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IAA in Frankfurt : Wenn das Auto alleine bremst

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET - Andreas Brand

Sekundenschlaf, CD-Wechseln oder die Suche nach der Sonnenbrille im Handschuhfach: All das kann dazu führen, dass Autofahrer kurz abgelenkt sind - lange genug, um Unfälle zu verursachen. Eine automatische Notbremse soll das künftig verhindern. Wie das geht, zeigen Hersteller auf der IAA.

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          Schock. Es sind die letzten ein, zwei Sekunden, bevor ein Autofahrer seinem Vordermann auffährt. Gerade noch war die Fahrbahn frei. Der Fahrer wollte schnell aus dem Handschuhfach seine Sonnenbrille holen, kurz war er abgelenkt. In einer solchen Situation schafft es nur die Hälfte der Fahrer, überhaupt noch selbstständig zu bremsen.

          Moderne Fahrzeugtechnik soll hier den Fahrer zukünftig unterstützen. Autozulieferer wie Bosch und Continental bieten als Fahrzeugassistenten ein Notbremssystem an. Diese Technik könne einen Auffahrunfall zwar nicht mit hunderprozentiger Sicherheit verhindern, die Unfallschwere jedoch deutlich herabsetzen. Continental hat mit Mercedes Benz bereits die so genannte „Pre-Safe-Bremse“ in die Fahrzeuge der E- und S-Klasse eingebaut. Auch Bosch will im kommenden Jahr in Zusammenarbeit mit Audi eine ähnliche Technik für einen Oberklassewagen serienmäßig auf den Markt bringen.

          Mehrere Signale warnen den Fahrer vor dem Aufprall

          Wie der Notbremsassistent bei einem Auffahrunfall reagiert, können die Besucher auf der IAA in Frankfurt in einem Mercedes-Simulator miterleben: Das Fahrzeug nähert sich mit etwa 80 Kilometern pro Stunde einem Hindernis. Bis zum Aufprall sind es nur noch 2,6 Sekunden. Erste Gefahrenwarnung. Im Display neben dem Tacho blinkt ein rotes Warndreieck auf, dazu ertönt ein Piepston. Der Fahrer hat nun eine Sekunde lang Zeit, selbst zu bremsen. Tritt er nicht kräftig genug aufs Pedal, erhöht das System den Bremsdruck auf die Reifen zusätzlich bis zum erforderlichen Maß.

          Reagiert der Fahrer auf Piepston und Leuchtsignal nicht, setzt die zweite Gefahrenwarnung ein. 1,6 Sekunden verbleiben bis zum Aufprall. Der Gurt strafft sich. Die Bremsen werden kurz aktiviert, die Geschwindigkeit verringert. Der Fahrer verspürt einen Ruck. Auch jetzt kann er noch selbst den Wagen zum Stoppen bringen. Erst wenn der Fahrer etwa 0,6 Sekunden vor dem Aufprall weiter regungslos bleibt, übernimmt das Notfallbremssystem die Kontrolle. Es folgt eine Vollbremsung, der Aufprall ist da, aber mit deutlich weniger Energie.

          „Wir brauchen Augen des Fahrzeugs“

          Um eine automatische Notbremsung technisch umzusetzen, arbeitet Bosch mit einem Radar und einer Videokamera. Voraussetzung dabei ist das bekannte ESP, mit dem automatisch auf die Bremsen eines Autos eingegriffen werden kann. „Aber zweitens brauchen wir eben auch Augen des Fahrzeugs“, erklärt Herbert Hemming, Bereichsvorstand für Sicherheitssysteme bei Bosch. Die Technik erkenne, um welche Hindernisse es sich handele, welchen Abstand und welche Geschwindigkeit diese hätten.

          Continental auf der anderen Seite arbeitet neben Radar mit Infrarot. Dieser Sensor ist für den Nahbereich ausgelegt und kommt im Volvo „City Safety“ zum Einsatz. Im Stadtverkehr kann der City Safety den Aufprall auf ein Hinderniss vollständig verhindern, auf das der Autofahrer mit einer Geschwindigkeit von maximal 15 Kilometern pro Stunde zufährt. Ohne dass der Fahrer selbst bremst, stoppt das Auto automatisch mit voller Bremsleistung ab. Besonders vor Blechschäden kann das schützen.

          Farbe und Felgen statt Sicherheitsbewusstsein

          In jedem Fall geht es jedoch um die Sicherheit von Menschen. Die Unfallforscher der Versicherer gehen davon aus, dass mit einem Notbremssystem bis zu 28 Prozent aller Unfälle mit Personenschaden verhindert werden können. Allein 15 Prozent aller Unfälle in Deutschland sind Auffahrunfälle, bei denen Menschen verletzt werden oder ums Leben kommen. Doch derzeit ist das System noch wenig verbreitet und kostet einen Aufpreis von über 1000 Euro. Dass die Unfallzahlen allein viele Autokäufer nicht überzeugen, dieses Geld auszugeben, bestätigt Jürgen Bente, Referent für fahrpraktische Programme beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR): „Das Sicherheitsbewusstsein der Fahrer ist einfach noch nicht sehr ausgereift.“ Noch immer werde mehr darauf geschaut, was für eine schöne Farbe und welche Felgen ein Auto habe.

          Es hilft wenig, die Kunden mit Unfalldaten zu ködern, das weiß auch der Leiter der aktiven Sicherheit bei Mercedes Benz, Dr. Jörg Breuer. „Besser ist, wenn man in einem Simulator die Leute konfrontieren kann mit einer kritischen Situation. Dann erleben sie schnell, was ihnen das System bringen kann und sind eher bereit, es auch zu kaufen.“ Während Käufer von Premium-Modellen den Aufpreis eher verschmerzen könnten, sei es verständlich, dass ab der Mittelklasse die Käufer sensibel darauf reagierten. So schätzt Jürgen Bente vom VDR, dass erst in 20 oder 30 Jahren auch der gängige Kleinwagen mit dem Notbremssystem ausgestattet sein wird.

          Keine gesetzliche Vorschrift für Pkw

          Ganz anders sieht es bei den Nutzfahrzeugen aus. Für diese ist es ab 2015 Pflicht, in der EU ein Notbremssystem mit an Bord zu haben. Als erstes hat die EU eine Vorschrift für das Fahrerassistenzsystem ESP beschlossen, es tritt bereits ab 2012 in Kraft - für alle Neufahrzeuge.

          Allerdings: Auf die Schnelle Vorschriften auch für andere Fahrerassistenzsysteme zu machen, ist nicht immer richtig. Wenn jetzt ein minimaler Standard für ein bestimmtes Assistenzsystem festgelegt werde, gibt es weniger Anreiz für die Hersteller, etwas Besseres zu entwickeln, sagt der DVR-Fachmann für Fahrzeugtechnik, Welf Stankowitz. „Wir brauchen noch Zeit, um die bestehenden Systeme zu vervollkommnen, das heißt neue Erkenntnisse aus der Forschung einzubauen und sie miteinander zu vernetzen.“

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