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Zukunft der Ausstellung : Nächste IAA in Frankfurt oder Berlin

Rundgang vor dem Abgang: Bernhard Mattes an der Seite der Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der IAA Bild: EPA

Die deutsche Autobranche zerlegt sich, die Emotionen kochen hoch. Ihr Präsident tritt wegen Loyalitätsbruch zurück. Was wird nun aus der Messe?

          3 Min.

          Die deutsche Automobilindustrie muss aufpassen, dass sie sich nicht völlig auseinanderdividiert. Nach dem überraschenden Rücktritt ihres Verbandspräsidenten am Donnerstag herrscht eine Mischung aus Entsetzen, Schuldzuweisungen und dem Versuch, nach vorne zu blicken. Bernhard Mattes hatte seinen Rücktritt vom Vorsitz des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) zum Jahresende ohne Angaben von Gründen verkündet. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass er einen Vertrauensverlust und Loyalitätsbruch verspürt hat und diesen nicht hinnehmen wollte. Nach Informationen der F.A.Z. hat sich ein namhafter Headhunter auf die Suche nach einem Nachfolger für Mattes gemacht, ohne dass dieser davon wusste. Als Mattes dies erfahren habe, habe er die Konsequenz gezogen. Mit seiner Motivation habe das nichts zu tun, er sei auch nicht entnervt, heißt es aus Kreisen der Mitglieder. Er werde seine Termine weiterhin bis Jahresende wahrnehmen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Wer sein Nachfolger werden soll, ist offen, die Suche hat natürlich schon begonnen. Das Amt ist stark politisch ausgerichtet, man muss aber auch die Belange der Unternehmen durchdringen. Als Sollbruchstelle im Verband gilt das Verhältnis von Zulieferern und Herstellern. Schon gibt es Stimmen, die vor einem Auseinanderfallen des Verbands warnen, auch, weil die Konzerne den Lobbyismus in Berlin und Brüssel immer stärker direkt an sich ziehen.

          Vorstand und Präsidium des VDA wurden am Mittwoch von Mattes in Kenntnis gesetzt, allein schon, da sich nahezu alle relevanten Personen in Frankfurt befanden. Sowohl von den Mitgliedern des Vorstands als auch von denen des Präsidiums wird jede Beteiligung an der Intrige zurückgewiesen. Es wird aber auch nicht bestritten, dass es den Auftrag gab. Gerüchten zufolge führt die Spur zu Volkswagen, wo der Vorstandsvorsitzende Herbert Diess und Cheflobbyist Thomas Steg als Kritiker von Mattes gelten. Wolfsburg weist den Verdacht entschieden zurück.

          BMW ist nachhaltig verstimmt

          Im Verband rumort es seit Monaten. Es gibt eine Frontstellung zwischen VW auf der einen, BMW in der Mitte und Daimler, Opel und Ford auf der anderen Seite. Im Kern geht es darum, ob alle Kraft in batterieelektrische Fahrzeuge gelegt werden oder ob die Branche nach außen hin einen technologieoffenen Ansatz vertreten soll. BMW ist darüber hinaus nachhaltig verstimmt, weil der Konzern in den VW-Diesel-Skandal hineingezogen wurde, obwohl er nichts verbrochen hat. Mattes selbst wird vorgehalten, er sei als Verbandspräsident zu leise und scheue die Konfrontation. Seine Befürworter entgegnen, mit seiner sachlich-sympathischen Art habe er nach dem Diesel-Skandal die Beziehungen zur Politik normalisiert.

          Inmitten dieser explosiven Stimmung muss die Branche eine Antwort auf die Frage finden, ob es im Jahr 2021 wieder eine Internationale Automobil-Ausstellung geben soll. Und wenn ja, wo. Nach Informationen der F.A.Z. gibt es zwischen dem veranstaltenden Verband der Automobilindustrie und den Städten Frankfurt und Berlin eine Art Reservierung. Die Messe Köln hat sich offenbar ins Spiel gebracht mit einem neuen Konzept und verweist auf die erfolgreiche Entwicklung der Messe Gamescom. Innerhalb des VDA wird derweil an einem Konzept gearbeitet, welches den Wandel der Messen und die Unlust der Hersteller an sündhaft teuren Ausstellungen berücksichtigt. Demnach sollen die Stände grundsätzlich kleiner werden, als Beispiel gelten etwa die 3000 Quadratmeter von BMW in diesem Jahr. An deren Seite sollen „Events“ stattfinden, also Diskussionsforen, interaktive Attraktionen oder vielleicht auch ein Popkonzert. Der mit dem Automobil verbundene Faktor Emotion, darüber herrscht Einigkeit, darf dabei nicht aufgegeben werden.

          Schon seit Jahren mit Berlin geliebäugelt

          Wie es heißt, sollen die Standortalternativen bis Jahresende geprüft werden. Insofern kommt für die Stadt Frankfurt der Streit mit deren Oberbürgermeister Peter Feldmann zur Unzeit. Der VDA hatte ihn nicht als Redner zur Eröffnung der IAA vorgesehen. Dort sprachen Mattes, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier, der amerikanische Chef von Waymo und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vier seien genug, hieß es. Vor zwei Jahren durfte Feldmann freilich noch sprechen. Feldmann vermutet, er sei wegen seiner kritischen Haltung zum Auto ausgeladen worden. Im VDA heißt es indes, man habe wochenlang versucht, mit dem Büro des Frankfurter Oberbürgermeisters Kontakt aufzunehmen, und keine Antwort erhalten. Man habe schlicht den Ablauf straffen wollen und Feldmann eine Rede an anderer Stelle angeboten, etwa während des Empfangs des VDA-Präsidenten am Mittwochabend.

          Mit Berlin als Standort hatte der VDA schon vor Jahren geliebäugelt, doch hat die Hauptstadt Gegner in den Gremien, weil sie als besonders autofeindlich und schlecht organisiert gilt. Die Entscheidung soll Anfang kommenden Jahres fallen. Dann allerdings wird der neue VDA-Präsident im Amt sein. Und wer weiß, was dann gilt.

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