https://www.faz.net/-gy9-87rka

Cabriolets auf der IAA : Der Himmel ist nicht genug

Das könnte was werden: Citroën öffnet den Cactus. Bild: Jean-Brice Lemal

Die Nachfrage nach Cabriolets war schon mal erfreulicher. Doch das muss nicht so bleiben. Etliche neue Oben-ohne-Autos auf der IAA machen Lust auf offenes Fahrvergnügen.

          5 Min.

          Das erste Auto der Welt war selbstverständlich ein Cabriolet. Das wird heute gern vergessen, wenn über die nachlassende Lust am offenen Auto diskutiert wird. Die Fahrzeuggattung der Stunde ist fraglos das SUV, eine Art Geländewagen, mit dem niemand ins Gelände fährt, weshalb ihm das Attribut „Sportlich“ beigelegt wird, was natürlich auch Humbug ist. Der Kundschaft ist das gleich, die Nachfrage nach den großen Wagen lässt einfach nicht nach, ihr Marktanteil an den Neuzulassungen beträgt in Deutschland fast 20 Prozent. Unglaublich.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Noch vor zehn Jahren war das Cabriolet das Auto der Stunde. „Ein Volk lässt die Hüllen fallen“, hieß es damals. 2005 war die Lust am Cabriolet in Deutschland auf dem Höhepunkt: 142000 Neuzulassungen bedeuteten einen Anteil am Gesamtmarkt von 4,3 Prozent. Danach erkaltete die Liebe der Kunden an der dachlosen Fortbewegung. Fast jedes Jahr waren fortan Rückgänge zu verzeichnen, nur noch knapp 81000 neue Cabrios fanden 2013 einen Fan, im vergangenen Jahr fielen die Offenen gar auf knapp 77000 Neuzulassungen zurück. Das ist fast die Hälfte weniger als noch vor zehn Jahren. Der Marktanteil lag 2014 bei 2,5 Prozent.

          Groß und auch noch offen: Die S-Klasse wird jetzt zum Cabriolet. Bilderstrecke

          Der Gesamtmarkt selbst ist auf hohem Niveau stabil, daran liegt es nicht. Vielmehr haben sich die Vorlieben der Kunden verschoben. Oder liegt es an den falschen Produkten? Der Trend zum Festdach-Cabriolet, das aus dem geschlossenen Auto ein Coupé macht, ist beendet. Sie kamen trotz aller praktischen Vorteile (Diebstahlsicherheit) nicht so gut beim Kunden an. Modelle wie der VW Eos oder der Volvo C70 sind inzwischen Geschichte und ohne Nachfolger, auch Ford, Peugeot, Renault und Mitsubishi haben sich aus diesem Nischenmarkt zurückgezogen. Peugeot hat auf der IAA aber die Studie Fractal dabei und hat das offene Auto wohl noch nicht ganz vergessen.

          Unter den ersten zehn in der deutschen Statistik sind nur der 4er-BMW und der Mercedes-Benz SLK Autos mit Klappdach. Und wie es heißt, wird der nächste offene 4er-BMW wieder ein Stoffdach bekommen. Puristen haben es schon immer gewusst: Ein wahres und authentisches Cabriolet hat ein Stoffdach. Diese sind heute auf einem technisch so hohen Niveau, dass Kälte oder Windgeräusche kaum noch ein negative Rolle spielen.

          Und es gibt nichts Romantischeres, als beim ersten Rendezvous in einem kleinen, engen Roadster zu sitzen und dem Regen zu lauschen, der auf das Dach prasselt. Womit wir beim Mazda MX-5 wären. Der debütiert in Frankfurt in Gestalt der neuesten Generation. Ohne den neuen MX-5, der im Februar 1989 auf der Chicago Motor Show zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sehen war, hätte es den späteren Cabrio-Boom vielleicht nie gegeben. Als der kleine Japaner so enthusiastisch vom Markt angenommen wurde, zogen BMW Z3 und Mercedes-Benz SLK nach, später kam der offene Audi TT dazu. Das allgemeine Interesse am Cabriolet wuchs außerdem.

          Der Cabrio-Markt hat sich in 30 Jahren vervierfacht

          Und es ist immer noch recht hoch, verglichen mit den achtziger Jahren: 1985 wurden in (West-)Deutschland nur knapp 18000 Cabriolets zugelassen. So gesehen hat sich der Markt in 30 Jahren vervierfacht. Die naheliegende Idee und den Mut, ein SUV-Cabriolet zu bauen und so dem darbenden Nischenmarkt auf die Sprünge zu helfen, hatte bislang nur Land Rover. Der offene Range Rover Evoque steht aber nicht auf der IAA, obwohl er schon im Frühjahr auf der Messe in Genf für 2016 angekündigt wurde. Alle Aufmerksamkeit auf der IAA soll wohl dem neuen Geländewagen Jaguar F-Pace gelten.

          Dafür traut sich Citroën mit einer herzerfrischenden Studie nach Frankfurt. Die Franzosen wecken die Erinnerung an den Méhari. Das Einfachmobil war seinerzeit zwischen Côte d’Azur und Ibiza der absolute Renner für unbeschwerte Tage am Strand. Ganz Kühne haben gar die Türen weggelassen und sich mit einer Kette als Absperrung begnügt. Nun muss der moderne C4 als Basis herhalten, und Citroën zeigt mit seinem Konzeptauto Cactus M, wo die Reise hinführen könnte. Das verbaute Material ist dem Outdoor-Bereich entnommen und soll den Freizeitgedanken sicht- und fühlbar machen.

