Seine Verbandsmitglieder haben ihm die Halse bei voller Fahrt offenbar nicht mehr zugetraut. Er hat die Konsequenzen gezogen.

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