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Autoindustrie nach Mattes-Aus : Sprachlos in Frankfurt

Mattes, Diess und Merkel bei ihrem IAA-Rundgang am Donnerstag Bild: Frank Röth

VDA-Chef Mattes wollte mit seinem Rücktritt nach Informationen der F.A.Z. seiner Entmachtung zuvorkommen. Denn ein Headhunter suchte wohl schon nach seinem Nachfolger.

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          Die Sprachlosigkeit in weiten Teilen der deutschen Autoindustrie ist auch am Freitag noch groß. Denn der angekündigte Abgang von Bernhard Mattes als oberstem Autolobbyisten des Landes hat am Donnerstagnachmittag nicht nur die Öffentlichkeit überrascht. Auch namhafte Mitglieder des mächtigen Branchenverbandes VDA traf die offizielle Nachricht vom Rückzug ihres Präsidenten um 17:21 Uhr, die die F.A.Z. kurz zuvor exklusiv verbreitet hatte, wie aus heiterem Himmel. „Das Präsidium war nicht involviert“, heißt es aus dessen Umfeld.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Vieles spricht tatsächlich dafür, dass der ehemalige Ford-Manager Mattes seine Entscheidung vorab nur einem sehr kleinen Kreis mitgeteilt hatte. Zunächst, so heißt es, habe man die Verkündung wohl bis nach dem Ende der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt geheim halten wollen. Doch als die Nachricht dann durchsickerte, musste rasch reagiert werden. Die VDA-Nachricht wirkte denn auch wie eilig zusammengebastelt und bestand nur aus dem spärlichen Satz, dass der Präsident sein Amt zum Jahresende niederlegen werde.

          Ein Debakel für die Branche

          Für die Branche ist diese Entwicklung ein Debakel, auch wenn Mattes und der Verband sich am Freitag bemühen, das Alltagsgeschäft so normal wie möglich weiterzuführen. Mattes nimmt seine Termine etwa auf einem Podium zur „Mobilität der Zukunft“ auf der Messe pflichtbewusst wahr. Zum Procedere der Nachfolge zunächst kein Wort.

          Doch der Schaden ist angerichtet. Nur wenige Stunden vor seiner Demission hatte Mattes am Donnerstag noch gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (beide CDU) Europas größte Automobilmesse eröffnet. Die Kanzlerin stärkte der Autoindustrie demonstrativ den Rücken, Bouffier kämpft um den Verbleib der Messe in Frankfurt. Und dann geht Knall auf Fall ihr wichtigster Ansprechpartner von Bord. Denn klar ist: Mattes ist von nun an ein Präsident auf Abruf.

          Volkswagen unter Verdacht

          Die Frage nach dem konkreten Anlass für die vorzeitige Aufgabe steht weiterhin im Raum. Die Antwort könnte lauten: Mattes wollte seiner drohenden Entmachtung zuvor kommen. Denn nach Informationen der F.A.Z. war ihm zu Ohren gekommen, dass eine Headhunter-Agentur längst mit der Suche nach seinem Nachfolger beauftragt worden sei. Dem Vernehmen nach führe die Spur zu Volkswagen. In Wolfsburg weist man diesen Verdacht auf Anfrage allerdings als „völligen Unsinn“ zurück. Damit habe man nichts zu tun. Wenn dem so ist, zeigt sich allerdings, wie tief die Gräben mittlerweile sind.

          Dass man in Wolfsburg mit der Arbeit des VDA vor allem in der Außendarstellung nicht zufrieden gewesen ist, ist jedenfalls kein Geheimnis. Der Konzern setzt wie kein anderer auf die Elektromobilität und wünscht sich als Speerspitze der Branche eine Person, die sich in Brüssel und Berlin entsprechend Gehör verschafft. Mattes, der erst im März 2018 die Nachfolge des früheren Politikers Matthias Wissmann angetreten hatte, konnte diese Rolle nie ausfüllen. In der öffentlichen Debatte blieb er weitestgehend blass, fiel nicht durch markante Beiträge auf. Mattes gilt vielmehr als ein Mann des Ausgleichs, Verbandsmitglieder loben seine interne Arbeit.

          Die Suche nach Antworten

          Denn im Verband rumort es schon seit langem. Im Gegensatz zu Volkswagen sehen die anderen großen Hersteller Daimler und BMW dessen Rolle vor allem als eine Art Technikverein, der angesichts der großen Herausforderungen bei Antrieben und Vernetzung eine Plattform für Innovationen sein soll.

          Im Frühjahr drangen schon einmal Spannungen an die Öffentlichkeit: Volkswagen forderte angesichts der politischen CO2-Vorgaben vom VDA eine klare Positionierung zur Elektromobilität, BMW und Daimler scheuen sich dagegen, alles auf eine Karte zu setzen. Auch auf der IAA betonte der neue BMW-Chef Oliver Zipse bewusst die Bedeutung der Brennstoffzelle für die Mobilität der Zukunft. Damals wurde sogar der VDA-Austritt von Volkswagen kolportiert. Zwar raufte man sich anschließend wieder zusammen, doch die inhaltlichen Differenzen bleiben.

          Nun stehen viele offene Fragen mit hoher Dringlichkeit oben auf der Agenda: Wie geht es weiter mit der IAA? Wer soll Mattes’ Nachfolger und damit das Sprachrohr für Deutschlands Leitindustrie werden? Wie soll sich der Verband künftig ausrichten? Wofür braucht man ihn in Zukunft überhaupt noch, wenn angesichts der gravierenden Umwälzungen in der Branche die Interessen sowohl unter den großen Automarken als auch zwischen Herstellern und Zulieferern immer weiter auseinander driften? Am Freitag waren darauf noch keine Antworten zu bekommen.

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