          Falls die Tour durch Sand und Matsch Spuren hinterlässt, greift der Eigner kurzerhand zum Gartenschlauch und spritzt das Vehikel außen wie innen ab. Die Sitze halten das aus, sie sind mit Neopren überzogen, zur Entwässerung ist ein Ablauf im Fußraum vorgesehen. Ohne Türen wie früher geht es in der Moderne offenbar nicht mehr zu, sie sind aus kratzfestem Kunststoff. Sportliche Naturen werden sie einfach geschlossen lassen und mit einem Satz über die Reling springen.

          Ein Clou, der es womöglich nicht in die Serienfertigung schaffen wird, ist das aufblasbare Verdeck. Es verwandelt sich auf Wunsch in ein Zelt, und weil die darunter befindlichen Sitze sich zu einer Liegefläche klappen lassen, steht dem Schäferstündchen nichts mehr im Wege. Im Konzeptauto wirkt ein 110-PS-Vierzylinder-Benziner. Mal sehen, ob es so auf die Welt kommt. Zuzutrauen ist es den Franzosen, sie sind der Meinung, ihr Einfallsreichtum sei eigentlich grenzenlos.

          Nach 44 Jahren öffnet Mercedes wieder einen großen Wagen

          Schon sicher ist indes die Marktpremiere des Mercedes-Benz-S-Klasse-Cabriolets im Frühjahr 2016. Nach 44 Jahren der Abstinenz öffnen die Stuttgarter wieder einen großen Wagen. Die fünf Meter lange, offene S-Klasse ist natürlich mit allen technischen Hilfsmitteln versehen, die der Sicherheit dienen. Und weil es im Cabriolet nur dort ziehen soll, wo der Wind nicht stört, halten eine speziell abgestimmte Klimaanlage und Nackenföhn behaglich warm.

          Das im Kofferabteil unsichtbar verschwindende Stoffverdeck lässt sich bis 60km/h elektrisch bedienen, der Vorgang nimmt rund 20Sekunden in Anspruch. Geschlossen werden besonders niedrige Windgeräusche versprochen, Mercedes-Benz hat von der Türdichtung bis zur Schottwand ziemlich viel investiert, um Lärm draußen und Vergnügen drinnen zu halten. Für Vortrieb sorgt im S500 ein 4,7-Liter-V8 mit 455 PS und 9-Gang-Automatik, der nach Norm 8,5 Liter Super verbraucht.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Wem das nicht genügt, der greift zum S63 AMG mit Allradantrieb und dem 5,5-Liter-Biturbo-Achtzylinder mit seinen 585PS und brachialen 900 Newtonmeter Drehmoment. Der beschleunigt in 3,9 Sekunden auf 100 km/h. Spitzengeschwindigkeiten um 250 km/h sind kein Problem, aber auch kein Ziel, denn die Entdeckung der Langsamkeit wird hier auf eine Spitze getrieben, die es sonst nur aus britischen Gefilden gibt. Zum Preis sagt Mercedes-Benz noch nichts, wer grob 130000 Euro zuzüglich Nebenkosten ins Auge fasst, wird nicht allzu falsch liegen.

          Deutlich günstiger und deutlich öfter gibt es das Golf Cabriolet, das Volkswagen so dezent überarbeitet, dass es die Kundschaft kaum merken dürfte. Noch immer auf dem geschlossen längst verblichenen Vorgänger aufbauend, fährt der abermals erfrischte Bestseller mit Retuschen an Front- und Heckschürze sowie an den Seitenschwellern vor. Im Sinne neuer Fröhlichkeit werden sechs frische Karosseriefarben dargereicht, es gibt Heidelbeerblau oder Walnuss oder Honey Orange. Und das Stoffdach ist nicht mehr nur schwarz oder dunkelblau, sondern auf Wunsch ein Rotkäppchen. Am Preis dreht VW nicht, der offene Golf startet im November pünktlich zur Wintersaison unverändert mit 25100 Euro.

          Gegensätze: Smart Cabrio und Rolls-Royce Dawn

          Zwei Nummern kleiner geht es im Smart zu, der nun auch wieder um eine geöffnete Version ergänzt wird. Sie wirkt oben herum etwas filigraner als der geschlossene Bruder. Das in Rot, Schwarz oder Blau lieferbare Stoffverdeck verschiebt wie gehabt zwischen den beiden herausnehmbaren Dachholmen. Es legt sich mitsamt seiner beheizbaren Heckscheibe hinten ab, die Verwandlungskunst gelingt auch während der Fahrt.

          Allerdings bleiben die hinteren Seitenscheiben stehen. Sie sind dem Bestreben nach Steifigkeit sicher ebenso zuträglich wie die Stahlträger im Boden. Als Antriebsquelle stehen zwei Dreizylinder mit 70 oder 90 PS zur Verfügung, die nun nicht gerade Bäume ausreißen, aber zum Bummeln in deren Schatten ausreichen dürften. Los geht’s im Frühjahr 2016.

          Das ganze Gegenteil vom Smart ist der Rolls-Royce Dawn. Mit ihm reist der Lord im Morgengrauen davon, wissend um V12-Zylinder, 6,6 Liter Hubraum, 571 PS und ein maximales Drehmoment von 780 Newtonmeter. Schöner war wohl noch kein offener Rolls. Rund 330000 Euro beträgt der Basispreis. Oder 13 neue, offene Golf. Wenn das kein Glück bringt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ausschreitungen in Amerika : Die Polizei wird der Lage nicht Herr

          In Atlanta verletzt ein Wurfgeschoss einen Polizisten. In New York fährt ein Polizei-SUV in eine Menschenmenge. In Richmond wird ein Brand gelegt. Präsident Trump setzt auf die Armee, um „Amerika wieder großartig zu machen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.