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Vor der IAA : Internationale Absage-Ausstellung

Solche Autos sind auf der IAA kaum zu finden. Lamborghini bleibt der Messe noch treu. Bild: AFP

Die IAA wackelt. Von 34 marktrelevanten Automobilmarken sind in diesem Jahr 19 nicht auf der Messe in Frankfurt. Neue Inhalte sollen die IAA retten.

          5 Min.

          Ist das IAA-Glas halbleer oder halbvoll? Die Optimisten sagen, es sei halbvoll, doch auch das beschönigt noch die Situation. Von 34 marktrelevanten Automobilmarken in Deutschland, die das Kraftfahrtbundesamt für seine Statistiken listet, sind 19 nicht auf der Messe mit einem eigenen Stand vertreten. Dazu fehlen fast alle Nobelmarken und Exoten wie Maserati, Ferrari, Rolls-Royce, Bentley, Aston Martin, Lexus, Bugatti oder Cadillac.

          Boris Schmidt

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Flagge zeigen wenigstens Lamborghini sowie McLaren, und im Gegensatz zur Muttergesellschaft Volvo hat die neue Marke Polestar sehr wohl einen Auftritt in Frankfurt. Einige Marken sind zumindest erfahrbar, Renault und Dacia, Kia und Tesla haben zwar keinen Stand, doch sie gehören zu den 13 Ausstellern, die mit 72 Fahrzeugen Testfahrten möglich machen.

          Der IAA die Treue halten natürlich die deutschen Hersteller mit fast all ihren Marken, Ford und Opel sind auch dabei. Honda ist der einzige japanische Hersteller, der nicht kneift. Dagegen herrscht Fehlanzeige bei den Franzosen, und auch der FCA-Konzern um Jeep und Fiat spart sich den Auftritt. Gegen den Trend hat sich Jaguar Land Rover entschieden, die Messe als Plattform zu nutzen, um die Ikone Defender nach mehr als drei Jahren Pause neu aufzulegen und in Frankfurt debütieren zu lassen. Zusammen mit dem Serienmodell des rein elektrischen VW ID.3 dürfte er zu den Stars der Messe gehören.

          Der elektrische Porsche Taycan, der gewiss ähnliche Bedeutung hat, ist an diesem Donnerstag, wenn die Bundeskanzlerin traditionell das Hochfest der Automobilindustrie eröffnet, schon nicht mehr brandneu. Porsche hat ihn am vergangenen Mittwoch der Welt gezeigt, an drei verschiedenen Orten gleichzeitig, an den Niagara-Fällen, in China und in Neuhardenberg bei Berlin.

          Womit wir bei einem der Symptome wären, an denen die Automessen kranken, schließlich hat nicht nur die IAA Probleme, eine hinreichende Zahl relevanter Aussteller auf die Bühne zu bringen. Die Welt ändert sich, Messen sind nicht mehr automatisch der erste Platz, um ein neues Auto zu zeigen. Digitale Kampagnen legen die Hersteller heute viel lieber auf und bleiben abseits der eingefahrenen Wege. Sie wollen die Aufmerksamkeit für sich und sie nicht mit anderen Herstellen und Produkten teilen. Natürlich bot Porsche einen Livestream zur Taycan-Premiere im Netz an, da konnte jeder teilhaben, dabei sein und musste sich nicht die Mühe machen, zu einer Messe zu reisen und Eintritt zu zahlen. Nur: Anfassen und reinsetzen geht im Netz eben nicht.

          Dass die Messegesellschaften und vor allem die Hotels wohl die Preise überzogen haben, ist ein anderer Baustein der Krise. Ganz abgesehen von der Anti-Auto-Stimmung in Teilen einer das öffentliche Bild prägenden Bevölkerung. Da sagt es sich schnell ab, und schon ist ein Haufen Geld gespart, der in andere Marketingaktivitäten gesteckt werden kann, die vielversprechender erscheinen. Ob das aufgeht oder ein Irrweg ist?

          Die Menschen lieben das Auto nach wie vor

          Der sich abzeichnende Abschwung auf dem Weltmarkt, es werden wohl 81 Millionen Neuwagen verkauft, also vier Prozent weniger als 2018, hat vermutlich keinen direkten Einfluss auf die Entscheidung, eine Messe zu bestücken oder nicht. Die Entscheidung fällt gewöhnlich viel früher. Und es ist ja auch so, dass der deutsche Markt 2019 im Vergleich zum Vorjahr immer noch mit einem Prozent im Plus ist und der Weltmarkt immer noch um gut 50 Prozent über den Absatzzahlen von 2009 liegt, als 55,3 Millionen Autos verkauft wurden. Die große Mehrheit der Menschen liebt das Auto nach wie vor und will sich nicht vorschreiben lassen, wie sie sich künftig zur Arbeit oder in den Urlaub bewegen soll. Bus oder E-Bike sind Alternativen, aber die Wahl soll eben frei bleiben.

