https://www.faz.net/-gy9-9r7ub

Zu Protesten gegen IAA und SUV : Gespaltene Gesellschaft

Streitfall: Des einen Feind ist des anderen Liebling – etwa der beliebte SUV, gegen den an sich am Sonntag Tausende in Frankfurt auf die Straße gingen Bild: Lucas Bäuml

Haben sich die Blockierer selbst ein Bild von der IAA gemacht? Antwort: Kopfschütteln. Zugleich empörten sich Messebesucher, dass Kritiker es wagten, ihnen Folgen der Autonutzung vorzuhalten. Solche wechselseitige Ignoranz ist gefährlich.

          1 Min.

          Wenn das Wochenende eine Abstimmung mit den Füßen war, hat das Auto gewonnen: Als am Samstag zwischen 15.000 (Polizeiangabe) und 25.000 (Veranstalterangabe) Menschen für eine Verkehrswende demonstrierten, zählte die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) 60.000 Besucher. Und am Sonntag zählten die Blockierer vor den Messetoren nach Hunderten, während Zehntausende sich dennoch Zutritt verschafften.

          Diese Zahlen sind jedoch zweitrangig. Im Kern ist es ein Kampf um einprägsame Bilder und Parolen. Und die suggerierten draußen vor den Messetoren, dass das Ende des Autos sowie der IAA unmittelbar bevorstehe. Während drinnen die meisten sich um Spritschlucker drängelten, als wenn denen die Zukunft gehörte.

          Selbst die IAA besucht

          Die Gesellschaft scheint gespalten zu sein, und keine Seite interessiert sich für die andere. Wer die Blockierer am Sonntag und viele Demonstranten am Samstag fragte, ob sie eine IAA besucht hatten, um sich selbst ein Bild zu machen, erntete durchweg Kopfschütteln. Zugleich empörten sich Messebesucher, dass Kritiker es wagten, ihnen die Folgen der Autonutzung vorzuhalten.

          Solche wechselseitige Ignoranz ist gefährlich. Es kann Autofans nicht schaden, die Welt aus Sicht von Fahrradfahrern zu sehen, die sich ausgebremst und bedroht fühlen. Deren Argument, dass mit immer schwereren Autos der Kohlendioxidverbrauch im Verkehr nicht sinken kann, obwohl er das wegen der Klimas dringend müsste, ist auch nicht von der Hand zu weisen.

          Nicht nur Spritschlucker

          Autokritiker wiederum könnten auf der IAA entdecken, dass ihr Bild dieser Messe veraltet ist. Halbnackte Hostessen gibt es lange nicht mehr, gezeigt werden dort auch nicht nur Spritschlucker, sondern ebenso Kleinwagen und Elektrofahrzeuge, E-Bikes und E-Scooter, Carsharingangebote und alternative Verkehrskonzepte. Die Forderung vieler Demo-Redner, die IAA müsse sich zur Mobilitätsmesse wandeln, ist längst eingelöst. Und die Gegner könnten sehen, dass es durchaus noch viele Menschen gibt, die ein Auto für unverzichtbar halten, sei es als Ausdruck individueller Freiheit, als Fahrgenussmittel oder schlicht als flexibles Transportmittel.

          Die Gefahr wächst, dass Bürger sich in bequemen Meinungsblasen einschließen und die anstrengende Konfrontation mit dem Rest der Welt unterbleibt. Damit aber schrumpft die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, um Andersdenkenden entgegenzukommen. Sie gelten dann als Schwäche, als Verrat am Ideal. Und doch Kompromisse sind eine Stärke. Denn nur sie haben am Ende die Macht, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.