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IAA-Demonstrationen : „SUV uncool“

Vor dem Eingang zur IAA: Die Polizei schickt die Demonstranten erst weg, lässt sie dann aber doch gewähren. Bild: Lucas Bäuml

In Frankfurt schließen sich am Samstag so viele Demonstranten wie noch nie zum Protest gegen die Automesse zusammen. Ihr größtes Feindbild: der SUV. Dem Treiben auf der Messe könnten die Proteste kaum gleichgültiger sein.

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          Wäre der SUV aus Fleisch und Blut, man würde auf der Demonstration gegen die IAA sicherlich nicht so ruppig mit ihm umgehen. Aber er ist ja nun mal ein Auto und so lassen die Demonstranten kein gutes Haar an ihm. „Monster“, „Klimakiller“, „einen tonnenschweren Mittelfinger der Autoindustrie“ nennen sie ihn. „Mit den SUVs ist es so wie mit den Waffen in den USA: Jeder kauft sich einen, um sich sicher zu fühlen, aber am Ende ist es für alle gefährlicher“, schreit Marion Tiemann von der Bühne an der Frankfurter Hauptwache. Die Greenpeace-Aktivistin hat die Internationale Automobil-Ausstellung schon vor zwei Tagen besucht, als die Messe für Privatpersonen noch nicht geöffnet hatte, und die Wut in ihrem Bauch „auf diese Autos, die nicht in eine Stadt gehören“ ist seitdem so sehr gewachsen, dass sie sie jetzt einfach rausbrüllen muss.

          Gegen Mitstreiter von Tiemann liegen 22 Strafanzeigen wegen Landfriedensbruch vor, weil sie am Donnerstag während des Messerundgangs der Bundeskanzlerin auf Autos gestiegen sind und Plakate, auf denen „Klimakiller“ stand, hochgehalten haben. Solche Mittel des zivilen Ungehorsams lehnen die Organisatoren bei dem Protest an diesem Samstag entschieden ab. Sie demonstrieren erst in der Innenstadt, dann auf der anderen Straßenseite der IAA, nur ein paar Fridays for Future-Vertreter und Demonstranten der Organisation Campact haben sich bis vor zu den Stufen eines Messeeingangs getraut. Die Polizei schickt sie erst weg, lässt sie dann aber doch gewähren. Ein Mädchen hält ein Schild hoch: „SUV uncool“.

          Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), die Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace und vier andere Organisationen haben die #aussteigen-Demo gegen die IAA organisiert. Sie ist Teil eines Protestwochenendes, das mit einer Fridays for Future-Kundgebung am Freitag begann und mit einer Blockade der Messeeingänge durch das junge, von der radikalen Bewegung „Ende Gelände“ inspirierte Bündnis „Sand im Getriebe“ am Sonntag enden wird. Während „Sand im Getriebe“ mit mehreren hundert Teilnehmern rechnet, hatten die Organisatoren von #aussteigen 20.000 Demonstranten angemeldet.

          Vor der Messe, in der die IAA stattfindet, wird bei einer Abschlusskundgebung für mehr Klimaschutz und eine Verkehrswende demonstriert. Bilderstrecke

          Zu Beginn ist ihr Protestzug dünn und leise, ab und zu kommen – wie sollte es anders sein – Anti-SUV-Schlachtrufe auf: „Es gibt kein Recht auf SUV fahren“. Aber als die Demonstranten gegenüber der IAA angekommen sind und nach und nach immer mehr Fahrradfahrer eintreffen, zeigt sich das Ausmaß des Protestes. Es gibt Probleme, weil der Platz für die Räder knapp wird, die Wiese der Friedrich-Ebert-Anlage ist zugestellt, ein Portier des Fünf-Sterne-Hotels „Hessischer Hof“ versucht verzweifelt, Fahrraddemonstranten aus der Einfahrt zu scheuchen.

          Die Menschen sind aus allen Himmelsrichtungen gekommen, über Offenbach im Osten Frankfurts sollen den Organisatoren zufolge 4000 geradelt sein, über Mainz-Kastel und Rüsselsheim 800 oder 1000 – je nachdem welchem Teilnehmer man glaubt. Zwölf sogenannte Sternfahrten gab es, insgesamt, schätzen die Veranstalter, stehen nun 18.000 Menschen mit ihren Rädern auf der Wiese und stopfen gierig Käsebrezeln in sich hinein. 7000 Demonstranten sollen hierher gelaufen sein. Das macht alles in allem 25.000. Die Polizei geht von insgesamt 15.000 Menschen aus. Einen so lauten Widerstand hat die IAA in ihrer über hundertjährigen Geschichte noch nicht erlebt. Gleichzeitig haben Anti-IAA-Demonstranten noch nie so viel Aufmerksamkeit erhalten. „Wir haben einfach gute Argumente“, sagt Torsten Willner vom ADFC, „und mittlerweile sind mehr Menschen bereit, sich für die Verkehrswende zu engagieren.“

          Die Veranstalter fordern unter anderem einen sofortigen Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor, analog zu Fridays for Future ein Klimaschutzgesetz bis Ende des Jahres, das das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels sichert und natürlich „effiziente Elektromobilität statt dicker SUVs“. Die Teilnehmer haben „FCK SUV“-Sticker auf alles geklebt, was ihre Hände erreichen konnten – auch an den Laternenpfählen vor den Messeeingängen. Mitorganisator Campact hat eine Petition gegen die Geländewagen gestartet. Die Bewegung fordert eine Abgabe auf SUVs in Höhe von 50 Prozent des Bruttokaufpreises. Innerhalb von drei Monaten haben erst etwas mehr als 6000 Leute unterschrieben, aber die Hoffnung der Campact-Aktivisten flammt an diesem Protestsamstag wieder auf.

          Eine Vertreterin von Fridays for Future schimpft über SUVs als „bloße Statussymbole“, sie trägt einen Mercedes-Stern am Gürtel. Auch führende Köpfe der Bewegung wie Jakob Blasel und Linus Steinmetz sind aus dem Norden Deutschlands zum Friedrich-Ebert-Platz gereist. Fridays for Future hat ein Gesprächsangebot des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Veranstalter der IAA, genauso ausgeschlagen wie die #aussteigen-Organisatoren und „Sand im Getriebe“. Sie empfanden es als scheinheilig, aber angesichts der Proteste verkündet der VDA am Nachmittag noch mal, das er zu einem Dialog über „Klimaschutz und individuelle nachhaltige Mobilität“ bereitstehe.

          Zumindest an diesem Tag leben diese beiden Welten aber – von Polizeiabsperrungen klar getrennt – weiter nebeneinander her. Dem Treiben auf der Messe könnten die Proteste kaum egaler sein, hier fahren die SUVs am prominentesten Platz des Ausstellungsgelände über steile Rampen, gefühlt jeder zweite Stand ist ein Grill – auf der Friedrich-Ebert-Anlage wird währenddessen ausschließlich vegetarisch gegessen. Immerhin ist die Musik in der Messe und vor der Messe fast dieselbe.

          Die IAA, hoffen die Demoveranstalter, wird es in zwei Jahren so nicht mehr geben. Stattdessen soll eine Moblitätsmesse stattfinden, bei der nicht mehr das Auto im Vordergrund stehen soll, sondern Busse, Bahnen, Fußgänger und vor allem Radfahrer.

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