          Es ist keine Frage, die Automessen müssen sich neu erfinden. Einfach nur Autos hinstellen und die Leute kommen lassen funktioniert schon deswegen nicht mehr, weil die Autohersteller selbst dieses schlichte Konzept mehr und mehr anzweifeln. Der Verband der Automobilindustrie VDA, der für die IAA verantwortlich zeichnet, hat dies erkannt und tritt 2019 mit einem völlig neuen Konzept an. Das ging bisher ein wenig unter, weil sich viele Veröffentlichungen zur IAA im Vorfeld immer am Exodus der Hersteller labten und hinter vorgehaltener Hand auch schon über die vielleicht letzte IAA spekuliert wird.

          Davon will der VDA natürlich nichts wissen, er gibt sich einerseits kämpferisch, andererseits versucht er mit den Kritikern, die zur IAA mit Randale drohen, ins Gespräch zu kommen. Aber der VDA sagt selbstkritisch: „Eine klassische Automobilmesse allein genügt nicht mehr den Ansprüchen, die Aussteller, Besucher und Gesellschaft an einen solchen Event stellen.“ Es sei nicht mehr entscheidend, alles zu präsentieren, sondern die richtigen Anstöße zu geben und alle relevanten Akteure aus jeder beteiligten Branche zusammenzubringen.

          Offroad-Parcours als Erlebniswelt

          Was nach Phrasendreschmaschine klingt, wird mit neuen Formaten gefüllt wie der IAA Conference mit „Top-Speakern“ und Diskussionen zur individuellen Mobilität sowie der IAA Experience, also den schon erwähnten Testfahrten. Außerdem werden ein Offroad-Parcours als Erlebniswelt angeboten und die IAA Career, die sich an Studierende und Berufseinsteiger richtet. Auf der Freifläche können E-Fahrräder ausprobiert werden und ein autonomes Shuttle-Büsschen für vier bis sechs Personen pendelt um die Halle 10. Ob das die IAA retten kann?

          Autos gibt es auch noch, auf der „IAA Exhibition“. Der Otto Normalautofan, der vom kommenden Samstag an für ein Tagesticket online 13 Euro zahlt und damit immerhin drei Euro weniger als 2017, wird als regelmäßiger Gast vieles nicht wiedererkennen. Das fängt schon in der Festhalle an, das Entrée für alle, die über den Haupteingang kommen. Zwar ist Mercedes-Benz noch da, aber die Halle wird nicht mehr für mehrere Millionen Euro aufwendig umgebaut und mit zwei Ebenen versehen. „Es wird signifikant weniger Geld ausgegeben“, sagt Marketing-Chefin Bettina Fetzer. Die Sternen-Stellfläche wurde um 30 Prozent auf freilich immer noch üppige 8000 Quadratmeter reduziert. BMW dampft seine einstmaligen 11 000 Quadratmeter in Halle 11 um zwei Drittel ein. Dort werden jetzt außer der Tochtergesellschaft Mini und Haustuner Alpina auch die Wettbewerber Opel, Hyundai und Jaguar Land Rover aufgenommen.

          Es kommen schon knapp 800 Aussteller

          Mehr oder weniger alles beim Alten ist nur in Halle 3 für den VW-Konzern. In Halle 4 findet eine Sonderschau mit Oldtimern statt. Das kann man bei allem Geschrei um die Zukunft auch als Widerspruch verstehen. Wir wollen doch nach vorn schauen und nicht zurück. Eines fällt noch auf: Die IAA bleibt trotz des geringeren Angebots an Ständen eine Messe der so oft kritisierten langen Wege. Die Chance, alles enger zu fassen, wird nicht genutzt, obwohl neue Autos nur noch in vier Hallen präsentiert werden. Es kommen schon noch knapp 800 Aussteller, rund 60 sind direkte Zulieferer für die Autoindustrie von Aisin bis ZF. Die Ausstellungsfläche beträgt 168.000 Quadratmeter. Vor zwei Jahren waren es 994 Aussteller auf 200.000 Quadratmetern. Doch das Angebot in den Hallen 1 bis 5 unterzubringen, also diesseits der Bahnstrecke, die das Messegelände teilt, war wohl nicht möglich. Zudem gibt es einiges an Beiwerk. In Halle 1 hält Daimler vom 11. bis 13. September die „me Convention“ ab, eine Zukunftsschau mit Denkern und Nachdenkern, die zum Umfeld der IAA gehört, aber nicht deren Bestandteil ist. 3000 Besucher werden hier erwartet.

          Die Messe selbst hält sich mit Prognosen über den zu erwartenden Zuspruch zurück. Kein Wunder. Einst war die alle zwei Jahre stattfindende IAA eine Bank mit fast einer Million Besuchern. Vor vier Jahren kamen gut 920 000 Autofans, vor zwei Jahren waren es 810 000. 700.000 bis 800.000 in diesem Jahr würden der IAA gewiss gut zu Gesicht stehen. Doch die Unwägbarkeiten sind größer als sonst. Sollte es tatsächlich zu Beginn der Messe zu gewalttätigen Protesten kommen, könnte dies zu Lasten des weiteren Besuchs gehen. Für das Autoland Deutschland, für die Messegesellschaft und für die Stadt Frankfurt steht viel auf dem Spiel. Elf Tage der Wahrheit stehen bevor. Die IAA öffnet von diesem Donnerstag an bis zum Sonntag, dem 22. September.

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